Foto von Marie Haefner
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Constanze Ruhm: »Immer Weiter Proben«

May 27, 2022
Text by Leon Hösl

Welche Rolle spielt Kritik im Kunststudium? Constanze Ruhm, Professorin für Kunst und Digitale Medien, sprach mit Leon Hösl über ihr Verständnis von künstlerischer Lehre und ihre Vorliebe für unvollendete Erzählformen.

Foto von Marie Haefner

Die AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE WIEN ist seit mehr als 300 Jahren eine der bedeutendsten Bildungseinrichtungen für Künstler*innen. Mit dieser Interviewreihe gibt das PW-Magazine Einblick in die Lehre und das künstlerische Schaffen der Professor*innen.

Du hast an der Universität für Angewandte Kunst in Wien studiert und warst als Professorin in Offenbach und Stuttgart tätig, bevor Du 2006 den Fachbereich Kunst und Digitale Medien an der Akademie in Wien übernommen hast. Wie haben sich die Kunstakademien im deutschsprachigen Raum in dieser Zeit verändert?

Als ich den Ruf nach Wien bekommen habe, gab es eine europaweit sehr intensive Diskussion über den Bologna-Prozess, der mit der Vereinheitlichung von Studiengängen gerade im Bereich der Akademien zu einem hohen Maß an Verschulung beigetragen hat. Das Diplomstudium an der Akademie verstehen wir dagegen als einen geschützten Raum, indem sich die Studierenden ausprobieren können und es eine Freiheit des Studierens gibt, ohne Druck von außen, sei es ökonomischer oder auch institutioneller Natur. Das ist ein Raum, den wir unbedingt bewahren wollen und die Akademie hat es damals zum Glück auch geschafft, dieses Diplomstudium zu erhalten.

Wenn Du Dich an Dein eigenes Studium zurückerinnerst: Gibt es Unterrichtsformen, die Du übernommen hast? Was machst Du anders als Deine früheren Professoren*innen?

Mein Ausgangspunkt in der Gestaltung meiner Lehre besteht nicht in der negativen Abgrenzung zu einem ehemaligen Professor, in meinem Fall war das Peter Weibel. Ich habe schon damals den Raum der Institutionen als einen größeren Raum gesehen, der über die Beziehung zu einer lehrenden Person hinausgeht. Die Idee von Meisterklassen und Meister*innen, von denen die Studierenden dann lernen dürfen, ist mehr als überholt und aus feministischer, institutionskritischer Perspektive auch unheimlich fragwürdig. In den Fachbereichen gestalten wir die Lehre in enger Zusammenarbeit zwischen Professor*innen und den künstlerischen Mitarbeiter*innen – in meinem Fall sind das schon seit langer Zeit Axel Stockburger und Barbara Kapusta sowie deren zwischenzeitliche Vertretung Marlies Poeschl. Gemeinsam schaffen wir einen Raum für die Studierenden, in dem sie sich aufhalten können, real, aber auch diskursiv und in dem sie auch wiederum voneinander lernen können. Dazu kommt: Das Lehren lernt man über die Zeit, das kann einem niemand beibringen.

Wie würdest Du den Ansatz dieser gemeinsamen Lehre beschreiben?

Lehren ist vor allem Kommunikation und der Versuch einzugehen auf das Gegenüber des oder der Student*in. Wir verstehen das Studium nicht als Angebot eines Modells, das die Studierenden übernehmen, um dann danach zu arbeiten. Wir versuchen, sie zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, das herauszufinden, was sie tun wollen und was ihr Thema oder ihre Themen sein könnten. In der Psychoanalyse würde man fragen: Was ist das Begehren? Und wenn man dieses Thema oder dieses Begehren gefunden hat, dann kann man es entwickeln. Das ist meine grundsätzliche Auffassung von Lehre. Es ist tatsächlich Kommunikation. Es ist so wie im besten humboldtschen Sinne, die Begegnung von Menschen, die gemeinsamen Interessen folgen.

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Es geht also um die Begleitung einer künstlerischen Entwicklung, wobei es wahrscheinlich auf die Balance zwischen einer gewissen Prägung und der Unterstützung des individuellen Wegs der Studierenden eine Rolle spielt.

Ich hoffe, dass ich niemanden präge. Unser Ziel ist es, einen Rahmen für Reflexion zu schaffen, dabei aber natürlich auch theoretische und praktische Fertigkeiten zu vermitteln. Aber diese sind nur Instrumente, welche die Studierenden dann benützen und selbstständig entwickeln müssen. Es gibt natürlich inhaltliche Schwerpunkte, in unserem Fachbereich sind das vor allem Themen aus der Medien- und Filmtheorie, aber auch feministische Theorien. Wichtig ist es, neben gewissen praktischen Techniken und der Beherrschung einiger Werkzeuge auch ein Interesse an verschiedenen Denkformen zu entwickeln und eine theoretische Neugierde zu vermitteln.

Es geht in Deiner Lehre also auch darum einen gemeinsamen Raum für theoretischen Austausch und Diskussion zu schaffen. Welche Rolle spielt darin die Kritik?

