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Videostill von Constanze Ruhm »CRASH SITE / My_Never_Ending_Burial_Plot«, 2010. Courtesy die Künstlerin und sixpackfilm.
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Videostill von Lili Reynaud-Dewar »I Want All of the Above to Be the Sun (Tabakalera)«, 2020. Courtesy die Künstlerin und LAYR, Wien
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Gema Intxausti »East Berlin«, aus der Serie »Fotomatónes, Colección del Museo Artium, VitoriaGasteiz«, 2016. Courtesy die Künstlerin und Museo Artium, Vitoria-Gasteiz, Spanien.
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Paolo Cirio »White House (gesamte Serie)«, 2019. Foto von Anna Thiessen, Courtesy der Künstler und NOME, Berlin
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Kameelah Janan Rasheed »Method > Why?«, 2019. Courtesy die Künstlerin und NOME, Berlin
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Kathrin Stumreich »What would Ted Kaczynski’s daughter do…?«, 2016. Ausstellungsansicht, Ars Electronica Center, Linz, 2016. Copyright: Magdalena Sick-Leitner, Kathrin Stumreich, Bildrecht Wien, 2020.

Zaunritt der alltäglichen Revolte: »Cybernetics of the Poor«

April 21, 2021
Text by Jackie Grassmann
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Videostill von Constanze Ruhm »CRASH SITE / My_Never_Ending_Burial_Plot«, 2010. Courtesy die Künstlerin und sixpackfilm.

Wie viel Gegenmacht steckt in der Kunst als Kybernetik? Jackie Grassmann reflektiert in ihrer Spekulation über die Dressur pechfarbener Höllenhengste anhand der von Diedrich Diederichsen und Oier Etxeberria kuratierten Ausstellung in der Kunsthalle Wien.

Prolog. Eine Spekulation über das Gegenteil der Kybernetik:
Metaphysik, Mystik, Spiritualität, Zukunft, Magie, Wiederholung, Intuition, Poesie, Emotionen, Ahnungslosigkeit, 7,77 Milliarden Menschen, Unmessbares, das Wetter, Wetten, das Individuum, ein Clown. Ein Alien. Schizophrenie, CHAOS. LISTEN. Zufall. Spekulantinnen. Ein Geheimnis. Ein Scherz.

Die Kybernetik (frei aus dem Altgriechischen: »Steuermannskunst«) – in aller Kürze: die Lehre von sich selbst steuernden und regulierenden Systemen – ist groß. Das Licht der Welt im Kreißsaal einer Militärkaserne (oder an irgendeinem anderen Ort militärischer Operationen) erblickt, gibt es seit der Nachkriegszeit fast keinen Bereich, wo ihr Begriff einer*m nicht irgendwann unvermittelt, wie ein Jack in the Box, ins Gesicht springt. Als ob der Verschlussmechanismus zu schwach sei, um den Clown an der Sprungfeder in Schach zu halten. In der Nachkriegszeit von Kritiker*innen einerseits als ultimative Maschine zur totalen entmenschlichten Überwachung und Kontrolle gefürchtet, lag auf Kybernetik andererseits die Hoffnung einer heilsbringenden, neutralen Metawissenschaft – ein Tool zur Optimierung von X für eine »bessere« Gesellschaft.

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Videostill von Lili Reynaud-Dewar »I Want All of the Above to Be the Sun (Tabakalera)«, 2020. Courtesy die Künstlerin und LAYR, Wien

