Mary-Audrey Ramirez Photo by Neven Allgeier
Mary-Audrey Ramirez, They Miss Being Aware of Time, 2021, Polansky Gallery, Prague Photo by Jan Kolsky
Mary-Audrey Ramirez, They Miss Being Aware of Time, 2021, Polansky Gallery, Prague Photo by Jan Kolsky
Mary-Audrey Ramirez, They Miss Being Aware of Time, 2021, Polansky Gallery, Prague Photo by Jan Kolsky
Mary-Audrey Ramirez, BKEEPRs Garden, 2021, Beacon Munich, Photo by Dirk Tacke
Mary-Audrey Ramirez, BKEEPRs Garden, 2021, Beacon Munich, Photo by Dirk Tacke
QT UR EA, 2020, TRAUMABARUNDKINO Photo by Kitty Lee Schumacher
Mary-Audrey Ramirez Photo by Neven Allgeier

Mary-Audrey Ramirez: Wenn Werke wie Träume arbeiten

February 27, 2022
Text by Patrick C. Haas
Mary-Audrey Ramirez Photo by Neven Allgeier

»In einem Traum ist es doch so, du rennst irgendwie durch den Wald und findest ein verlassenes Gebäude - aber gleichzeitig ist das dein Schulweg und dieses Gebäude ist die Schulkantine, die deiner Großmutter gehört.«

Beim Betrachten der jüngsten Entwicklungen im künstlerischen Schaffen von Mary-Audrey Ramirez ist sogleich eine Obsession für das Jenseitige auffällig. Insektoide, glänzende Oberflächen, tropfende, klebrige Essenzen stehen im Kontrast zum sauberen weißen Raum einer Galerie. Die Fähigkeit der Künstlerin, Fantasie und reales Leben zu kontrastieren, ist eine überzeugende Stärke ihres Werkes. Worldbuilding ist ein integraler Bestandteil ihrer Praxis. Cosplay, Games und die stetige Migration des Digitalen in unsere Welt nutzt sie als Grundlage für ihre Arbeiten. Im Interview mit Patrick C. Haas versucht sie ihre Bilder, Gedanken und Ideen in Worte zu fassen.

Du schreibst deinen Werk- und Ausstellungstiteln eine große Bedeutung zu. So auch bei deinen aktuellen Ausstellungen »They miss being aware of time« und »BKEEPR’s Garden«. Wie kam es zu diesen sehr zeitgeistigen Titeln? 

Der erste Titel stammt aus einem Interview in dem ein junger Mensch seine Probleme mit mentaler Gesundheit und dem Verlust des Zeitgefühls in schwierigen Lagen beschreibt. Der Verlust eines Zeitgefühls ist eine drastische Erfahrung, die sicher viele in den letzten Monaten durchgemacht haben. Das hatte einen profunden Einfluss auf mich.
»BKEEPR’s Garden« ist eine Weiterentwicklung eines anderen Projekts und bezieht sich auf eine nicht realisierte Szene, die sich nun in München finden lässt.

Mary-Audrey Ramirez, They Miss Being Aware of Time, 2021, Polansky Gallery, Prague Photo by Jan Kolsky

Während der Pandemie hast du zwei Ausstellungen erarbeitet. Inwieweit hat sich das auf die Arbeit niedergeschlagen, oder ist es wirklich nur der Titel?

Die Ideen dafür waren schon vor der Pandemie gesetzt und ich war in diesen Dingen drin. Beide sind von einer Game Ästhetik geprägt, mit der ich gerne arbeiten wollte. Ebenso war es mein Interesse die Ästhetik der Dystopie zu hinterfragen. Und plötzlich waren wir mitten in dieser Katastrophe. Natürlich ist diese in »QT UR EA« nicht dargestellt, aber hier zogen viele Menschen sofort einen Link zum Lockdown. Das war ein einfacher Trugschluss für Personen, die meine Arbeit nicht so gut kennen. Tatsächlich war es so, dass die Ameisen bei Polansky Gallery »They miss being aware of time« ein kleiner Teil von der Installation hätte sein sollen.

