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Foto von Dora Denerak Galyas
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Foto von Dora Denerak Galyas
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Julia Müllner: Die Präsenz des Unsichtbaren

February 25, 2021
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Dora Denerak Galyas

Kann Fermentieren eine politische Praxis sein? Die Choreografin Julia Müllner bringt ungeahnte (non-)humane Symbiosen auf die Bühne ihres ersten Stückes.

Julia Müllner beschäftigt sich in »gathering bacteria in my carrier bag« mit Mikroben, Fermentation und anderen biologischen Transformationsprozessen, um über das Zusammenleben im Anthropozän und Beziehungen ohne Hierarchien zu reflektieren. Im Gespräch mit Wera Hippesroither erzählt sie, was sich in ihrem »Carrier Bag« angesammelt hat und wie aus Mikroben Performer*innen werden.

Bereits vor einem Jahr war geplant, dass du vor Publikum erste Einblicke in dein neues Stück gibst. Leider musste dieser Termin Corona-bedingt kurzfristig abgesagt werden, nun zeigst du die Performance als Video. Hat sich der Arbeitsprozess durch die Pandemie verändert?

»gathering bacteria in my carrier bag« geht weit über die Aufführung selbst hinaus und hat etwas sehr Prozesshaftes. Die Dinge, mit denen ich mich beschäftige, wachsen sehr langsam – in mehrfacher Hinsicht. Weil die Auseinandersetzung nun schon mehr als ein Jahr dauert, bekommt dieser Wachstumsprozess noch mehr Zeit, was ein positiver Effekt ist. Neben Zeit ist Materialität ein wichtiger Aspekt des Stücks. Mir stellt sich gerade die Frage, wie ich diese im Videoformat vermitteln kann. Ich skizziere Szenen, denke die mikroskopische Ebene der Kameralinse mit und verstehe das Video eher als ein eigenes Gesamtwerk als ein Mitschnitt einer vielleicht nie existierenden Liveperformance.

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Foto von Dora Denerak Galyas

In welchem Verhältnis siehst du die Begriffe Prozess und Performance?

Der Begriff Prozess umreißt für mich das gesamte künstlerische Interesse, meine Ausgangsbasis, die sich über mehrere Arbeiten hinweg zieht. Mir gefällt an »Gathering Bacteria in my Carrier Bag«, dass mehrere Prozesse gleichzeitig und an verschiedenen Orten ablaufen: da wäre das Fermentieren zuhause, ein Booklet, das die Performance begleitet und das Probestudio. Die Arbeit an sich ist ein Prozess. Die Aufführung selbst wird dann kein Endprodukt, sondern eine Momentaufnahme sein.

Wenn ich das richtig verstehe, veranschaulicht das Booklet einen Konservierungsprozess. Welche Rolle spielt die textliche Ebene in deiner Performance?

Analog zum Fermentieren konserviere ich im Booklet labyrinthartig Bilder und meine Gedanken. Der Inhalt wächst seit über einem Jahr und soll sich im Moment der Performance mit der Aufführung vernetzen. Das Booklet sehe ich als Akteurin und „Carrier Bag“. Der Begriff stammt von Ursula Le Guin (The Carrier Bag Theory of Fiction, 1986) und rückt eine feministische Narration in den Fokus. Ihre alternative Geschichtsschreibung basiert auf der Idee, dass die erste Erfindung des Menschen kein Speer – also die männlich kodierte Waffe des Jägers – gewesen sein muss, sondern ein Tragebeutel zum Sammeln von Essen. Ausgehend von diesem Carrier Bag eröffnen sich neue Narrative, in denen auch Frauen und marginalisierte Akteur*innen Platz in der menschlichen Kulturgeschichte finden. Der Begriff ist zweideutig und meint den tatsächlichen Beutel sowie ein Netz, in dem sich all jene sammeln, die sonst durch die Maschen fallen. Ich nähere mich dem Booklet mit diesem Sammelbegriff: es ist ein Netz, in dem Dinge zusammenkommen und dann in die Performance hineingetragen werden können.