Es begeisterte der Traum einer universell gültigen regulierenden Formel (Input / Output / Feedback). Ein Triumph der Aufklärung, der die Funktionsweise eines Heizsystems genauso beschreib- und fassbar macht, wie Prozesse von kommunistischer Planwirtschaft, Stadtverkehr, Gehirn oder Kommunikation. Der Traum dieser Mannesweltformel scheint im Cyberkapitalismus der Postmoderne aufgegangen – in der schlimmsten denkbaren Form –, wie viele hoffnungsfrohe Projekte der Moderne, von der Atomspaltung bis zur Telekommunikation. Die ersehnte wie gefeierte Objektivität von Kybernetik findet in einer Kybernetik zweiter Ordnung, als automatisiertes Doubel ihre wahre Bestimmung: Tsunamis an personenbezogenen Daten werden durch Algorithmen gespült und eilen uns als personalisierte Aufforderung, Verführung und Manipulation ebenso voraus, wie sie uns verfolgen – durchs virtuelle und reale Leben –, während ihre Grenzregulierung wiederum vollständig aufgehoben zu sein scheint, zugunsten einer ständigen Beobachtung (»Hi, Alexa!«). Wie in John Carpenters späten 80er-Jahre-Film »They Live« reloaded. Nur, dass es für die Etablierung des kognitiven Kapitalismus keiner imaginierten außerirdischen Elite bedarf (QAnon lässt grüßen). Stattdessen haben sich die als notwendige Übel akzeptierten Befehle – oder der eigentlich ganz angenehme Lifestyle – als alles managende cyberneuronale Netzwerke von den Billboards in das Lebensgewebe geschlichen. Wie die Mechanismen, die hier unseren Alltag strukturieren wirklich funktionieren, wissen noch nicht einmal mehr die, die sie erfinden und bedienen, konstatiert Oswald Wiener in der in der Kunsthalle Wien ausgestellten Videoarbeit von Axel Stockburger. Die Rechenleistungen haben das menschliche Auffassungsvermögen bereits ins Unendliche überstiegen. No news: Die Blackbox bleibt black – der pechfarbene Höllenhengst der Kybernetik reitet trotz Dressur, auch wenn uns seine Anatomie ein Rätsel bleibt. Der arme Reiter staunt nunmehr als Zaungast.

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Gema Intxausti »East Berlin«, aus der Serie »Fotomatónes, Colección del Museo Artium, VitoriaGasteiz«, 2016. Courtesy die Künstlerin und Museo Artium, Vitoria-Gasteiz, Spanien.

Die COVID-19-Pandemie drängt unaufhaltsam als erstickter Schrei aus der Mundhöhle, was der Kunst (die noch nicht mit dem Markt identisch ist) schon seit Jahrzehnten auf der Zunge liegt: Was soll Kunst noch, in der hippen Welt des Marketings, wo jeder Widerspruch bereits auf ein T-Shirt gedruckt, für jeden Begriff der passende Diskurs-Zoom terminiert ist und Barfuß-Nazis mit Corona-Leugner*innen ihre Rolle als Establishment-stürzendes Enfant terrible der Gesellschaft okkupieren? Schon 1973, erklärt uns Adrian Piper, verterten in der Ausstellung mit ihrem Video »The Mythic Being«, lässig auf der Couch: »artists are as much a product of society as anyone else with any vocation«. Unterworfen, verspeist, eingespeist, eisessend, mitmarschierend. Die Linie ist dünn geworden zwischen kritischer Kunst und KaDeWe, investigativem Anspruch und fingerzeigender Verschwörungsparanoia, Emanzipation und Instagram-Selfie-Selbstvalorisierung. Drei Auswege liegen auf der Hand: der (künstlerische) Selbstmord, (ästhetische) Prostitution für Superreiche oder brüllen im Chor »Dünn ist nicht nonexistent!« 

Mehr Agora, Archiv und Seminar als Ausstellung, trägt »Cybernetics of the Poor« historische wie zeitgenössische Positionen, Strategien und Ansätze zusammen, die in der Zwickmühle dieses Terzetts die kleine Melodie der Revolte pfeifen und auf dem Unterschied bestehen, eines, aber eben nicht anderes zu sein. Man übt sich im Seiltanz der Ambiguitäten. Wie die Kuratoren Diedrich Diederichsen und Oier Etxeberria richtig feststellen, geht das nicht ohne die eigene Kompliz*innenschaft und die historischen Investitionen in ein Projekt der Kybernetik turned Cybercapitalism zu untersuchen. Deutlich wird dabei die sehr reale Machtlosigkeit von (Künstler*innen-)Individuen gegenüber dem System genauso, wie die Bedeutsamkeit konkreter Geschichten ihrer alltäglichen Revolten. Persönliche Strategien und Taktiken einer gewissen Wehrhaftigkeit zeigt die Ausstellung einige.