Was ich an dieser Arbeit besonders mag, ist, dass sie sich so wie meine Stickbilder entwickelt hat - untypisch für meine Skulpturen entwickelte sich die Narrative im Prozess. Eine außergewöhnlich anstrengende Situation, weil meine Skulpturen in der Regel schon durchgeplant sind. Bei meinen Stickbildern, bin ich in einem meditativen und spontanen Zustand. Ich lasse mich von meiner Stimmung und aktuellen Eindrücken leiten - so ergeben sich die Erzählungen der Bilder ganz natürlich. Für Prag habe ich mit einer Farbe begonnen und plötzlich bestand die Notwendigkeit verschieden farbige Ameisen zu produzieren. So ergaben sich ein Clan der Insekten, die sich in drei Farben gliedern lassen und auf unterschiedliche Hierarchien anspielen. 

Mary-Audrey Ramirez, They Miss Being Aware of Time, 2021, Polansky Gallery, Prague Photo by Jan Kolsky

Weißt du, woran ich denken musste? Starcraft. Drei Leute, die gleichzeitig spielen und dieselbe Fraktion gewählt haben. Aber um sie unterscheiden zu können, bekommt jede:r eine andere Farbe zugeteilt. Auch die schwarzen Objekte auf denen die Ameisen sich bekämpfen, erinnern mich daran. Es ist als würde sie hier wichtige Rohstoffe abbauen und sich die Vorherrschaft sichern. 

Ich finde es ganz schön, dass du dich sofort an Starcraft erinnert fühlst. Genau um diese Offenheit geht es mir. Ich habe krasse Probleme mit Objekten zu arbeiten, die schon existieren. Für mich ist es okay, sich von etwas inspirieren zu lassen, aber ich will mich dann im nächsten Schritt distanzieren. Nur dann, finde ich, kreiere ich etwas, das eine Bedeutung hat. Ich sehe also etwas vor meinem inneren Auge, was ich gerne sehen würde und dann schaffe ich es. Es macht Spaß, dass es eine Idee aus meinem Kopf in die Wirklichkeit schafft. Immerhin haben diese Ideen Relevanz für mich, auch wenn das mitunter eine stressige Produktion mit sich bringt. Ich finde es wichtig, dass es zu einer gewissen Verträumtheit in meinem Werk kommt. In einem Traum ist es doch so, du rennst irgendwie durch den Wald und findest ein verlassenes Gebäude - aber gleichzeitig ist das dein Schulweg und dieses Gebäude ist die Schulkantine, die deiner Großmutter gehört. Es sind diese seltsamen Schichten, die keinen Sinn machen, aber wir verstehen sie irgendwie dennoch. Mir geht es darum, dass meine Werke wie Träume arbeiten: sehen und verfremden. 

Mary-Audrey Ramirez, They Miss Being Aware of Time, 2021, Polansky Gallery, Prague Photo by Jan Kolsky

Das heisst dieser Traumzustand deiner Werke nimmt für dich eine wichtige unbewusste Komponente ein und wird zum Filter für deinen Prozess? 

Ja, der Prozess wird zu einem Trichter. Ich sammle alles Mögliche ein und dann wird gefiltert. Auf diese Weise kam es auch zu den Ameisen. Wie du gesagt hast, könnten es drei verschiedene Teams sein, die gegeneinander kämpfen. Ich selbst bin nicht über diesen Gedankengang zum Arrangement gekommen. Für mich ist es wie ein Game, das denselben Gegner in unterschiedlichen Skins zeigt. Es macht andererseits auch Sinn, dass es wie im Sport verschiedene Teams sind. Im Prozess hat sich das Narrativ entwickelt, dass sie sich streiten und sich vollends zerfetzen. 

Daraufhin hat sich bei mir die Idee der emanzipierten Ameisenkönigin eingeschlichen, die ihren Job hinschmeißt und die Kolonie verlässt. Ein arroganter Schritt und auch etwas tragikomisch. Damit passte es wieder in meine Themen. Ein Bild, das von Außen eigentlich immer lustig ist, aber eine heftige Konsequenz mit sich bringt.

Mary-Audrey Ramirez, BKEEPRs Garden, 2021, Beacon Munich, Photo by Dirk Tacke

Wie überträgt sich das auf »BKEEPR’s Garden«?

