Photo by Katja Illner / Ruhrtriennale 2021
Photo by Nicole Marianna Mytyczak
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Hürdenlauf durch die Höllenkreise. Florentina Holzingers »A Divine Comedy«

November 9, 2021
Text by Franziska Klein
Photo by Katja Illner / Ruhrtriennale 2021

In ihrer neuen Inszenierung »A Divine Comedy« bedient sich Florentina Holzinger frei an Dante und setzt dabei wie gewohnt auf eine Ästhetik des Spektakels.

Die Erwartungen sind hoch. Was wird mich diesmal erwarten? Eine wilde Pissorgie? Eine Schlammschlacht mit Fäkalien? Spätestens seit bekannt wurde, dass René Pollesch die österreichische Choreografin an die Berliner Volksbühne geholt hatte, sind die spektakulären Shows von Florentina Holzinger kein Geheimtip mehr.

Doch zunächst werde ich aufgefordert die Füße still zu halten. Eine Hypnoseeinlage sorgt für radikale Entschleunigung. Ein paar mutige freiwillige Zuschauer*innen wagen den Schwellengang vom Diesseits ins Jenseits unter der Anleitung der wunderbaren Miranda van Kuilenburg. Was hat sich zum 700. Todestag von Dante Alighieri in den Köpfen verändert? „Wie stellen wir uns das Paradies vor?“, fragt mich die Stimme aus dem Off.

Photo by Nicole Marianna Mytyczak

Die Performerin Annina Machaz, die sich unter die Freiwilligen gemischt hatte, schlüpft unter Hypnose in die Rolle des Dante, und macht ihn in einer vulgären Slapstickszene zum Harlekin, der auf der Suche nach einem stillen Örtchen durch seine ganz persönliche Hölle gehen muss. Statt mit Pathos und Tragik eröffnet »A Divine Comedy« mit obszönen Schwanks aus den Hinterzimmern im Varieté.

Beatrice Portinari, die Muse von Dante, die er angeblich nur zwei Mal im Kindesalter gesehen hat und die ihm trotzdem als Projektionsfläche und Inspiration seiner kreativen Ergüsse für den Rest seines Lebens dienen sollte, wird hier passenderweise von der 80-jährigen Balletttänzerin Beatrice Cordua verkörpert, die bereits Teil von Holzingers mehrfach ausgezeichneter Inszenierung »TANZ« war. Der Musenstatus hängt auch ihr nach. 1972 sorgte sie als nackte „prima ballerina“ in John Neumeier’s »Le Sacre“ für große Aufmerksamkeit. Jedoch unterminiert sie die Rolle der Muse, die in der Geschichtsschreibung immer im Schatten der männlichen Protagonisten stand, indem sie mit dem E-Mobil ins Zentrum der Aufmerksamkeit rollt, um uns ihre Seite der Geschichte zu erzählen. Scharfsinnig umschreibt sie in welchem ambivalenten Spannungsverhältnis sie sich als Balletttänzerin zur eigenen Passion befand. Ein Drahtseilakt zwischen Agency und den normierenden körperlichen Anforderungen des Berufs.

Photo by Katja Illner / Ruhrtriennale 2021

Holzinger konfrontiert uns immer wieder mit unserer eigenen Schaulust. Die extremen Showeinlagen seien keine Hexerei, sondern sind das Resultat von intensivem Training und einer Vertrauensbasis, die in der Zusammenarbeit im Kollektiv erarbeitet wird - volle Transparenz bei den Theatertricks. Generell vermitteln die Inszenierungen von Holzinger häufig den Eindruck, als seien wir nur Gäst*innen, die einen exklusiven Einblick in einen Probendurchlauf bekommen. Wie zum Beispiel bei der ersten Disziplin: Hürdenlauf. Zunächst wird sich ausgiebig aufgewärmt. Die Starttöne erklingen und eine Schreckschusspistole wird abgefeuert. Die Performer*innen sprinten über die Hindernisse in Richtung Zuschauer*innenraum und bremsen knapp davor ab. Zurück zur Startposition und von vorne. Wie ein immer wiederkehrender Albtraum wird dieser Durchgang im unendlichen Loop wiederholt. „Ist das nun die Vorstufe zur Hölle?“, fragt sich das ungeduldige Publikum?

Durch die Wiederholungen wird der Fokus zunehmend auf die Körper selbst gelenkt, auf die bühnenraumexplorierenden Bewegungen, die Energetik der Performer*innen, die Erschöpfung, die sich mit zunehmend schwerer werdendem Atem bemerkbar macht. Ein wesentlicher Moment in Holzingers Inszenierungen ist immer die Disziplinierung des Körpers.

