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Foto von Marie Haefner
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Foto von Marie Haefner
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Axel Jonsson »The Crazy Cod Day«, 2019. Foto: Marie Haefner
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Axel Jonsson »Motorbreath«, 2019. Foto: Marie Haefner
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Axel Jonsson, »Daddy’s Issue«, 2020. Foto: Marie Haefner
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Axel Jonsson, »Första Torpet«, 2020. Foto: Marie Haefner
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Foto von Marie Haefner

Axel Jonsson: Tiefe Menschlichkeit und krasse Körper

January 21, 2021
Text by Pia-Marie Remmers
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Foto von Marie Haefner

Axel Jonsson gibt einen Einblick in seine neuesten Werke, in denen er mit Hilfe schrulliger Figuren liebevoll das Menschsein karikiert. Ein Interview von Pia-Marie Remmers mit Fotos von Marie Haefner.

Eine Zeit lang hast du vor allem abstrakt gemalt, jetzt ausschließlich figurativ. Welche Rolle spielen Figuration und Abstraktion für dich?

Mein Zugang zu Bildern kommt von Illustrationen, Trickfilmen und Comics. Erst Superhelden, später alternative Comics, Graphic Novels oder Skateklamotten. Diese Dinge fand ich einfach wahnsinnig cool und wollte deshalb selbst stilisiert und technisch gut malen können. An der Universität habe ich dann aber auch mit anderen Stilen experimentiert. Diese Phase war wie das Arbeiten in einem Labor; viele Techniken und Fähigkeiten, die ich heute habe, musste ich langsam entwickeln. Zudem war ich damals noch ziemlich zerstreut und hatte nicht die nötige Geduld, um große figurative Arbeiten zu schaffen.

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Foto von Marie Haefner

Bist du mit deiner Malerei heute dort angekommen, wo du hinwolltest?

In gewisser Weise, ja. Technisch kann man sich natürlich immer weiter entwickeln, und ich bin dankbar für die Zeit des Experimentierens, aber inzwischen bin ich mir sicher, dass ich figurativ malen möchte. Ich habe einfach starke Gefühle für figürliche Abbildungen von Menschen und Situationen. Die Art und Weise, wie eine Hand oder ein Gesicht gemalt sind, kann meiner Meinung nach sehr berührend sein. Das fasziniert mich!

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Axel Jonsson »The Crazy Cod Day«, 2019. Foto: Marie Haefner

Angeblich erlebt die figurative Malerei seit einigen Jahren ein Comeback. Was denkst du darüber?

Ich finde es schwierig, solche Trends zu benennen. Figürliche Kunst hat es immer gegeben, auch wenn es im 20. Jahrhundert mit der Abstraktion und dem Minimalismus zu einer Art Zäsur kam. Aber genau wie das Medium Malerei, von dem man in dieser Zeit ja oft gesagt hat es sei tot, ist die Figuration sehr resilient. Man denke zum Beispiel an die 80er Jahre mit Basquiat und Schnabel in New York oder an die sogenannten Neuen Wilden in Deutschland und Österreich oder auch an Neo Rauch in den 90er Jahren. Und aktuell gibt es Jana Euler, Dana Schutz, Nicole Eisenman oder Kai Althoff.

Durch die Globalisierung und das Internet sind die Medien und Stile in den letzten Jahren generell durchlässiger geworden. Niemand will sich heute noch auf Ismen zurücklehnen oder sich kategorisieren lassen, dafür ist Individualität viel zu wichtig geworden. Wenn ich also einen aktuellen Trend in der Kunst benennen müsste, wäre es wahrscheinlich das weite Spektrum der Identitätspolitik.

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Axel Jonsson »Motorbreath«, 2019. Foto: Marie Haefner

In deinen Arbeiten finden sich intime, fast psychologische Momente, aber auch mythologische Szenen und gesellschaftspolitische Bezüge. Wie findest du deine Motive?

Für »The Crazy Cod Day« (2019) zum Beispiel habe ich mich mit der Situation der Fischerei in der Nord- und Ostsee in Bezug auf die laufenden Brexit-Verhandlungen beschäftigt. Ich würde aber nie zu direkt werden und einen Fischkutter auf einem Meer ohne Fische malen. Im Gegenteil, ich male dann ganz viele Fische, die sogar freiwillig in das Boot zu den Fischern springen!

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass Menschen und Porträts sehr wichtig für mich sind. Wie in »Motorbreath« (2019), in dem es um das Gefühl geht, wie es ist, als Teenager allein in seinem Zimmer zu faulenzen, zu essen und zu masturbieren: Keine besonders spannende Situation, aber eine intensive Stimmung, zu der ich ein starkes Gefühl habe. Übrigens taucht Essen immer wieder in meinen Arbeiten auf, weil es viel über eine Person und eine Gesellschaft aussagen kann, zumal ich auch persönlich sehr gerne koche.

