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Foto von Marie Haefner
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Foto von Marie Haefner
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Foto von Marie Haefner

Vienna Art Spaces: school

October 15, 2020
Text by Juliana Lindenhofer
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Foto von Marie Haefner

In der Reihe »Vienna Art Spaces« bietet das PW-Magazine Einblicke in die dynamische Landschaft der Räume für zeitgenössische Kunst in Wien.

Seit zehn Jahren initiieren die beiden Künstlerinnen Yasmina Haddad und Andrea Lumplecker in ihrem Offspace school Performances, Konzerte, Ausstellungen, rituelle DJ Sets und Lesegruppen. Ein Interview von Juliana Lindenhofer über anti-lineares Lernen und das Sichtbarmachen von Weggefährt*innen, mit Fotos von Marie Haefner.

Wie würdet ihr euren Raum beschreiben?

Andrea Lumplecker: Es gibt diese Definition, die wir von Raqs Media Collective übernommen haben: »Perhaps a school or the idea of a school as a condition of learning, of being open to discourse and discovery, can also be seen as something that we carry with us wherever we go, whatever we do. An artist’s education is never finished. School is never out«. school ist kein klassischer Ausstellungsraum, sondern wir wollten einen diskursiven Ort. Es geht uns um Prozesse und einen Austausch, der in allem was wir machen unbedingt beinhaltet sein soll.

Was ist eure Vorstellung von Schule?

AL: Lernen hört nie auf und geschieht vor allem miteinander. Etwas Nicht-Hierarchisches, weg vom individuellen vor sich hin Arbeiten. Wir wissen, wir können nur mit Künstler*innen arbeiten, die mit dieser Idee agieren, und unser Publikum betrifft das genauso.

Yasmina Haddad: Wir haben beide auch immer wieder mit Unterrichten im klassischen Sinn zu tun, weshalb uns auch die ganze Problematik um diesen Diskurs immer klar war. Wir lehnen es ab wie das Unterrichten stattfindet und wissen, dass es anders funktionieren muss. Ich bin schultraumatisiert. Auf jeden Fall anti-linear und anti-akademisch. Natürlich kommen auch Leute aus den Akademien zu uns, aber das sind dann die, die sich der Problematik bewusst sind. Es war für uns immer klar, dass dieser Raum und das Format offen sein müssen, damit ganz vieles in school möglich ist.

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Foto von Marie Haefner

Wie sorgt ihr für das Nichtlineare im Programm? 

YH: Das passiert relativ selbstverständlich, indem wie wir uns mit Dingen auseinandersetzen, die jenseits des Kanons passieren.

AL: Zum Beispiel wie du, Yasmina, Nadir Souirgi gefunden hast. Uns gefiel die Bandbreite, von Birdwatching über künstlerische Produktion und politisches Handeln, mit einer Öffentlichkeit über Instagram. Wir haben ihn letztes Jahr eingeladen – das hätte ein Vortrag, ein Video oder eine Birdwatching-Tour sein können. Dass es auch eine Ausstellung geben wird, wussten wir zunächst nicht.

YH: Aber, weil es so eine spezielle Situation war und Nadir keine klassische Künstlerbiografie hat, hat sich das dann doch so ergeben. Er hat ein Problem damit, immer auf die Rolle des Birdwatchers reduziert zu werden, nur weil er die einzige Person of Color in dem Feld ist. Also wurde es schlussendlich ein klassisches Ausstellungsformat mit Zeichnungen an der Wand (für uns eine Seltenheit) plus Birdwatching-Tour an einem Sonntagmorgen im Prater. Er ist ein Weggefährte geworden, mit dem wir immer zu tun haben und mit dem uns eine Auseinandersetzung sehr am Herzen liegt.

Zur Auswahl der Künstler*innen werden wir oft angesprochen, dass man nicht natürlicherweise auf solche Leute komme. Genau das ist ja das Problem. Wenn du das in deinem Umfeld nicht hast, dann musst du eben etwas ändern, wenn es dich stört.

