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Raphaela Vogel: »Junkies, Säuglinge und die Petersburger Hängung«

June 30, 2022
Text by Josepha Edbauer

Raphaela Vogel inszeniert sich immer wieder ungeniert menschlich als Protagonistin in ihren raumgreifenden Installationen abseits medialer Grenzen, interagiert mit Technik spielerisch und kämpfend.

Photo by Laura Schaeffer

In Raphaela Vogels Installationen begegnet uns eine verwobene Welt: Skulptur und Technik fließen unzertrennlich geworden ineinander, audiovisuelle Elemente und architektonische Konstruktionen umklammern die Ausstellungsräume, mythologische Symbole und biographische Elemente werden zum hybriden System. Die Künstlerin selbst dabei immer in aktiv handelnder Position – schwindelerregend kreisende Drohnen und der direkte Austausch mit tierischen Protagonist*innen treffen auf die präzise Analyse sozialer Verstrickungen. Im Interview mit Josepha Edbauer spricht sie über ihre Praxis mit Spannungen, Wechselwirkungen und Abhängigkeiten.  

Wie gehst du an deine multimedialen Installationen heran?

Meistens mit einem Film oder einem Moment eines Films, einem Erzählungsatom. Oder mit einem Objekt, das wie ein Sandkorn in der Auster meiner verschiedenen Produktionsverfahren zur Perle wird.

Wie verhalten sich die Produktionsprozesse zu den Erzählungen in deiner Arbeit? Verlaufen diese klar trennbar parallel oder treten sie miteinander in Beziehung? 

Durch die Parallelführung vieler verschiedener Prozesse, sei es Musik, die Arbeit an Skulpturen, sei es die Filmproduktion, sammelt sich viel Material an. In einem weiteren Prozess stellt sich heraus, welche Elemente zusammengehören sollen.

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Auf welche Erzählungsmomente setzt du deinen Fokus?

In größter Klarheit etwas formulieren, das sich nicht sagen lässt.

Du hast von Musik gesprochen. Welche Funktion übernimmt sie? 

Ich lasse im Unklaren, ob die Erzählung von der Musik oder einem klassischen Plot vorangetrieben wird.

Woher kommt dein großes Interesse an Druck, auch räumlich verstanden? »Druck nach Expansion« ist eine Formulierung aus einem deiner Interviews, die mir dabei sehr zentral für deine Praxis scheint. Kannst du etwas darüber erzählen? 

Jedes Material muss zeigen, was es kann. Für manches Material ist Druck eine gute Regieanweisung – im physikalischen ebenso wie im übertragenen Sinne.

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Druck ist ja eine Kraft die in starker Wechselwirkung zu ihrer Umgebung steht. Wie machst du diesen metaphorischen oder tatsächlichen Raum sichtbar? Hier denke ich z.B. an den Einsatz deiner Tragkonstruktionen aber auch an die Welt-Perspektive die du oftmals in deinen Videos verwendest. 

Na ja, wie jede Kraft wird sie sichtbar, wenn sie die Kraft ausübt, das geht ja nur mit der Umgebung. Allerdings finde ich es spannender, eine Wand oder eine Tragkonstruktion nur genau so stark zu belasten, dass das Museum gerade noch nicht in sich zusammenbricht.

Die Analyse von Spannungsverhältnissen und die Darstellung von Abhängigkeiten, wie beispielsweise in der Arbeit »Müssen und Können« ist omnipräsent. Welche Spannungen interessieren dich? Und wie übersetzt du sie in Material? 

Ich mag Abhängigkeiten und das ist genau das Unmonumentale an meiner Arbeit: dass Dinge und Elemente physisch und narrativ immer an etwas anderem hängen und buchstäblich abhängig sind wie Säuglinge, Junkies und die Petersburger Hängung.

Welche Spannungen ergeben sich in der Zusammenarbeit mit nicht-menschlichen Akteur*innen?

Meistens gibt es da gar keine Spannungen, sondern eher gegenseitige Anfeuerung.

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Welche Rolle trägt Materialität dabei? 

Eine große, aber nicht an sich, nicht fetischistisch – »was für geiles Material!« – sondern dass es sich so und nicht anders verhält.

