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Photo by Martin Argyroglo
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CASCADE: Using the Sky

July 29, 2021
Text by Gianna Virginia Prein
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Photo by Martin Argyroglo

Meg Stuart und ihre Compagnie Damaged Goods erklimmen in ihrem neuem Stück »CASCADE«, das dieses Jahr bei ImPulstanz Uraufführung feiert, den Himmel. Oder prallen in Zeitlupe an einer aufgeblasenen Sternenlandschaft ab – in »CASCADE« scheint alles auf der Suche nach der Gegenwart.

Das Universum auf 50x6 Meter: als faltiger Überwurf, in dem sich verloren wird, als überdimensionale Schlafdecke unter der sich versteckt werden kann, als zerknautschtes Prospekt, das die Bühne von Philippe Quesne, auf der sieben Performer*innen tanzen, zeitweise eingrenzt.

Romantische Sentimentalität steigt auf sobald wir beim außerstädtischen Blick in den Abendhimmel damit konfrontiert sind, wie winzig, im Verhältnis zur angenommenen Unendlichkeit des Universums, und wie kurzlebig wir doch sind. Skalen verschieben sich bei jeder Form von Representation meist automatisch.

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Um den Kitsch zu entlarven, werden in »CASCADE« bekannte Motive überlagert. Wellen am Strand werden auf den Sternenhimmel zu Bee Gees’ »How deep is Your Love« projiziert, es wird ein bisschen mitgesungen und ins Publikum geschaut. Losgelöst von einander, verstärken improvisierte Elemente die jeweilige Eigenheit der performenden Körper. Manchmal blinzeln ähnliche Motive durch, doch nichts scheint auf etwas Konkretes zuzulaufen. So kommt es zwischen wuseligen Tanzbewegungen zum überzeichneten Auspendeln von Bewegungen um ihrer selbst Willen. Die Karikatur physikalischer Kräfte als Kritik an der ständigen, im Westen dominierenden zeitlichen Linearität?

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Nonlineare Narrativformen sind gängig für das postdramatische Theater. Ist die narratierte Welt dagegen selbst anachronistisch, ist das ein typisches Sci-Fi Element und kann sich z.B. in Form von Loops oder Zeitlöchern ausdrücken. Mark Fisher schreibt in »Ghosts Of My Life« (2008), dass unsere Internet- und telekommunikationsgeprägte Kultur das Vermögen verloren habe, Gegenwart zu greifen bzw. zu artikulieren. Ob es nicht vielleicht sogar überhaupt keine Gegenwart mehr gäbe, die zu greifen wäre: »the impression of linear development has given way to a strange simultaneity« – In isolierter Gleichzeitigkeit agieren in »CASCADE« die Performer*innen auf der Bühne:

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Verausgabung, Erschöpfung, Ausruhen, und weiter. Meg Stuarts charakteristische, wie beiläufig gestörte Bewegungen werden, spätestens als sich die Performer*innen den Schweiss abwischen, deutlich erkennbar. Bass und Bewegungen sind völlig auseinandergedriftet, reizen lineare Zeit aus, sezieren, ja: zermetzeln sie. Das lässt sich auch wie ein Versuch lesen, endlich das Jetzt zu finden. Brendan Dougherty und Philipp Danzeisen dreschen mittlerweile hart auf die Schlagzeuge ein, Gänsehaut. Können wir dadurch jetzt sagen im Jetzt zu sein? Oder jetzt?

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Einen Ansatz geben Black Quantum Futurism, eine Gruppe schwarzer Aktivist*innen und Künstler*innen. Sie nennen acht Eckpfeiler, die zusammen das »Jetzt« begründen und nicht getrennt sind von Vergangenheit und Zukunft: Emotionen, Sounds, Tageszeit, Ort, andere Menschen oder Objekte, Gerüche, Farben, sowie eine weitere, offene Variable. Zusammen bilden sie eine Gegenwart die abhängig ist von der eigenen, körperlichen Wahrnehmung und sich bewusst gegen die westliche Zeit nach Zahlen richtet. Die Universumsprospekte sind von den beiden Ballonfelsen, denen die Luft zeitweise auch ausgeht, abgezogen. Ein Performer steckt zwischen eingekuschelt und gefangen in der Landschaft fest. Nur die Rampe, die ebenfalls für ein stetiges Auf und Ab der Performer*innen sorgt, bleibt das ganze Stück über unverändert.

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Zeitliches Raumempfinden und wie es sich im Körper vergegenwärtigt, beschreibt Deborah Hay, eine der wichtigen Akteurinnen des experimentellen Judson Dance Theater der New Yorker 60er Jahre, in ihrem Buch »Using the Sky: A Dance«. Der Titel ist gleichzeitig auch Handlungsanweisung für ihre selbsternannte Turn-Your-Fucking-Head Methode, kurz TYFH. Bewegungsmaterial, das sich ohnehin bereits in ihrem Körper befindet, wird hier, durch die veränderte Blickrichtung zum Publikum, zu sich, zum Himmel, zum Tanz. Das Jetzt manifestiert sich bei Hay in einer stetigen Verschiebung from here to there. Nicht ganz so reduziert deutet CASCADE auf die verzweifelte Nutzung der Gestirne zur wissenschafltichen Orientierung, die den Menschen Rückschlüsse auf sich selbst erlauben:

Schaumstoffbrocken werden wie Fische im Netz über der Bühne gehalten bis sie irgendwann als Meteoriten runtergeworfen werden und beinahe eine Performerin erschlagen  – und gleich nochmal, weil es so schön war  – bevor sie lautlos auf dem Bühnenboden aufprallen.

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Photo by Julian Lee-Harather, Styling by HVALA ILIJA

Astrit Ismaili »Bloom Into Flowers«

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