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Foto von Eva Würdinger
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Nach der Katastrophe: »The Slowest Urgency«

June 10, 2021
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Eva Würdinger

In posthumanen Landschaften erzählt Philipp Gehmacher eine alternative Evolutionsgeschichte und verschränkt dabei taumelnde Körper mit nichtmenschlichen Aktanten.

Let’s face it, we all have the same questions: Environments to come. Citizenship and un-citizenship to come. Relationships to come. Spectacles to come. People to come. Gatherings to come.
Let’s face it, we’re all waiting for an answer.
1

Diese Sätze, verfasst und auf der Bühne vorgetragen von Andrius Mulokas, enthalten die Essenz des von Philipp Gehmacher choreographierten und bei den Wiener Festwochen 2021 uraufgeführten Stücks »The Slowest Urgency«. Fragen haben wir alle, auch die Tänzer*innen – viele Fragen, große Fragen. Doch Antworten bleiben aus. »The Slowest Urgency« ist wie eine Versuchsanordnung für den Ernstfall. In Zeiten von Pandemie, politischen und Klimakrisen wirkt das menschliche Leben zerbrechlicher denn je. Wie sehr unsere Verletzlichkeit mit der Zerstörung des Planeten zusammenhängt, wird auf schmerzhafte Weise immer deutlicher. Das Anthropozän hat längst ausgedient, doch wie geht es weiter? Hin zu einem Chthuluzän, wie Donna Haraway es vorschlägt? Wie Mensch-Sein im ausgehenden Anthropozän noch möglich sein kann, scheint der Ausgangspunkt für Gehmachers Gruppenstück zu sein, in dem zu Beginn vier Körper langsam zu vegetieren beginnen.

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Foto von Eva Würdinger

Der unter anderem von Haraway angestoßene New Materialism geht davon aus, dass die vorherrschaftliche Stellung des Menschen gegenüber »Natur« hinfällig wird, da alle Materie über Agency verfügt. Auch die traditionelle Unterscheidung in »Natur« und »Kultur« sowie die Dualität von »lebendig« und »leblos« werden damit unbrauchbar. Das gemeinsame Werden in einer »intra-aktiven« Verschränkung von humanen und nonhumanen Aktanten – wie es Karen Barad mit dem Begriff der Diffraktion beschreibt2  – spiegelt sich in »The Slowest Urgency« wider, das als Ode auf Prozessualität und Relationalität gelesen werden kann. Gehmacher schafft eine relationale Umgebung, »[w]here agency is an enactment, not something someone has, or something instantiated in the form of an individual agent.«3 Immer wieder werden thematische Anspielungen auf das Meer und die Evolution eingewoben, etwa im Textfragment von Elizabeth Ward (»I know we got out of the water. […] We know, we believe, we’ve been told of the evolution from water to land.«)4 oder wenn Peter Kutins Komposition an Meeresrauschen erinnert. Selbst die zur Decke rankenden Objekte von Liesl Raff lassen sich als floral deuten. »The Slowest Urgency« zeichnet Evolution als einen fluiden Prozess nach – ausgehend von formloser Masse bis hin zur Subjektwerdung und posthumanen Möglichkeiten.

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Foto von Eva Würdinger

Nur zögerlich kommen die Tänzer*innen in Bewegung, sie arbeiten dabei stets mit einer unsichtbaren Materie, bauen Sandburgen und Luftschlösser daraus, die später zu großen Wellen und Lawinen werden. Ganz im Sinne von Barad entstehen so materielle Verschränkungen, die das Subjekt in Relation zu seiner Umwelt verorten. Dabei geht es nicht einfach nur darum, nonhumane Akteur*innen miteinzubeziehen, sondern Wege zu finden, um über Kausalität, Handlungsmacht, Relationalität und Veränderung nachzudenken, ohne die Unterscheidung in human und nonhuman als selbstverständlich anzunehmen5. Eine gemeinsame Körpersprache müssen die Performenden erst finden. Und doch scheinen sie zu wissen: etwas muss geschehen, irgendwie müssen sie reagieren – Agency. Ihre Arme schwingen weit, sie strecken sie vor sich her, als ob sie etwas einholen wollen, was schon längst vorbei ist – Urgency. Eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber dem Voranschreiten der Zeit, dem Entfalten der Katastrophe schwingt mit. Aus der Ratlosigkeit (oder viel eher Ausweglosigkeit?) entspringt eine Ambivalenz, die im Titel wie in den Bewegungen angelegt ist. Der Aufruhr findet im Körper statt – vieles bleibt im Inneren, nur Fragmente wie die kurzen Textpassagen werden veräußert. Fast scheint »The Slowest Urgency« zu fragen: wie lange können wir noch? Wie lange ist das Anthropozän noch aufrecht zu erhalten? Die gleißende Energie kurz vor einem Kollaps liegt in der Luft.