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Axel Jonsson, »Daddy’s Issue«, 2020. Foto: Marie Haefner

Du malst auch häufig Szenen aus Büchern.

Ja, das stimmt. Ich illustriere literarische Situationen und Frequenzen sozusagen malerisch. Trotz der vorgegebenen Narrative entstehen dabei viele verschiedene Möglichkeiten, etwa welche Details man darstellt, in welcher Zeit man die Szene spielen lässt oder welchen Stil man wählt.

Auch Anekdoten finde ich sehr spannend! Ende der 90er Jahre hat ein Freund von mir einen Vortrag von Pierre Bourdieu in Stockholm besucht. Bourdieu hat damals viele Witze und flapsige Bemerkungen in seinen Vortrag eingebaut. Er behauptete zum Beispiel, dass Väter aus der Arbeiterklasse die Geldbörse immer in der hinteren und Väter aus der Mittelklasse in der vorderen Hostentasche tragen würden. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich fand die Beschreibung sehr lustig und es hat mich zu »Daddy’s Issue« (2020) inspiriert.

Und mein neuestes Bild »Kräftriket« (2020) bezieht sich auf ein altes Volkslied aus Stockholm. Es stammt von einem Troubadour, der für den Hof und in Gasthäusern gesungen hat. In diesem Lied geht es um ein Pärchen, das zu einem Gasthaus auf eine der Schäreninseln fährt, Krebse isst und sich maßlos betrinkt. Es ist der erste Teil eines Diptychons, und man sieht, wie die Wirtin die Krebse kocht. Auf dem zweiten Bild, an dem ich gerade arbeite, soll das saufende Pärchen zu sehen sein. Es ist ein bisschen an Pieter Bruegel den Älteren angelehnt. Was ich an der Geschichte mag, ist, dass sie etwas zutiefst Menschliches hat: ein gutes Lied, gutes Essen, sich betrinken – was gibt es Schöneres?

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Axel Jonsson, »Första Torpet«, 2020. Foto: Marie Haefner

Die Personen in deinen Arbeiten sehen sich teilweise sehr ähnlich. Sie haben eine auffällige Kinnpartie und lassen sich oft nicht eindeutig als männlich oder weiblich identifizieren. Was hat es mit dieser Physiognomie auf sich?

Meine Malereien zeigen, was ich an Menschen und Situationen interessant finde und verstärken die Details. Zum Beispiel neige ich dazu, ein sehr ausgeprägtes Kinn, eine Monobraue oder hervortretende Adern zu malen. Es ist wohl ein Mix aus Humor und meiner Schwäche für den menschlichen Körper. Wenn man die Kunstgeschichte bis ins Mittelalter zurückverfolgt, ist es spannend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen in den verschiedenen Epochen dargestellt wurden, naturalistisch oder idealisiert, mild oder vulgär. Es hat mich immer berührt und fasziniert, einen Menschen auf eine krasse Weise abgebildet zu sehen. Also habe ich mir zum Ziel gesetzt, so etwas auch zu schaffen. Ich möchte einen Weg finden, Menschen so zu malen, dass man tatsächlich etwas fühlt, wenn man sie betrachtet.

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Foto von Marie Haefner

Der Malerei wird heute von manch einem unterstellt, dass sie nicht mehr in der Lage sei, die Komplexität der Gegenwart abzubilden.

Generell finde ich die Behauptung, dass wir in einer komplexen Gegenwart leben, nur weil sie technologisch fortschrittlicher und globalisierter ist, etwas lächerlich. Faschismus, Kriege und Pandemien gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und diese Gegenwart wurde sicherlich auch als komplex empfunden. Man könnte also sagen, dass wir im Hinblick auf unsere Vergangenheit immer im komplexesten Moment leben. Um es andersherum auszudrücken: Wann war die Malerei noch in der Lage, die Komplexität der Gegenwart abzubilden? War das als Picasso »Guernica« oder Magritte »La trahison des images« malte? Mit diesen Werken wollten die Künstler ein kritisches Bewusstsein schaffen, sie hatten eine Agenda, wie etwa: »Du sollst nicht alles, was du siehst, als Wahrheit begreifen«. Mir geht es aber vor allem darum, Gefühle auszulösen. Und ich denke, wenn es der Malerei gelingt, starke Gefühle auszulösen, dann können diese auch etwas über die Verstrickungen und Probleme einer Gesellschaft aussagen.

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Photo by Laura Schaeffer

Klára Hosnedlová: Memories of the Future

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