Für die Ausstellung habe ich alles neu konzipiert. Sie hat jedoch Elemente bzw. Charaktere aus »QT UR EA«. Die BKEEPRs waren ein kleines Element in der Produktion, bekommen hier aber noch einmal ihre eigene Bühne. Der Garten ist ein Fragment dieser elaborierten Traumwelt/Dystopie die wir in Berlin geschaffen haben. Ein Gedanke der von Agnes Gryczkowska in ihrem Ausstellungstext noch mehr ausgeführt wird, in dem sie diese absurde Welt meiner Träume beschreibt. Es ist schön zu sehen, wie meine Überlegungen auch bei Anderen auf fruchtbaren Boden fallen und somit ein aktiver Austausch entsteht.

Mary-Audrey Ramirez, BKEEPRs Garden, 2021, Beacon Munich, Photo by Dirk Tacke

Das kommt in der Installation an beiden Orten ganz gut rüber, da es - eher untypisch für dich - auf einen Punkt zuläuft. Es konzentriert sich in diesem Raum zwischen den drei schwebenden Objekten, beziehungsweise auf das Schaufenster ausgerichtet. Irgendwo dort passiert etwas sehr Grausames bzw. Unaussprechliches. 

Das hat damit zu tun, dass die vorangegangene Ausstellung in einem Black Cube stattfand. Bis dahin wusste ich nicht, wie gut es meinen Arbeiten tut, wenn sie in einer solchen Umgebung gezeigt werden. Doch sie funktionieren fantastisch vor dem schwarzen Hintergrund. Sie kommen besser zur Geltung und da sich der Raum auf besondere Weise zurücknimmt. Ich merke, dass ich solche Eindrücke und Erfahrungen von vorherigen Ausstellungen mitnehme und ich hier stärker auf meine Arbeit übertragen habe.
Das gleiche gilt für den Blick in das Herbarium in München, mit dem künstlichen eingefärbten Licht verändert sich die Stimmung in etwas Außerirdisches

Das ist jetzt das dritte Mal, dass du sozusagen eine Ansammlung von insektoiden Wesen zeigst. In Dortmund gab es die kleinen Aliens, die Ratten in Baden-Baden und jetzt die Ameisen. 

Ich glaub Kämpfe sind in den letzten Jahren mein Ding. Es gibt die Hunde, die Ratten und die Ameisen. Die Hunde heißen auch »What a Kiss«, weil ich finde, dass wenn Hunde sich beißen, ist das so, als ob sie sich küssen würden. Bei den Ratten »Krasse Ratten« und Aliens ging es verstärkt um die Überlieferungen

QT UR EA, 2020, TRAUMABARUNDKINO Photo by Kitty Lee Schumacher

Handelt es sich bei den Ameisen nun um eine Kombination dieser beiden Themen? 

Nein nicht unbedingt. Ich glaube, es ist einfach ein Familienstreit und man zerfetzt sich hier ordentlich. Es ist eine Arbeit, die tatsächlich live erfahren werden sollte, auch um sie umschreiten zu können. Es gibt eine Hügeleinheit auf der nur violette Ameisen (Alien Ameisen) stehen. Auf den anderen sind die Grünen (Wrestler Ameisen) die gegen die Gelben (Abba Ameisen) vorgehen und nur die Gelben sterben. 

Es gibt am Anfang von Streitigkeiten immer Leute die nur zugucken, aber nicht handeln – das sind die Violetten. Ich fand diese passiven Zuschauer:innen wichtig für die Installation. Ganz nach dem Motto: wenn Zwei sich streiten freut sich der Dritte. Die Passiven entsprechen den Betrachter:innen der Ausstellung. Für mich geht es in diesem Streit darum, den Sündenbock zu finden. Die Gelben füllen diese Rolle aus. Ein wenig wie in diesem alten animatronischen Märchenpark in Luxemburg [Märchenpark Bettembourg], bei dem in kleinen Schaufenstern creepy Szenerien ohne Erklärung vorzufinden sind und sich die Geschichten basierend auf dem eigenem Wissen oder Unwissen konstruiert werden. Ich glaube am Ende geht es bei mir immer ums Absurde mit einem Augenzwinkern. Die Werke entstehen, weil ich meine Ideen nicht in Worten ausdrücken kann und visuelle Eindrücke für mich mehr Sinn machen.

Mary-Audrey Ramirez Photo by Neven Allgeier

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