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Foto von Eva Würdinger

»The Slowest Urgency« setzt die Tänzer*innen Juan Pablo Cámara, Roni Katz, Andrius Mulokas und Elizabeth Ward in eine metaphorische Landschaft voller Bruchstücke, wobei sie nicht als Subjekte, sondern als Materie in Verband mit anderer Materie agieren – sie verkörpern Barads Entanglements of Matter und wirken als posthumane Phänomene. In dieser Verschränkung unterschiedlicher Materialitäten wird eine Dezentrierung des menschlichen Subjekts denkbar. Körper, Sprache, Affekte und Technologie überlagern sich in der vielschichtigen Choreographie, um nach neuen Formen von Kritik – anstatt neuen Subjekten – zu suchen.6 Wenn posthumane Phänomene in der Perspektive des New Materialism sowohl Forschungsobjekt als auch -subjekt sind, greift Gehmacher genau diese Doppeldeutigkeit mit Tänzer*innen auf, die gleichzeitig als Akteur*innen und Körper – also Materie – agieren. Diese Diffraktion bringt wiederum selbst Materie hervor: die unsichtbare Masse, mit der die tanzenden Körper spielen.

Gehmachers choreographisches Vokabular wirkt von den Geistern des Anthropozäns heimgesucht und enthält Anspielungen auf Dualität, Technologie und Ökologie. Die Bewegungen bleiben zunächst in ambivalenten Andeutungen verhaftet, bis sie zu figurativen Gesten anschwellen. In Liesl Raffs Installation verschwimmen die Grenzen zwischen Objekt und Subjekt zunehmend. Anthropomorph – »Körper, die Relationen sind und nicht einfach Substanz.«7 Kutins Komposition unterstreicht diesen Eindruck mit Klängen, die mal organisch vertraut klingen, aber immer wieder bedrohlich entrücken, wenn sie zu dröhnenden Soundlandschaften anwachsen. Auch die Kostüme von Anna Schwarz scheinen ein Eigenleben zu erwirken. Mit der Verschränkung unterschiedlicher Aktanten geht auch Verantwortung einher, das scheint Gehmachers Choreographie in den Momenten zu unterstreichen, wenn es zu Interaktion und Zusammenarbeit zwischen den Tänzer*innen kommt, etwa wenn sie sich gegenseitig hochheben, stützen oder umarmen. Diese Verantwortung füreinander ist maßgeblich, denn wie posthumanes Zusammenleben nach dem Anthropozän aussehen kann, wird vor allem über kollektive Praktiken ausgehandelt:

We are responsible for the world within which we live, not because it is an arbitrary construction of our choosing, but because it is sedimented out of particular practices that we have a role in shaping.8

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Foto von Eva Würdinger

»The Slowest Urgency« ist eine Versuchsanordnung, die viele Fragen stellt, ohne Antworten geben zu wollen. Das Stück endet, wie es beginnt: die Tänzer*innen liegen zwischen Entspannung und Erschöpfung am Boden, strecken Arme und Beine von sich. Müdigkeit, zeugend von der Last der Dringlichkeit? Doch zu dieser Frage gesellt sich nach dem Gesehenen eine weitere: Ist die Evolutionsgeschichte wirklich ein endloser Loop? »We still don’t know why we are here and what we are supposed to be looking for. […] We think we know the world, we think we know ourselves, but we don’t.«9

1 Wiener Festwochen, Philipp Gehmacher: The Slowest Urgency, Programmheft, S. 8.
2 Siehe. v.a. Karen Barad, Agentieller Realismus, übers. v. Jürgen Schröder, Suhrkamp: Frankfurt a.M. 2012.
Adam Kleinman, »Intra-Actions. Interview with Karen Barad«, in: Mousse 34/2012, S. 77.

Wiener Festwochen, S. 5.
Vgl. Karen Barad, »Nature’s Queer Performativity«, in: Women, Gender and Research 1-2/2012, S. 32.
Vgl. ebd.
Wiener Festwochen, S. 6.
Karen Barad, Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning, Duke University Press: Durham 2007, S. 203.
Wiener Festwochen, S. 7.

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