Billie Clarken »Dead-on Display« 2022, photo by Miro Kuzmanovic
Billie Clarken »(Untitled) You Oughta Be In Pictures«, 2022, photo by Miro Kuzmanovic
Billie Clarken »(Untitled) You Oughta Be In Pictures« 2022
Billie Clarken »Reward Me For My Suffering« 2022, photo by Miro Kuzmanovic
Billie Clarken »The Hard Road (species-essence)« 2018, photo by Miro Kuzmanovic
Billie Clarken »Suspension of Disbelief« 2022, photo by Miro Kuzmanovic
Billie Clarken »Trap Door #2 (In the Memory of Others)« 2021, photo by Miro Kuzmanovic

Schattenseiten der Celebrity Culture – Billie Clarken im DOCK 20

July 20, 2022
Text by Philipp Lange

Billie Clarkens erste institutionelle Soloshow findet unter dem Titel »Cancel the Reboot« im Lustenauer DOCK 20 statt und thematisiert die Kehrseiten der Celebrity Culture. Ein Ausstellungsbesuch.

Billie Clarken »Dead-on Display« 2022, photo by Miro Kuzmanovic

Als »Reboot« wird in der Filmindustrie die erfolgversprechende Neuauflage eines alten Kassenschlagers bezeichnet. In eine zeitgemäße Perspektive übersetzt, erkennt er seine Vorgänger-Version – im Vergleich zum »Remake« – nicht an und richtet sich gezielt an ein neues Publikum. Die Beispiele, die Billie Clarken in ihren Arbeiten aufführt, gehen über Hollywood-Streifen hinaus, entstammen jedoch allesamt der US-amerikanischen Popkultur und entpuppen den »American Dream« als selbstzerstörerische Gesinnung.

Billie Clarken »(Untitled) You Oughta Be In Pictures«, 2022, photo by Miro Kuzmanovic

Da wäre beispielsweise das Fashion-Label »Abercrombie & Fitch« zu nennen, dessen Werbebilder der Künstlerin in »You Oughta Be in Pictures (2022)« als Ausgangsmaterial dienen. Mit kontroversen Marketingstrategien »rebootete« die Marke in den Neunzigern ihr Image und sah sich wiederholt mit Rassismus- und Sexismusvorwürfen konfrontiert. Nach der Vision von Mike Jeffries, einstiger CEO des Unternehmens, sollten die Kleidungsstücke von »cool, good-looking people« getragen werden – und nicht von vermeintlichen »not-so-cool kids«.¹ Was er meinte, stellen die sexuell aufgeladenen Fotografien ausschließlich »weißer« Teenie-Models unter Beweis, die im Label-eigenen Magazin um die Jahrtausendwende erschienen sind. Nach anhaltender Kritik, die weit über die einfältige High School-Porno-Ästhetik hinausging, versuchte sich das Unternehmen zuletzt in einer woken Wiedergeburt, um den Geschäftsverlusten der letzten Jahre entgegenzuwirken – ohne großen Erfolg. Clarken ruft die absurd-aufreizenden Modestrecken von damals wie in einer Ahnengalerie in Erinnerung, indem sie die objektifizierten Körper in schwarze Rahmen dicht beisammen hängt. Die Drucke sind als Rubbelbilder konzipiert, sodass die Motive erst hinter der aggressiv weggekratzten Metallschicht in Erscheinung treten. An ein gewinnversprechendes Glücksspiel anlehnend, reflektiert die Arbeit Strategien der Verführung, den Wunsch nach Zugehörigkeit und die (Un-)Sichtbarkeit toxischer Ideologien.

Billie Clarken »(Untitled) You Oughta Be In Pictures« 2022

In Clarkens künstlerischer Praxis ist die Aneignung, Reproduktion und Verfremdung vorgefundenen Bildmaterials ein wiederkehrender Prozess. Meist nehmen die Werke eine skulpturale Form an. Zu Beginn des Parcours durch das DOCK 20 sticht die Wandarbeit »Reward Me For My Suffering (2022)« beinahe buchstäblich ins Auge. Eisenstangen winden und bohren sich brutal durch ein Stück Schaumstoff. Darauf zu sehen ist der Schauspieler und einstige Profiboxer Mickey Rourke in einer Momentaufnahme aus Darren Arronowskys »The Wrestler (2008)«. In dem preisgekrönten Drama erstrahlte Rourke noch einmal im Rampenlicht, nachdem seine Tage fast schon gezählt waren. Die von ihm verkörperte Protagonisten-Rolle weist etliche Parallelen zu seiner eigenen, von Höhen und Tiefen geprägten Biografie auf und ermöglichte ihm gewissermaßen einen Reboot seiner Selbst. Den letzten ruhmreichen Sprung in den Boxring – sowohl der fiktiven als auch der realen Person – hält Clarken im Schwebezustand fest. Durch die Kombination des harten Stahls und des weichen, nachgiebigen Schaumstoffs spiegelt die Arbeit die Dissonanz einer verletzlichen Figur, deren Identität in erster Linie auf einem Idealbild von Stärke beruht. Symbolisch wird das Publikum an dieser Stelle von einem Scheinwerfer geblendet, ehe es die beiden Hauptausstellungsräume betritt.

