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Foto von Julia Fuchs
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»Wir sind Henkel«: Starke Körper und scheußliche Keramik

February 22, 2020
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Julia Fuchs

Jakob Lena Knebl und Markus Pires Mata zeigen mit fünf Bodybuilder*innen im Tanzquartier, was Henkel, schaurige 70er-Keramik und menschliches Begehren verbindet.

Sie stehen auf starken Beinen, ihre Haut glänzt in dunklem Orange, außen sind sie steinhart und doch zerbrechlich. Werden sie auf ein Podest gerückt, wirken sie skulptural. Die Rede ist hier nicht von den auf Plattformen stehenden Bodybuilder*innen, sondern von Keramikobjekten. Die Scheurich-Vasen und -Lampen – zugegebenermaßen scheußliche Kultobjekte der 70er – schimmern in den gleichen Braun- bis Orangetönen wie die gestählten Körper. Zwischen den ständig hochgestemmten Keramikobjekten wirken die fünf Akteur*innen wie Objekte. Die skulpturale Wirkung ist bewusst gewählt, denn wie könnte es bei Jakob Lena Knebl als bildender Künstlerin und Markus Pires Marta als Modedesigner anders sein, wird die Performance »Wir sind Henkel« im Tanzquartier Wien zu einer kuratorischen Arbeit, die starken musealen Charakter hat.

Was in diesem Museum zu sehen ist, sind fleischgewordene Diskurse rund um Körpernormen, Fetischismen, Identitätspolitiken und deren Konstruktion, die in engem Zusammenhang mit den Dingen, die wir als schön empfinden, stehen. Der muskulöse Bodybuilding-Körper wird mit Wohnobjekten kombiniert, die Stellvertreter für das Private sind. Gemein ist beiden Sphären die Überlappung von Nutz- und Kunstwert.

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Die Grenzen zwischen Mensch und Objekt seien es, die Knebl und Mata in der 2019 gestarteten Zusammenarbeit mit den Bodybuilder*innen interessieren. Diente für »The Style Council«, uraufgeführt beim vorjährigen Steirischen Herbst, Jorge Luis Borges Kurzgeschichte »There Are More Things« als dramaturgischer Fluchtpunkt, ist es für »Wir sind Henkel« Georg Simmels Essay »Der Henkel« aus dem Jahr 1909. In Borges‘ fantastischer Erzählung erwachen Möbelstücke zum Leben, der Soziologe Simmel widmet sich dem Henkel als gleichzeitig funktionales und dekoratives Element, das eine Brücke zwischen Kunst und Alltag schlägt. Wenn es bei Simmel heißt, dass »der Henkel die praktische Funktion nicht nur tatsächlich üben können, sondern […] dies auch durch seine Erscheinung eindringlich machen muss«, drängt sich das von den Bodybuilder*innen verkörperte Ideal auf. Die über alle Normen gestählten Körper strotzen vor Funktionalität. Gleichzeitig wohnt diesen Körpern aber eine eigentümliche bildhafte Ästhetik inne, wenn minutenlang in Posen verharrt wird, die fernab jeglicher Alltagshandlungen sind. So vollziehen auch die Performer*innen in »Wir sind Henkel« eine Stunde lang die immer gleichen Handlungen: Vasen und Lampen werden hochgestemmt, posiert, erwartungsvoll in Kameras gelächelt und willkürlich zwischen den Keramikobjekten und Podesten rotiert. Von ihnen, den stärksten Frauen und Männern Österreichs, geht eine gewisse grenzüberschreitende Kraft aus.

Knebls und Matas Performance, die mit der begleitenden Filmsequenz eigentlich vielmehr multimediale Installation ist, macht eine Welt zugänglich, die vielen Theaterbesucher*innen vermutlich fern ist. Eine Welt, in der sich Funktion und Ästhetik überschneiden, in der zwischen Gebrauchs- und Kunstwert nicht mehr unterschieden werden kann. »Wir sind Henkel« nutzt die grenzüberschreitende Kraft der starken Körper als Akteur*innen einer kritischen, genresprengenden Kunstproduktion, die Fragen rund um Theatralität und Werkcharakter aufwirft.

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