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Foto von Dora Denerak Galyas

Fermentieren ist für dich also eine politische Praxis?

Teil meiner Arbeit sind Experimente mit Kombucha, das ist ein Gärgetränk, in dem Hefen und Essigsäurebakterien Symbiosen eingehen. Erst durch die Symbiose wird das Zusammenleben verschiedener Lebewesen für das menschliche Auge sichtbar und materiell greifbar: an der Oberfläche des Tees bildet sich ein glibberiges Floß, der SCOBY – symbiotic culture of bacteria and yeasts. Es gibt viele verschiedene Arten von Symbiosen, die aktiv verhandelt und diskutiert werden. Ein Diskurs findet statt – hier liegt das politische Moment. Ausgehend vom Themenkomplex habe ich verschiedene Texte rezipiert, etwa Lauren Fourniers Fermenting Feminsm aus 2017 oder Karen Barads Nature’s Queer Performativity aus 2011. Donna Haraway schreibt z.B. »Macht euch verwandt, nicht Babies!«. Sie fragt nach Alternativen zum Anthropozän und wie wir in Zukunft zusammenleben können. An anderer Stelle reflektiert sie über Machtverhältnisse: Muss der Mensch an der Spitze stehen? Wie sind Umwelt und Verwandtschaft zu denken? Sind wir bereit, von anderen Spezies zu lernen? Diese Fragen begleiten mich.

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Foto von Dora Denerak Galyas

Zurück zu deinem Stück. Welchen Status haben SCOBY und die fermentierten Objekte in deiner Performance?

Das sind eindeutig Akteur*innen. Ich sehe »Gathering Bacteria in my Carrier Bag« auch nicht als Solo, denn da performen viel mehr als nur ich. Das Kostüm z.B. ist als eigener Körper konzipiert und gleichzeitig Szenographie. Alles kann mehrere Rollen einnehmen und die verschiedenen Elemente begeben sich im Laufe der Inszenierung in eine Symbiose miteinander. Ich arbeite an einem fluiden Zusammenspiel, der Mensch ist in meinem Setting nicht Hauptakteur. Als Performerin bin ich ein Element unter anderen und schaffe einen Möglichkeitsraum, in dem verschiedene Arten von Begegnungen stattfinden, genauso wie beim Fermentieren. Mir geht es um Materialität und Reibungsflächen, um Verhandlungen zwischen meinem Körper und anderen Elementen im Raum.

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Foto von Dora Denerak Galyas

Den Blick auf Unsichtbares legen, ist das ein Leitgedanke für deine Arbeit?

Ja, denn was Subjekt und was Objekt ist, vermischt sich und ich verleihe dem Präsenz, was sonst nicht mit dem menschlichen Auge wahrnehmbar ist. Vor allem Barads Idee der sogenannten Queer Critters fasziniert mich. In der Natur sind Queer Critters Lebewesen, die sich keiner eindeutig bestimmbaren, einzelnen Identität anschließen. Sie nennt zum Beispiel Schleimpilze, die die Form ändern und weder eindeutig Pilz noch Tier sind. Das ist so geheimnisvoll. Beim Fermentieren gefällt mir der Gedanke, dass sich eine neue Lebensform bildet, die es ohne das Zusammentreffen verschiedener Mikroben nicht gäbe. Es ist ein Miteinander. Zusammenleben ist gewissermaßen Zusammenarbeit. Diese Mikroben arbeiten aktiv daran, miteinander zu leben, was nicht heißen muss, dass alles in harmonischem Einklang funktioniert. Sie treten in einen Diskurs darüber, wie sie zusammen existieren können.

Julia Müllners Performance gathering bacteria in my carrier bag feiert im Rahmen des von brut Wien veranstalteten Festivals imagetanz am 21. März 2021 die Online-Filmpremiere.

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Photo by Susanna Hofer

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