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Tropez: »Raum für das Unvorhersehbare«

August 3, 2020
Text by Layla Burger-Lichtenstein
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Kunst im Freibad: Nele Heinevetter und Ziemowit Nowak initiieren Ausstellungen mit niedrigen Hemmschwellen und großer Anziehungskraft im Sommerbad Humboldthain.

Tropez befindet sich im Sommerbad Humboldthain des Berliner Stadtteils Wedding. Zu dem Tageslicht durchfluteten Projektraum mit nostalgisch dekorierter Terrasse gehört auch ein Kiosk, der Pommes und Süßigkeiten an die Badegäste verkauft. Betrieben von Nele Heinevetter, die das Projekt 2016 ins Leben rief, und dem Produktionsleiter Ziemowit Nowak bringt Tropez jeden Sommer ein diverses Team zusammen, das den Ort bespielt. Seit 2016 entwickeln sie ein Programm aus Ausstellungen, Performances, Lesungen, Kinder-Workshops, Diskussionen und Konzerten, das sich gleichermaßen an Badegäste und ein informiertes Kunstpublikum richtet. Die geltenden Kontaktbeschränkungen in Folge der Covid-19-Pandemie führen diesen Sommer dazu, dass statt der bisher rund 4.000 Gäste pro Tag maximal 300 Menschen zur gleichen Zeit das Bad besuchen können – eine Entwicklung, die das Projekt dazu anregte, neue Konzepte mit gemeinschaftsstiftendem Potential zu entwickeln. Ein Interview von Layla Burger-Lichtenstein.

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Ihr betreibt Tropez seit vier Jahren in einem Freibad. Wie beeinflusst dieser außergewöhnliche Rahmen eure kuratorische Strategie?

Nele Heinevetter: Für uns ist es wichtig, das Tropez in den Freibadbetrieb zu integrieren und Kunst zu zeigen, die für alle Badegäste lesbar ist. Wir wählen keine künstlerischen Positionen aus, die hermetisch geschlossen sind und nicht an einem offenen Austausch interessiert sind. Daher laden wir gezielt Künstler*innen mit der Bitte ein, Kunstwerke und Performances im Hinblick auf ein großes, diverses Publikum zu entwickeln.

Ziemowit Nowak: Was für uns die Sommer im Tropez auszeichnet ist, dass hier Individuen, die primär künstlerisch tätig sind, zusammentreffen. Es geht hier nicht darum, sich als Kurator*in oder Produzent*in zu profilieren und eine Autorschaft geltend zu machen, sondern darum, diesen Ort zu bespielen. Und das bedeutet vor allem, sich mit der Frage zu beschäftigen, was man mit und für die Gemeinschaft in einem Einzugsgebiet wie dem Wedding machen kann.

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Euer Projektraum befindet sich mitten im Berliner Wedding, einem kulturell und ethnisch diversen Stadtteil. Welche Funktion nimmt Tropez in dem Viertel ein?

NH: Bei Tropez geht es vor allem darum, einen Ort zu schaffen, an dem gute Erinnerungen entstehen. Wir vernetzen uns hier immer besser und sind mittlerweile ein fester Bestandteil des Kiezes geworden. Das ist für uns ein Anliegen, das über das Kuratieren und die reine Beschäftigung mit Kunst hinausgeht.

Wie reagieren die Badegäste auf die unerwarteten Begegnungen mit den Werken?

ZN: Das Publikum ist hier sehr neugierig, offen und konfrontativ in der Art und Weise, wie es auf die Arbeiten und auch auf uns zugeht, nach dem Motto »Was soll das? Was ist das? Erklär mir das!«. Davon profitieren die Künstler*innen ebenso wie wir als Betreiber*innen. Indem alle Beteiligten durch das Publikum immer wieder dazu aufgefordert sind, ihre Werke oder ihr Programm deutlich und unvoreingenommen zu erklären, wird ein offenerer Dialog über Kunst möglich als in einem institutionellem Rahmen.

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Welche Rolle spielt eurer Meinung nach das Freibad als Kontext für diesen Dialog?

NH: Das Schöne am Freibad ist, dass die Gäste meist morgens kommen und abends gehen, dazwischen entsteht Raum für Muße. Egal, ob Leute hier sind, um sich eine Performance anzuschauen und dann noch den Tag im Schwimmbad verbringen oder einfach zufällig an der Kunst vorbeikommen, gibt es genügend Zeit, um zwanglos und eher im Vorbeilaufen in eine Auseinandersetzung mit den Werken zu rutschen. Allein die Tatsache, dass die Menschen nahezu unbekleidet sind, führt zu einer größeren Unvoreingenommenheit im Umgang miteinander, aber auch mit den Arbeiten. Rezeption funktioniert hier eher über die Idee spontaner Anziehung. Entweder finden die Leute darüber einen Einstieg in die Werke – oder sie gehen eben wieder ins Wasser.

Welche Herausforderungen ergeben sich durch diesen spezifischen Ort für die künstlerische Produktion?

ZN: Wie arbeiten hier ausdrücklich nicht in einem Schutzraum, wie ihn eine Galerie oder eine Kunstinstitution bietet. Das fordert insbesondere diejenigen Künstler*innen heraus, die sonst eher für einen hermetischen Kontext mit einer informierten Besucher*innenschaft produzieren. Bei Tropez gelten gänzlich andere Voraussetzungen, allein schon aufgrund des Tageslichtes. Es ist ein wichtiger Bestandteil unseres Konzeptes, dass die Künstler*innen mit ihren Arbeiten über den Projektraum hinaus in das Schwimmbad hineinwirken und sie damit auch bei den Badegästen auf die Probe stellen.