Photo by Nicole Marianna Mytyczak

Und dann nimmt doch noch alles seinen gewohnten Lauf: Etwas später stößt eine Performer*in auf einem Motocross dazu. Die Körpertechnik des Hürdenlaufs wird der technischen Effizienz des Motorrads gegenübergestellt, die sich jedoch in einem Moment der Unvorhersehbarkeit als fehlbar entpuppt, als das Motocross in die Leitplanke abdriftet. Es sind genau diese Momente, die Unmöglichkeit der performativen Wiederholung, die den Nervenkitzel in den Shows von Florentina Holzinger ausmachen.

Die Performer*innen lassen immer neue Tableaus entstehen, genau aufeinander abgestimmte rhythmische Bewegungsabläufe, spektakuläre Stunts, Narrative, die nicht mehr lesbar sind und in ihrer theatralen Präsenz aufgehen. Sie unterlaufen gezielt jegliche Form von Bedeutungsproduktion, die sich auf das vertraute patriarchal geprägte Zeichensystem beschränkt und setzen an dessen Stelle ihre ganz eigene Form von affektiven Bedeutungsproduktionen, die sich im Möglichkeitsraum zwischen, mit und an den Körpern der Performer*innen abspielen.

Photo by Katja Illner / Ruhrtriennale 2021

In Vergessenheit geratene Extremsportarten, wie Timbersports, bei dem Holz so schnell wie möglich gehackt und zersägt werden muss, werden aus den Untiefen des Eurosportarchivs ausgegraben und als Totentanz inszeniertes Spektakel in den urbanen Raum der Theaterbühnen geholt. Das Gerippe auf den Rücken der Lumberjills wackelt rhythmisch bei jedem Hieb der Axt mit. Einige Holzspalten landen dabei gefährlich nah vor den Füßen des Publikums. Der Exzess spitzt sich zu einer wilden Clubnacht mit Strobolichtern, unter der musikalischen Begleitung der Soundkünstlerin Maja Osojnik, zu. Was für die einen Ekstase pur, die Flucht aus dem Alltag bedeutet, mag sich für andere in ihrer reizüberflutenden Dichte vielleicht eher anfühlen wie ein Höllenritt.

Meinen persönlichen Höhepunkt dieser Show bildet das, was ich die Remystifizierung der weiblichen Lust nennen würde. Zu Beginn der Show vergleicht die ehemalige Tänzerin Beatrice Cordua, einen Orgasmus mit totalem Kontrollverlust, es fühle sich fast an als würde man sterben. Später dann erweist ihr die Performerin Annina Machaz mit einem Strap-On die letzte Ehre. Man stelle sich weibliche Lust, als das ultimative Refugium oder sagen wir als Brutstätte für Satanisches, in einer patriarchal geprägten Wertegesellschaft vor. Es wird an Zeiten erinnert, in denen weibliche Lust bewusst in die Sphäre der Reproduktion verdrängt wurde. Ein penetratives Spiel zwischen jung und alt und dann auch noch zwischen zwei weiblichen Akteurinnen? Die Affirmation des mystischen Potentials der weiblichen Lust gerät hier zum subversiven Akt.

Photo by Nicole Marianna Mytyczak

Nach einer aufregenden Painting Aktion, in der Tableau Vivant geradezu wörtlich genommen wurde, erweist uns die Sexarbeiterin „Foxxy Angel“ die Ehre. Sie wird auf einem Servierwagen mit gespreizten Beinen hereingeschoben und fängt mit einem Auflegevibrator, unter erregender orchestraler Begleitmusik, zu masturbieren an. Der Höhepunkt bahnt sich in den vertrauten Klängen der Hürdenlaufstarttöne an. Eine Performer*in mit der Kamera führt uns ganz nah an das Naturschauspiel heran. Sekunden später spritzt eine Fontäne aus ihr heraus. Etwas unklar, was dieses magische Sekret, genau sein soll, ob „Squirt“ oder doch einfach nur Pisse, wird das Publikum mit seinen Gedanken alleine gelassen. Ob aus der Situation oder aus wahrer Freude, folgt überraschenderweise dann doch noch der einzige, wenn auch wohlverdiente Szenenapplaus, den es an diesem Abend gab.

Am Ende der Vorstellung fühle ich mich erschöpft. In Florentina Holzingers Laboratorium des Spektakels durchläuft man selbst eine Art von geistigem Training, in welchem die unterschiedlichen Ebenen der Höllenkreise nach Dante pausenlos zerfließen. Fast schon eine Schocktherapie, in der sich neue affirmative Narrative zu bekannten queer-feministischen Strategien der Dekonstruktion gesellen. Differente Lebensweisen, Vielheiten, Teilhabe, Agency und neue Möglichkeitsräume – diverse Bilder hallen noch lange nach. 

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Kim Bode. Photo by Laura Schaeffer

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