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Paolo Cirio »White House (gesamte Serie)«, 2019. Foto von Anna Thiessen, Courtesy der Künstler und NOME, Berlin

Gema Intxausti zum Beispiel nutzt Fotoautomaten – Orte für persönliche Selbstinszenierung, wie für verzweifelte Versuche, vergleichbare dokumententaugliche Mimik einzufangen –, um mit ihren Clownsbildern nicht nur die machtvolle Maschine vorzuführen, sondern auch eine anonymisierende Tarnung zu suchen, die sich der Idee eines immer erkennbaren face in the box entziehen. Oder Pedro G. Romero und Lili Reynaud-Dewar, die sich qua ihren tanzenden Körpern den institutionell antizipierten Bewegunsgsströmen und der Lenkung durch Architektur rhythmisch entziehen. Der Raum wird mit muskulär-ästhetischen Begehren bespielt, und entzieht sich rationalisierter Antizipation. Ohne Einzelkämpfer*innen, Trickstern, oder Aussteiger*innen den Stellenwert abzuerkennen, hallt die Warnung von Audre Lorde »For the master’s tools will never dismantle the master’s house« (1984) lautstark von den Wänden. Zu schnell reproduziert man genau das, was man zu enthüllen suchte. Vor allem wen man alleine im eigenen Zimmer Apparatschaften austüftelt, die technokybernetische Überwachungsversuche vereiteln sollen, wie die fiktive Tochter eines hochbegabten Terroristen in der Videoarbeit von Kathrin Stummreich. Logischerweise etabliert sie dadurch wiederum ihr eigenes durch Paranoia gefüttertes Überwachungssystem. Die Figur fragt sich schließlich auch, was das ganze eigentlich im Kunstkontext zu suchen habe.

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Kameelah Janan Rasheed »Method > Why?«, 2019. Courtesy die Künstlerin und NOME, Berlin

Eine Antwort darauf findet man bei Paulo Cirio. Er zeigt u.a. Präsidentenbilder, die eigentlich »öffentliches« Eigentum der USA sind und frei verfügbar auf der Regierungswebsite, gleichzeitig jedoch vom Getty-Image Imperium teuer vertrieben werden. Dieser mehrfachen Wertschöpfung wird durch die Platzierung im Museum noch eine weitere Dimension hinzugefügt. Die Kritik am Bild gehört hier zum Kunst-Produkt. Und Kritik hat Konjunktur. Wie viel Gegenmacht steckt also in der kleinen Lücke zwischen der Suche nach einem nicht (mehr) existenten Außerhalb in einer omnipräsenten Biopolitik und dem Versuch das System mit seinen eigenen Mitteln zu überholen, wo das Dagegen schon lang antizipiert ist und deshalb notwendigerweise tendenziell wirkungslos bleibt (»not so smart outsmarting the system«, wie Fred Moten bemerkt), bzw. im schlimmsten Fall sogar als Katalysator fungiert. Gerade die Pandemie scheint zu enthüllen, dass eine Kunst der Zukunft nur eine sein kann, die in Relationalitäten und Verwandschaften denkt. Sie muss gemeinsam nach Strategien suchen, sich inhaltlich wie strukturell in Form von eigenen Regeln, Partituren, Scores, Riten und Anleitungen, oder eben auch mit ihrem genauen Gegenteil zur Wehr zu setzen. Ein guter Anfang scheint, mit einer Praxis des kollektiven Verlernens aufzuwarten, so wie die Künstlerin Kameelah Janan Rasheed in ihren schwarz-weißen Prints. Bis auf ihre Materialität aufgedröselten Textfragmente aus Schulbüchern, setzen sich hier mit Theorie-Elementen aus z.B. Afropessimismus oder schwarzen Nihilismus zusammen, und bilden eine neue Sprache, die vor allem eines entblößt: die Armut der Kybernetik. Vielleicht sollten wir die pechfarbenen Höllenhengste getrost alleine in den Sonnenuntergang galoppieren lassen, während wir am Zaun entlang neue Welten bauen.

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Kathrin Stumreich »What would Ted Kaczynski’s daughter do…?«, 2016. Ausstellungsansicht, Ars Electronica Center, Linz, 2016. Copyright: Magdalena Sick-Leitner, Kathrin Stumreich, Bildrecht Wien, 2020.

Epilog. Ein spekulatives Tutorial für einen Zaunritt der Revolte:
Metaphern, Stories, Körper, Arme, Ärsche. Black futures, Fiktion und Ponys. Währung: ein Spiel, gute Karten. GLÜCK. BeRÜHRT. Worte, Töpfe und Spaghetti. Reproduktion und Flicken. TARNUNG. Schulden Schulen Teilen Kuchen Care – kollektiv. Fummeln im Dunkeln. Musik. Apokalypse, Popcorn und wieder Schuld. Leiden, leben, drängeln, Kuscheln. Gruppen. Resurrektion. Mit beiden Füßen aufstehen. Ordentliches Missverstehen.

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