NH: Das bedeutet auch, dass wir bei unserem Programm ein extrem diverses Publikum im Hinterkopf haben müssen, das unterschiedliche Altersstufen und kulturelle Hintergründe miteinander vereint. Es gibt Formate und Themen, die wir bei Tropez nicht zeigen können, weil sie für diesen speziellen Kontext zu polarisierend sind. Wir nehmen das aber nicht unbedingt als Einschränkung wahr. Zum Beispiel hat das Kollektiv Young Boy Dancing Group, das vor allem für seine explizit körperlichen, von der Clubkultur inspirierten Performances bekannt ist, für Tropez eine Arbeit entwickelt, die Intimität und Gemeinschaft auf eine Weise zum Ausdruck bringt, die auch für Kinder lesbar ist. Solche Produktionen sind für uns besonders spannend, weil sie aus einer Auseinandersetzung mit dem Ort und seinem Publikum entstehen.

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Inwiefern hat euch dieser Ort zu einem Nachdenken über die Verschränkung architektonischer und gesellschaftlicher Räume angeregt?

NH: Ohne das Interesse an dem Potential von Räumen, als Katalysator für Gemeinschaftsbildung zu wirken, hätten wir das Projekt nicht gestartet. Nach vier Jahren bin ich immer noch begeistert, wie künstlerische Arbeit es schafft, überraschend neue Blickwinkel zu eröffnen. Das funktioniert im Tropez besonders gut, weil alle Beteiligten hier permanent auch in das Ungeplante hineinstolpern. Durch den Faktor Ungewissheit, den so ein anti-statischer Ort wie das Schwimmbad mit sich bringt, entsteht Raum für das Unvorhersehbare. Das macht die Arbeit für alle Beteiligten fordernder, aber auch bereichernder.

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Was bedeuten die gegenwärtigen Kontaktbeschränkungen für ein Konzept wie Tropez, das durch das zufällige Zusammentreffen von Menschen und den persönlichen Austausch lebt?

NH: Ein Freibad nahezu ohne Publikum hat etwas sehr Melancholisches. Der Livestream, den wir auf unserer Terrasse eingerichtet haben, überträgt neben den Performances und Lesungen die meiste Zeit die Leere im Schwimmbad. Wir haben uns damit abgefunden, dass dieses Jahr die Saison ohne Publikum wird und mit Künstler*innen Konzepte entwickelt, die darauf reagieren.

ZN: Wir versuchen momentan, mit den Produktionen einen Spagat zu schaffen zwischen einer Präsenz vor Ort und einer Erweiterung unseres Programms in den virtuellen Raum. Die Lesungsreihe »Emapthy When«, die wir gemeinsam mit dem Verlag Broken Dimanche Press veranstalten, findet zum Beispiel auf der Terrasse des Tropez statt, wird live übertragen und am Ende als Podcast produziert. Und in der Serie »Cruising Contemporary Live« werden Arbeiten in Form von Videostreams präsentiert. Wir stehen gerade gewissermaßen immer mit einem Fuß im Außen.

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Die aktuelle Ausstellung »Reality« findet vor allem im virtuellen Raum statt.

NH: Als wir mit der Ausstellungsplanung begonnen haben, hatten wir natürlich ein ganz anderes Konzept im Kopf. Da es während des Lockdowns im März und April hieß, dass das Schwimmbad diesen Sommer überhaupt nicht aufmachen wird, sind wir kurzfristig darauf umgestiegen, die gesamte Ausstellung in den virtuellen Raum zu verlagern. Dafür haben nahezu alle Künstler*innen neue Arbeiten realisiert, die speziell auf dieses Format reagieren.

Dank der beschränkten Öffnung können wir jetzt zumindest einige Werke auch vor Ort zeigen, wie zum Beispiel Chieko Idetsukis filigrane Lollipops Sea Creatures, die man aus unserem Süßigkeiten-Automaten ziehen kann, oder die von Philipp Wiegand gestaltete Flagge über unserer Terrasse, die auf seine digitale Arbeit The Graph Paper Crane verweist.

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Obwohl der Titel »Reality« in Zeiten einer globalen Pandemie eher in die Richtung einer Dystopie weist, greifen die Künstler*innen auf sehr spielerische Formate zurück.

NH: Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Dieses Jahr sind alle Institutionen plötzlich gezwungen, ihr Online-Programm zu erweitern. Das macht nicht gerade mehr Lust darauf, sich Werke im Internet anzuschauen. Viele der Künstler*innen haben daher gezielt auf Formate zurückgegriffen, die ohnehin im virtuellen Raum ihre Heimat haben oder dort besonders gut funktionieren. Sung Tieu hat etwa ein Online-Schachspiel entwickelt, Elif Saydams Déjà Vu ist als Memory-Spiel angelegt und Philipp Wiegard zeigt ein Tutorial. Trotz dieser spielerischen Oberflächen reagieren die Werke auf aktuelle Missstände, Phänomene und Herausforderungen, indem sie bestehende Machtverhältnisse und Themen wie Migration oder soziale Distanzierung verhandeln. Diese ungezwungene Verbindung von Spaß und einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart bildet den Kern von unserem Programm. Hier ist die Kunst ernst, ohne sich ernst zu geben.

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