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Foto von Marcella Ruiz Cruz
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Foto von Marcella Ruiz Cruz
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Julian Göthe: Unvernünftige Objekte

January 7, 2021
Text by Paula Thomaka
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Foto von Marcella Ruiz Cruz

In der Dysfunktion steckt die eigentliche Produktivität der Dinge. Julian Göthe erklärt Interieur zur Erweiterung des »Ichs«, während seine Skulpturen mit exzentrischen Formen auf ihren sozialen Kontext verweisen. Ein Interview über die Vorliebe für das Theatrale mit Paula Thomaka.

Die Akademie der bildenden Künste Wien ist seit mehr als 300 Jahren eine der bedeutendsten Bildungseinrichtungen für Künstler*innen. Mit dieser Interviewreihe gibt das PW-Magazine Einblick in die Lehre und das künstlerische Schaffen der Professor*innen.

Seit 2011 bist du Professor für Objekt-Bildhauerei in Wien. Was ist für deine Lehre von Bedeutung?

Ich habe zwei wunderbare Mitarbeiter*innen, Anne Speier und Michael Part, die stark an der Lehre beteiligt sind. Da wir alle sowohl ästhetisch als auch theoretisch von einem anderen Planeten kommen, entsteht ein produktives Arbeiten, auch weil wir nicht immer einer Meinung sind. Primär ist es für uns wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich Studierende geschützt fühlen und wir gemeinsam sprechen können. Da die Studierenden eine vielfältige Herangehensweise und Vorkenntnisse haben, achten wir darauf, dass alle eine Stimme in der Gruppe bekommen. Außerdem halte ich den konstanten und angstfreien Austausch für die beste Form, Kunst gemeinsam zu studieren. Und wenn ich gemeinsam sage, heißt das, voneinander lernen.

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Foto von Marcella Ruiz Cruz

Wie kann Kunst unterrichtet werden?

Der Prozess des Studierens geht mit Unsicherheiten einher. Diese produktiv zu nutzen, ist ein wichtiger Teil meines Verständnisses von Lehre. Für die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Sprache müssen wir kontinuierlich Fragen zu Ästhetik, Material, Inhalt und Produktion neu verhandeln, da sich die Welt um uns permanent verändert. Zudem sind die Studierenden häufig erst mal sehr stark auf sich zurückgeworfen. Daher versuche ich zu vermitteln, dass die Infragestellung und das Scheitern Teil der künstlerischen Arbeit ist, der ich genauso unterliege wie die Studierenden. Außerdem ist es wichtig, ein Außen zur Akademie herzustellen, indem Künstler*innen und Personen aus der Kunstwelt und damit externe Perspektiven Teil des Prozesses werden und unterschiedlichste Inputs geben. Denn ich bin noch immer der naiven Meinung, dass wir hier sind, um etwas Neues und Tolles zu kreieren, auch wenn die Umstände manchmal nicht so aussehen.

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Foto von Marcella Ruiz Cruz

In der Beschreibung deiner Klasse stellst du die Frage, ob Inhalte notwendig sind, um einer Skulptur eine Daseinsberechtigung zu verleihen. Inwiefern ist die Skulptur in deinem Werk autonom?

Viele Bildhauer*innen sehen das anders, aber ich glaube nicht unbedingt an die Autonomie der Skulptur. In meiner Praxis verorte ich die Skulptur eher in Zusammenhang mit sozialen und architektonischen Konstellationen sowie dem Gegenüber zum Objekt – was macht die Skulptur mit mir oder wie sieht sie neben mir aus? Meine Arbeiten bewegen sich oft zwischen den Bereichen des Theatralen und des Abwesenden. Überdies sind meine Skulpturen über viele verschiedene Dinge informiert, die sich im Objekt brechen und durch Oberflächen, Formen und Materialien kommunizieren. Mit Materialien meine ich aber nicht nur Metalle, Holz oder Straußenfedern, sondern sie beziehen sich auch auf Inhalte. Dadurch performen meine Arbeiten in unterschiedlichen Ausstellungskontexten sehr divers. Indem ich von »performen« spreche, den Dingen eine aktive Rolle zuteile, sagt das etwas über mein Verhältnis zu ihnen aus.

In einem vergangenen Interview sprichst du von Innendekor als inszenierte Erweiterung des Körpers. Was meinst du damit?

Die inszenierte Erweiterung des Körpers funktioniert so ähnlich wie bei der Bekleidung. Welche Botschaften werden durch mein Äußeres transportiert? Der wie auch immer gestaltete Privatraum entzieht sich meistens der Öffentlichkeit. Seit sich die Arbeitswelt durch Videokonferenzen mehr in den privaten Innenraum verlegt hat, ist das anders. Dabei überlegen wir sehr genau, welche Einblicke wir gewähren. Und das führt zu meiner Vorliebe für das Theatrale: Wie inszeniere und bewege ich mich in meinem Interieur, was sagt das über mich aus? Somit kann das Innendekor als Erweiterung des »Ichs« betrachtet werden. Ich arbeite häufig mit Elementen des Bühnen- und Setdesigns, des Schaufensterdisplays und Formen der Möbelgestaltung sowie des Innendekors, wobei sich zum Teil sehr exzentrische Formen ausgebildet haben.

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Foto von Marcella Ruiz Cruz

Was fasziniert dich an diesen exzentrischen Formen?