Ihr habt viele internationale Künstler*innen für ihre ersten Ausstellungen nach Wien gebracht.

YH: Ja, Hannah Black zum Beispiel, und Tabita Rezaire, oder Monira Al Qadiri.

AL: Wir sind ein kleiner Raum mit wenig Budget, aber wir konzentrieren uns dann auf die Positionen, die uns wichtig sind.

YH: Mit Hannah Black zum Beispiel haben wir, bis es zur Ausstellung kam, eineinhalb Jahre kommuniziert. Es gibt auch Leute, die wir noch nicht gezeigt haben, aber es seit Jahren versuchen, weil sie uns für die school wichtig wären.

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Foto von Marie Haefner

Welche Möglichkeiten ergeben sich für euch mit diesem Raum? Prozesse, Kontakte, Gefährt*innen?

AL: Es ist alles im Prozess, seit zehn Jahren. Wir haben angefangen damit, Feminismus für uns neu zu durchdenken, als wir damals beide kleine Kinder hatten und uns am Spielplatz gefragt haben: Was tut man jetzt mit dieser bescheuerten Mutterrolle in dieser patriarchalen Gesellschaft? Wir haben eine Reading Group begonnen, haben school eröffnet, ohne zu wissen was es genau wird. Vor zehn Jahren war Feminismus kein cooles, sondern ein böses Wort, das darf man nicht vergessen. Aus einer queeren und vor allem intersektionalen Position heraus fragen wir uns, was hilft uns, das heteronormative System zu überwinden? Diese Auseinandersetzung prägt unser Programm und ist Kernbedingung von school.

YH: school ist mit der Zeit auch ein Aktionstool geworden.

AL: Teil dessen ist, dass wir Leute einladen, die nicht aus unserem eurozentristischen Umfeld kommen. Wir lernen ständig. Mein Leben hat sich geändert, seit es die school gibt.

YH: Ich hab mich in homogenen Gruppen nie wohlgefühlt, und ich habe immer noch Schwierigkeiten damit. Im Kunstkontext hier, und das sind Leute die ich total schätze, finde ich das oft extrem. Ich will nicht nur mit Gleichgesinnten leben. Nicht aus Gutheit, sondern aus Egoismus, weil ich die Vielfalt brauche. Die school bietet auch dafür Raum.

AL: Ich habe eine Zeit lang in New York gelebt und in Harlem unterrichtet, und dort begonnen mein Weißsein infrage zu stellen. Dann bin ich nach Wien zurückgekommen und es war klar, dass das hier eine Fortsetzung hat.

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Foto von Marie Haefner

Zur gleichen Zeit seid ihr beide auch Künstlerinnen.

AL: Ich verstehe alles, was ich mache, als künstlerische Praxis. Das Unterrichten, die school zu betreiben, jetzt auch wieder aktivistisch zu sein, selber etwas zu schreiben, Objekte zu produzieren oder aufzulegen – das gehört alles zusammen.

YH: Meine Ausgangsbasis ist immer die Fotografie, und zu verstehen, wie Welten zusammenhängen. Sich Dinge über Oberflächen und Trivialitäten zu nähern wird dabei oft zur Methode.

Welches Potenzial hat Ästhetik in school für euch, einen kritischen Diskurs zu starten?

YH: Davon ausgehend, dass wir glauben, dass die Oberfläche genauso ihre Aussagen macht, ist es uns total wichtig.

AL: Wir bieten den Künstler*innen mit unserem Raum etwas an, und hoffen, dass daraus immer wieder neue Formatideen entstehen.

Ihr habt fortlaufende Formate in school wie die »Performative Screenings«.

