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Johanna Charlotte Trede: Posen für Wien

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Photo by Johanna Charlotte Trede

Johanna Charlotte Trede entwirft 100 Posen für Wien, die im gleichnamigen Ausstellungsprojekt vom 28. bis 30. Mai in der Stadt verteilt präsentiert werden. Ein digitaler Stadtplan von Bruno Mokross und ein Audioguide von Mihály Németh, eingesprochen von Saskia Gebert, sorgen für Orientierung.

»The feeling of belatedness, of living after the gold rush, is as omnipresent as it is disavowed.« – Mark Fisher

»Wie viele Wirklichkeiten gab es in Troia noch außer der meinen, die ich doch für die einzige gehalten hatte. Wer setzte die Grenze fest zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem.« – Christa Wolf

Das Netz der Objekte verdichtet sich. Die Stadt füllt sich Tag für Tag. Noch klügere Streckenpläne, die uns immer den kürzesten Weg anzeigen, E-Zigaretten, die unsere Lungen aufatmen lassen, scheinbar öffentliche Plätze, die von Geschäften umgeben sind, Geschäfte, die uns etwas kaufen lassen. All diese Dinge leiten unsere Handlungen an. Die Bewegung der Stadt konzentriert sich entlang von Linien. Entlang der Einkaufsstraße, entlang der U-Bahn, entlang GPS-Koordinaten. Sonntags flanieren wir in der Kulisse der Altbauten. Die Stadt ist selbst eine Anleitung. Unser Wissen ist in Gegenständen sedimentiert. Wir müssen uns nicht mehr erinnern. Wir können uns auf das Gegebene verlassen. Die nötigen Informationen erreichen uns, egal wo wir uns befinden. Erlernte Zeichen und einfache Ikonen leiten unsere Wege, handeln und helfen uns nicht zu vergessen. Die Objekte denken. Nicht nur das Wissen, sondern auch die Denkfunktionen werden ausgelagert. Die Stadt denkt für uns. Der Lieferservice weiß genauso gut, worauf wir Lust haben, wie die besten Lokaleigentümer*innen, Karten und Handys weisen uns zurecht, Facebook weiß, wo die Veranstaltungen stattfinden, die uns interessieren, und wo wir uns befinden sollten. Unsere alltäglichen, praktischen Handlungen entstehen mithilfe der für uns wissenden und denkenden Gegenstände und Netze der Stadt. Jedoch sind die Ziele der Handlungen selten klar ausformuliert. Die Objekte erwarten von uns Teilaufgaben und zerkleinerte Tätigkeiten, sie selbst übernehmen auch nur solche. Kybernetische Organismen bilden die Stadt als eine Menge. Die externalisierten Erinnerungen und Handlungen müssen gewartet werden. Wartungsarbeiten bestimmen den städtischen Alltag. Renovierung der Straßen, Erneuerung der Fassaden und Schilder, Neuinstallation der GPS-Daten, Wartung des Betriebssystems. Die Spuren der Vergangenheit scheinen zu verschwinden. Die Stadt der Privilegierten nimmt einen ätherischen Zustand an. Die Stadt der vorgegebenen Lösungen und des Schwerelosen funktioniert, erneuert sich und fließt vor sich hin. Datentransfer, Kommunikation, Verkehr und Produktion arbeiten ungestört, ohne Brüche. Die Taktung der Großstadt hat ihre bisweilen feinste Form erreicht. Die tickenden Uhren haben sich vervielfacht und verbreitet. Ihre Gegenwart ist ubiquitär. Sie haben sich leise in den Gegenständen, in den Datenströmen, in den Bewegungen und in den Zielen verankert. Arbeit und die freien Stunden unterscheiden sich kaum, beide führen die Produktion und Wartung der Stadt aus. Das ununterbrochene, zum einen Teil zirkuläre und zum anderen Teil vorbestimmte Fließen ähnelt einer Zeitkapsel. Das Vergangene wird zur stagnierenden Geschichte, derweilen dehnt sich die Gegenwart aus. Oft erscheint es so, als ob die sich ausdehnende Gegenwart nichts Neues und keine Brüche mehr zuließe. Eine konstante und konzentrierte Bewegung des gleichen Rhythmus herrscht hier. In der maschinellen Kälte der Taktung ist die Zeit erfroren. Soweit zur Stadt der Privilegierten, zur Stadt der kybernetischen Welt des letzten Updates. Aber was passiert mit all den altgewordenen, materiellen Gegenständen der Stadt? Sie werden unsichtbar, sie entgleiten der Aufmerksamkeit. Ironischerweise landet die grundlegendste Architektur der Stadt in diesen Zustand des ständigen Entgleitens. Das Fundament der kybernetisch-organischen Struktur der Metropole ist der Aufmerksamkeit entzogen. Die Aufmerksamkeit selbst ist geschwächt. Die alltäglichen Handlungen und der angenehme Fluss einer rhythmischen Gegenwart lassen die archaisch wirkenden Bausteine außer Acht. Straßenecken, die Kanten einer Stiege, die Plätze neben einer Regenrinne oder die Überreste einer Baustelle gelangen nicht mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Sie präsentieren sich nicht in Form starker Stimuli. Sie werden vom mühelosen Fluss der Bewegungen, vom Klang der tickenden Uhren nicht berührt. Ihre Präsenz enthält sich der Übersetzung in quantitativen Mengen. Die materielle Schwere dieser Grundlagen der Stadt ist nicht vergleichbar mit der ätherischen Leichtigkeit des Vorhersehbaren. Sie werden negiert, da wir sie nicht erblicken.

Diese unscheinbaren Orte bewohnt die Pose. Die organischen Formen verbinden sich mit den negierten Ecken und Kanten der Stadt und heben sie hervor. Die Pose zieht den Blick auf sich und auf ihre Umgebung. Etwas, das verschwunden war, wird hier präsent. Ein kleiner Riss taucht in der ständigen Gegenwart auf. Eine Spur des Vergangenen enthüllt sich hier. Wir haben die Pose nicht erwartet, nicht mit ihrer Erscheinung gerechnet. Sie war nicht als eine Möglichkeit kalkuliert. Die Störung manifestiert sich in der zeitlichen Erscheinung der Pose, in ihrer Haltung, in ihrem Versuch, einem apodiktischen Immer zu entgleiten. Die Pose wohnt für eine Weile. Sie erinnert uns an das Vergessene. Die Zeit der Weile entzieht sich der Taktung. Die Posen, die ungebrannten Tonplastiken wohnen mit ihrem Umfeld zusammen. Sie wohnen mit dem Wind, mit den Hunden und Tauben, mit dem Besen der Straßenkehrer*innen, mit der Neugier der Menschen und mit dem Gewitter. Die Pose zerbricht, rollt davon und vergeht mit dem Regen. Sie zeigt an ihrer Form die Zeit der Veränderung, die sich nicht messen oder berechnen lässt. Sie gibt uns den Gedanken, dass die Zeit ein Spiel unzähliger Entitäten ist, die gemeinsam neue Formen und Differenzen hervorbringen. Die gefrorene Zeit taut auf, kann wieder vergehen und lässt das Neue auftreten. Wenn wir die Stadt, als einen Ort des Zusammenspiels entdecken.

Text von Mihály Németh

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