Mich interessieren Objekte, die unvernünftig sind und eine widerspenstige Attitüde besitzen. Ich finde den gut gestalteten Stuhl von Charles Eames nicht spannend, obwohl dieses Design aus demokratischen Gründen natürlich gutzuheißen ist. Dysfunktion sowie Widersprüche im Design und Material ermöglichen es, die Frage danach zu stellen, was sie repräsentieren. Deswegen sehe ich in Widersprüchen ein Grundthema innerhalb meiner künstlerischen Arbeit. Diese können zum einen die Vermittlung von Werken erschweren, aber durchaus ein produktives Moment im Diskurs über Arbeiten entstehen lassen. Es gibt Materialien, die kontaminiert sind und jenseits des Ästhetischen befragt werden müssen. Wer waren die Personen, unter welchen Bedingungen sind die Sachen entstanden, wie waren die politischen und sozialen Rahmenbedingungen? Man muss die eigenen Vorlieben auseinandernehmen, hinterfragen und die negativen Aspekte mit einbeziehen und diese Widersprüche aushalten.

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Foto von Marcella Ruiz Cruz

Wenn wir schon bei Widersprüchen sind, was hältst du von der Idee ökologisch nachhaltiger Arbeit im Kontext der bildenden Kunst?

Meine Arbeiten sind meistens aus Metall oder Holz gefertigt und unterliegen den herkömmlichen Produktionsprozessen dieser Materialien. Allerdings sitze ich nicht in einem Riesenatelier zwischen hunderten Skulpturen. Die Arbeiten entstehen nur, wenn es einen Anlass dafür gibt. Derzeit plane ich eine Ausstellung in New York mit dem Ziel, sowohl meine Arbeitsästhetik als auch mein Vorgehen zu hinterfragen, also einen »Reset« zu machen. Häufig arbeite ich mit Werkstätten zusammen, die meine Objekte produzieren. Das wird sicherlich auch hier der Fall sein. Jedoch möchte ich vorproduzierte, mit von mir hergestellten Elementen zusammenbringen und mit Papiermaché, Gips oder ähnlichen modellierten Materialien arbeiten. Das heißt, es gibt durchaus einen Aspekt, den man mit ökologischen, aber auch ökonomischen Fragen in Verbindung bringen kann. Allein schon im Hinblick auf den Transport und die Verpackung und ob man eventuell vor Ort produzieren lässt.

Natürlich ist der Gedanke ökologisch nachhaltiger Arbeiten ein radikaler Ansatzpunkt, da es den Kunstbegriff fundamental hinterfragt und als Einschränkung der künstlerischen Praxis verstanden werden kann. Dennoch besteht die Frage, inwiefern die bildende Kunst innerhalb ökologischer Diskurse ausgeklammert werden darf?

An der Akademie ist das ein wichtiges Thema und es wird institutionell daran gearbeitet, wie wir mit Nachhaltigkeit und Recycling umgehen können. Ebenso gibt es bei den Studierenden ein starkes Bewusstsein für ökologische Fragen. Allein schon, wie mit gefundenem Material gearbeitet wird. Was natürlich auch mit finanziellen Einschränkungen zu tun hat. Allerdings stößt man hier schnell an Grenzen, da es neben den Fragen zu den Materialien auch jene des Reisens und der Transporte bestehen. Somit stellt der ökologische Diskurs im künstlerischen Arbeiten uns vor die Frage: Wie können wir unsere Vorstellungen umsetzen, ohne uns dabei einschränken zu müssen und dennoch ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu entwickeln? Also ein weiterer Widerspruch, mit dem wir leben und an dem wir weiterarbeiten müssen. Ein positiver Aspekt an der Kunstwelt ist ja, dass wir über Grenzen, die hoffentlich immer mehr aufbrechen, hinweg sichtbar werden können und ein internationaler Austausch stattfinden kann.

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Foto von Marcella Ruiz Cruz

Seit einigen Monaten zeigt der Berliner Club Berghain eine permanente Arbeit von dir. Wie kam es dazu?

Im Berghain gibt es mehrere permanente Kunstinstallationen, unter anderem von Wolfgang Tillmans oder Marc Brandenburg. An der Treppe zum Main Dancefloor ist ein massiver Beton-Sockel platziert, auf dem der Gipsabguss eines barocken Tritonen stand, der jetzt im Garten des Clubs halb vergraben ist. Vor eineinhalb Jahren schlug mich ein Freund vor, infolgedessen ich angefragt wurde, eine neue Arbeit für das Berghain zu entwerfen, die nun auf diesem Sockel steht. Insgesamt ist die Skulptur mit Sockel 4,50 Meter hoch und spielt unter anderem auf die Boxentürme des Clubs an – die esoterisch-aufgeladene Funktion-One Anlage. Über die Anfrage habe ich mich sehr gefreut, da es sich um kein Museum, keine Galerie oder Kunstinstitution handelt. Als Club, der aus einer queeren Subkultur entstanden ist, verbinde ich auf persönlicher Ebene viel mit dessen Geschichte, die zu meiner gehört, obwohl ich mittlerweile kaum noch hingehe. Aufgrund dessen kommt die Installation der Arbeit an diesem Ort der hedonistischen Ausschweifungen mit dem Zusammenspiel von Musik, Licht und Bewegung, meiner Vorstellung von Skulptur und deren sozialem Kontext sehr nahe.

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Photo by Kuba Dabrowski

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