Billie Clarken »Reward Me For My Suffering« 2022, photo by Miro Kuzmanovic

Die zwei großen Säle gleichen einer Mischung aus Spielplatz und Friedhof. Da steht zum Beispiel eine Schaukel, die eigentlich ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit zu vermitteln vermag. Ihr Sitz ist jedoch im verrosteten Gerüst verfangen, sodass uns freudestrahlend Anna Nicole Smith entgegenblicken kann. Das Ex-Playmate sorgte in den Neunzigern spätestens durch ihre Ehe mit einem 89-jährigen Milliardär für Schlagzeilen. Er verstarb kurz nach der Hochzeit und ließ einen Rechtsstreit um das Erbe zurück, den seine zurückgebliebene Gemahlin letztlich verlor. Die medial entblößte Smith versuchte es eher kläglich mit einer Schauspielkarriere, bis sie im Alter von 39 Jahren an einer Medikamenten-Überdosis ums Leben kam. Wer sie in »Dead-on Display (2022)« hilfegebend von hinten anschubsen möchte, bekommt eine vorbestimmte Perspektivlosigkeit vor Augen geführt. Rücklings baumeln ihr zwei erlegte Rehe vom Schaukelgestell herunter, die das ausgeschlachtete Schicksal des Promis im makabren Ton illustrieren.

Billie Clarken »The Hard Road (species-essence)« 2018, photo by Miro Kuzmanovic

Die Celebrity Culture stellt ein Faszinosum für Billie Clarken dar. 1992 in Fairfax, Virginia geboren und in den USA aufgewachsen, wirkte sich das, was auf den Titelblättern der Klatschmagazine landete, identitätsstiftend auf ihre Jugend aus. Vor allem jene Momente, in denen sich Erfolg und Leid durch mediale Aufhetzung überlappen, übersetzt sie nunmehr in eine künstlerische Sprache, die sich neben ihrem Fotografie-Studium (Virginia Commonwealth University) auch auf zwei Jahren bei Monica Bonvicini (Universität der Künste) begründet. Die Bildpolitiken der Kulturindustrie unterzieht Clarken einer kritischen Reflektion – auch indem wiederholt Gegenstände zum Einsatz kommen, die als Ready-mades von einem eigenen Vorleben erzählen. So präsentieren sich in der Ausstellung ausrangierte Kühlschranktüren, wie auch ein Fechthelm, durch den sich eine Ratte hindurchbeißt.

Billie Clarken »Suspension of Disbelief« 2022, photo by Miro Kuzmanovic

Unter der Kuration von Anne Zühlke inszeniert die Ausstellung Clarkens groteske Arbeiten auf eine Weise, die Momente der Irritation hervorruft. Eine künstliche Hecke versperrt etwa die Durchsicht von Raum zu Raum – und auf den ersten Blick auch den Durchgang. Ob sich das hochgewachsene Grün in ein verzweigtes Labyrinth fortsetzt, oder dahinter ein American Barbecue auf sich warten lässt, ist zunächst ungewiss. Oder spielt die Künstlerin mit »Suspension of Disbelief (2022)« auf die Kleinbürgerlichkeit an, die sich nach klischeehafter Vorstellung in einem Städtchen wie dem österreichischen Lustenau erwarten lässt? Clarken bezieht sich in ihren Neuproduktionen jedenfalls immer wieder subtil auf die Geschichte und die Gegebenheiten des Ortes, in dem tatsächlich geradlinig gestutzte Vorgartenbüsche zu finden sind. Die Ausstellung bringt das lokale und überregionale Publikum in einen Austausch mit dem DOCK 20, das nahegelegenen Institutionen wie Kunstmuseum St. Gallen oder Kunsthaus Bregenz qualitativ in Nichts nachsteht.

Billie Clarken »Trap Door #2 (In the Memory of Others)« 2021, photo by Miro Kuzmanovic

Ganz am Ende der Ausstellung wartet ein letztes Rubbelbild wie ein Grabstein auf sich. Der junge Aaron Carter, einst Kinderstar und Schwarm einer ganzen Generation, posiert in »Lifetime Supply (2022)« im sexy Slip für die Kamera. Mit seinem jugendlichen Körper erlangte der kleine Bruder des Backstreet Boys’ Nick Carter einen geradezu ikonischen Status. Noch immer kursieren Bilder von ihm als blonder Posterboy im Netz – auf Pornoseiten derart bearbeitet, dass sie den dort vorherrschenden Bildpolitiken entsprechen. Heute, nunmehr im Bad-Boy-Image, dreht Aaron Carter selbst Pornos. Vielleicht möchte er damit ungefähr das verkörpern, was Billie Clarken in ihrer Ausstellung fordert: »Cancel the Reboot«.

¹ Zitiert nach Mike Jeffries in: Benoit Denizet-Lewis: The man behind Abercrombie & Fitch, Salon, 24. Januar 2006.

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Photo by Fritz Enzo Kargl

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