AL: »Performative Screenings« ist unser ältestes Format. Es sollte dabei nicht um Objekte gehen, sondern diskursiv sein und somit hat sich etwas Zeitbasiertes und Immaterielles angeboten. Und dann gibt es noch »Objects for Settings«, die wir gemeinsam bauen und die im jeweiligen Kontext verwendet werden. Wir sagen ungern, dass wir etwas kuratieren, aber über diese Objekte – das Loch, das wir als Kellerzugang in den Boden geschlagen haben, oder eine Bühne die wir bauen und anbieten, oder der lila Boden – bereiten wir eine Stimmung vor. Wir nennen es unter uns manchmal Styling und Setdesign.

YH: Die aktuelle Reading Group wurde von dem Künstler Daniel Hüttler initiiert. Wir lesen jeden zweiten Samstag zusammen. Es kommen Leute aus verschiedenen Disziplinen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in der school landen. Gerade lesen wir: »The Undercommons, Fugitive Planning and Black Study« von Fred Moten und Stefano Harney. Durchs gemeinsame Lesen habe ich den Text erst richtig kapiert. So will ich bitte gerne lernen und arbeiten.

AL: Das ist Diskurs und soll natürlich zu Aktivismus führen: Was kann man damit tun? Überhaupt und gerade in der jetzigen Situation mit Black Lives Matter.

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Foto von Marie Haefner

Es ist außergewöhnlich, wieviel Musik und Sound es in school gibt. Zum Beispiel bei euren zwölfstündigen DJ Sets.

AL: Wir haben zweimal zwölf Stunden veranstaltet. Das ist ein Format, worüber Yasmina schon lange nachgedacht hat.

YH: Ich wollte das immer gerne machen, ein 24 Stunden DJ Set als Ritual mit Musik, die nur von Frauen produziert ist. Ich habe durch mein aktives Sammeln von Musik gemerkt, dass es mir selbst nicht möglich ist, mehr als drei Stunden aufzustellen, wenn ich nur meine Lieblingstracks spiele. Dann gab es das Independent Space Index Festival, wo wir das DJ Programm mit Gästen konzipiert haben.

AL: Musik ist uns beiden total wichtig. Als DJs haben wir immer gemerkt, wie man als Frau in einer Randposition ist, vielleicht noch mehr als in der bildenden Kunst. Und, dass es im ganzen Plattenladen vielleicht zwei Prozent von Frauen produzierte Platten gibt. Wir dachten, das kann ja nicht sein, und wir kennen so viele Musikerinnen. Es ist die Fortführung dieser uralten Tradition, die im frühen Christentum begonnen hat, dass Frauen in der Kirche nicht sprechen und nicht singen durften. Zum Glück gibt es jetzt eine junge Szene, die alles auf den Kopf stellt, aber trotzdem ist es immer noch spürbar. »The Unquestioned Answer« soll ein Statement sein für die Sichtbarmachung.

YH: Es hat ja immer Frauen gegeben, die komponiert haben, aber die kennt kein Mensch. Die Biografien sind alle ähnlich: Frauen hören auf mit der Musik, weil sie eine Familie gründen und nichts anderes mehr machen. Oder sie werden verrückt und landen in Anstalten. Ich finde es wichtig zu formulieren, dass es eine geschichtliche Leerstelle ist, die politisch und patriarchal bedingt ist. Wenn du nicht schaust und dich nicht darum kümmerst, dann kannst du auch durch die Welt gehen und nur von Männern produzierte Musik spielen, es wird nie jemand beanstanden und nie jemandem auffallen.

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Foto von Marie Haefner

In eurer aktuellen Ausstellung präsentiert ihr die deutsche Künstlerin Charlotte Eifler.

YH: Charlotte Eifler, Filmemacherin und Medienkünstlerin aus Leipzig, geht, von einem feministischen Standpunkt aus, Prozessen der Bildproduktion und Spekulationen zu alternativen Zukünften nach. Die Ausstellung endet mit einem Screening zum Independent Space Index Festival am 24. Oktober. Vor Charlotte hatten wir eine Installation von Sitara Abuzar Ghaznawi aus Zürich, danach gibt es ein Live Screening mit Ihu Anyanwu aus Abuja, gefolgt von neuen Arbeiten des Wiener Filmemachers Philipp Fleischmann.

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