Meinst du mit verhalten die physikalischen Eigenschaften des Materials, oder ist auch die Medienspezifität, etwa eines Drohnenvideos, ein entscheidender Faktor für dich? 

Ja, aber nicht so im Godard’schen Sinne: »guck mal, hier ist der Lichttechniker« – sondern bei mir bestimmt das Medium die narrative Ausgangsidee.

Nach welchen Kriterien wählst du Materialien wie zum Beispiel recyclebares Plastik aus? Verstehst du sie rein technisch, oder interessieren dich auch die poetischen Aspekte dieser?

Als Pendant zum Modularen – also Strukturen, Traversen oder filmisch wiederkehrenden Motoren – eignet sich dieses Material, um metaphorische und tatsächliche Verbindungen herzustellen sowie eine formale Klammer vorzuschlagen.

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In deinen Skulpturen und Videos spielen immer wieder Tierdarstellungen eine tragende Rolle (und tragend im wahrsten Sinne des Wortes, so sind die physischen Elemente oft sogar Vehikel für technisches Equipment). Pferde, Kamele, Pfauen, Löwen und Giraffen. Wie wählst du diese Symbole? 

Es sind Tierdarstellungen, aber warum symbolisch? Das Kamel in meinem letzten Film war sehr real und ich habe es geküsst. Tiere verhalten sich auf bestimmte Weise und man schreibt das dann der Gattung zu. Kamele sind so. Menschen verhalten sich auch und das schreibt man dann dem Subjekt zu. Ich zeige Tiere als Subjekte und damit auch das Tierische an anderen Subjekten.

Und wie setzt du dich als Mensch und als Künstlerin in Beziehung zu den Tieren? Welche hybride Form von Subjektivität entsteht dabei?

Ich versuche, soweit es geht, meine eigene Subjektivität zu diffamieren, indem ich mich mit der tierischen, vermeintlich unterkomplexen Subjektivität, auf eine Ebene stelle. Dann stellt sich deren wahre Komplexität heraus – und ich habe mich auch wieder aufgewertet.

Deine Arbeiten transportieren sehr viel zutiefst Menschliches, so etwa Verletzlichkeit und Kraft – während dies formal sehr technischen Verfahren gegenübersteht. Woher kommt das Interesse für diese aufwendigen technologischen Produktionen? 

Seitdem ich eine eigene Kamera habe, wünsche ich mir eine autonome Kamerafahrt (weil ich gerne alleine im Studio arbeite) und ich habe diese auch versucht mit aufwendigen Konstruktionen herzustellen: Sobald die erste Drohne ca. 2012 auf dem Markt war, habe ich mir sofort eine gekauft.

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In deinen Arbeiten wird oftmals sehr spezifischer Raum zur Projektionsfläche: Tierhäute, spinnenartige Gerüste oder Züge aus dem Barbie-Universum. Wie stehen diese Real-Räume in Zusammenhang mit den digital ausgestellten Filmkulissen? 

Oft bestimmt die vorhandene Architektur die, wie du sie nennst, digitalen Filmkulissen. Ich mag es, wenn sich modulare Strukturen anpassen oder der Raum und oder die Besucher*innen an die Grenze ihrer physischen und geschmacklichen Belastbarkeit gebracht werden.

Kannst du uns eine Vogel-Perspektive auf die Biennale geben? 

Von oben kann man nicht ins Arsenale reinschauen.

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Und zuletzt: Warum Hubert von Goisern?

Er ist der Königspudel des Austro-Pop.

Raphaela Vogel hatte Soloausstellungen u. a. in der Kunsthalle Basel, der Berlinischen Galerie, der Volksbühne Berlin, dem Bonner Kunstverein und dem Kunsthaus Bregenz. Ihre Arbeiten sind gerade in der Gruppenausstellung der 59. Biennale in Venedig »The Milk of Dreams« vertreten, sowie in »World out of Joint« im Kunst Museum Winterthur. In der Galerie Gregor Staiger Zürich war gerade ihre Show »Vor den Toren der Sprache« zu sehen, sowie »My Appropriation of Her Holy Hollowness«. 

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