Dass man auch Kritik lernen kann und muss, ist für mich ein elementarer Aspekt des Unterrichtens – einen Diskurs zu führen, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, ohne dabei in einen Streit zu geraten oder die Kritik persönlich zu nehmen. Es ist wichtig, auch das Sprechen über andere Arbeiten zu üben. Man kann dabei lernen, die Kritik eher als ein Angebot aufzufassen, das einem gemacht wird oder auch, dass Kritik eventuell sogar gerechtfertigt ist. Denn es gibt per se kein Recht auf Rezeption oder auf großen Erfolg. Vor allem, da man ja in der Medienkunst nicht unbedingt die »Box Office Hits« schafft, sondern meist sehr komplexe und nicht immer so massentaugliche Werke entstehen. Mit denen adressiert und erzeugt man aber auch eine Öffentlichkeit und vergrößert sie. Man gewinnt mit der Zeit ein rezipierendes Publikum, das versteht, wovon man erzählt und mit dem man gemeinsam einen neuen Diskursraum eröffnet.

Während der Pandemie hat sich auch an der Akademie die Situation sehr verändert, das Studium fand weitestgehend digital statt – funktioniert das Unterrichten ohne Raum? Welche Rolle spielt das physische Atelier überhaupt noch für das Studium?

Ein geteiltes Studio ist unheimlich wichtig. Dort beginnen Gespräche, daraus entstehen Ideen, daraus ergeben sich wiederum Zusammenarbeiten, manchmal bilden sich sogar Kollektive, wie beispielsweise The Golden Pixel Cooperative, deren Gründungsmitglieder sich im Rahmen der Akademie kennengelernt haben. Selbst als Videokünstler*in oder als Filmemacher*in, die vielleicht nicht unbedingt diesen klassischen Atelierraum benötigen, muss man trotzdem auch mal ein Set oder Modell entwerfen oder eine Probe abhalten. Aber vor allem ist der gemeinsame Raum wegen der Möglichkeit der zufälligen Begegnung und des Austausches notwendig. Es ist sehr unproduktiv, wenn alle zu Hause sitzen und sich nur an Eröffnungen oder Festivals begegnen.

Du hast intensiv zur Probe als Phänomen und Strategie in zeitgenössischen, performativen und filmischen Arbeiten geforscht und geschrieben. Gemeinsam mit Sabeth Buchmann charakterisierst Du die Probe in ihrer Ambiguität zwischen Leistungssteigerung und unproduktiver Zeitverschwendung. Auch in Deinen Filmen spielen »Probensituationen« eine zentrale Rolle oder werden als Arbeitsweise eingesetzt, beispielsweise in »LA STRADA (È ANCORA) PIÙ LUNGA« (2021), und »COLD REHEARSAL« (2013). Warum interessiert Dich die Probe als inszenatorische Methode?

Unvollendete Formen und nicht auserzählte Konstellationen waren schon immer ein großes Interesse von mir. Ich zweifle immer an der Auflösung, weil ich nicht an Enden glaube, sondern überzeugt bin, dass es immer nur Abschnitte gibt, die man kurz besucht. An sich eine alte Idee, die sich schon in der spanischen Barockliteratur findet, dort haben die Figuren auch ein Leben außerhalb der Bücher. In meinen eigenen Filmen wimmelt es vor lauter untoten Film- und Theaterfiguren, die ihre Existenz beenden wollen, es aber nie schaffen, da eine fiktive Figur eben nicht sterben kann. Die Probe beinhaltet eine große Offenheit, in der das eine möglich ist, aber gleichzeitig alle anderen Möglichkeiten immer noch im selben Raum vorhanden sind. Damit ist die Form der Probe auch eine implizite feministische Kritik an einer typischen Form der westlichen Erzählung. Vor allem an der sogenannten Heldenreise, wo der meist männliche Held eine Transformation durchmacht, um am Ende geläutert aus der Geschichte hervorzugehen oder zu sterben. Solche Narrationen prägen auch Kulturen und stabilisieren patriarchale Hegemonien. Aus diesem Grund war die Probe für mich immer ein unheimlich attraktives Vehikel einer möglichen Kritik an solchen geschlossenen Erzählformen.

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Darin steckt sehr viel, was man auch auf eine Studien-Situation anwenden könnte – das offene Ergebnis, die Anwesenheit verschiedenster Möglichkeiten… Ist die Probe auch ein Begriff, der sich auf das Studium anwenden lässt?

Ja, das Studium ist eine Vorbereitung, eine Probe in diesem Sinne. Wobei es wünschenswert wäre, wenn die Probe über das Studium hinaus ginge. Nicht im Sinne von: Erst kommt die Probe, dann aber beginnt der Ernst des Lebens und jetzt müssen wir mit dem Probieren aufhören und ernsthafte Künstler*innen werden. Ich fände es schön, wenn man das, was man im Studium probiert, als Gedankenmodell und Orientierung in die zukünftige künstlerische Praxis mitnimmt.

Also die Kunstakademie als ein Ort, an dem die Probe geübt wird.

Immer weiter proben, immer weiter proben.

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