pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Thilo Jenssen »Smooth Operator« (#2), 2019, C-Print auf Alu Dibond, Metall.
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Thilo Jenssen: »Bedeutung entsteht im Scheitern der Wiederholung«

September 20, 2020
Text by Christian Glatz
pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Sonnenuntergangskitsch und Erste-Hilfe: Thilo Jenssen über die Ambivalenz von Kontrolle und Halt und was seine Malerei mit Stille Post zu tun hat.

In Thilo Jenssens Malereien, Skulpturen und fotografischen Arbeiten spielen Codes und Referenzen aus Popkultur und Alltagskultur eine große Rolle: Energydrinks, Naturphänomene, wie in den »Sunset Paintings«, Krücken oder Sci-Fi-Optik. Es sind lose Verknüpfungen von Themenfelder und Ästhetiken – manches wiederholt sich wie in einem Browserverlauf, wird umgedeutet und taucht in einem neuen Zusammenhang wieder auf. Das Spiel mit Stereotypen ist wichtig, aber ebenso: ihr Bruch.

Jenssen interessiert sich auch für gesellschaftlichen Realitäten und Routinen, die in Körpern eingeschrieben und ablesbar sind. Besonders hervorzuheben ist hier die Werkserie Smooth Operator, bei der Jenssen fotografische Handlungsanweisungen aus einem Erste-Hilfe-Buch auf Aluminium druckte. Was sein Schaffen verbindet, ist das Prozesshafte und das Empathische.

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Thilo, für mich erhalten deine Lackbilder, besonders deine Sonnenuntergangsmalereien, einen tröstenden Charakter. Die kitschigen Farben wecken Erinnerungen an eine Welt, die noch »in Ordnung« war.

Tatsächlich entstanden die ersten »Sunset Paintings« für meine Ausstellung »New Energy« von 2016. Seitdem komme ich immer wieder auf das Motiv zurück. Nach einem Unfall auf dem Zentralfriedhof – ein Grabstein stürzte auf mich und zertrümmerte mir das rechte Bein – beschäftigte ich mich mit Genesung, künstlerisch, aber auch meiner eigenen. Ich wollte farbenfrohe Bilder malen, die irgendwie aufbauend sind. Das meinst du vielleicht mit tröstendem Charakter. Ganz naiv und kitschig. Es ist gewissermaßen eine Art Flirt mit therapeutischer Kunst und Hobbymalerei, bewahrt aber eine ironische Distanz dabei. Die Welt, in der alles in Ordnung ist, ist jedoch zwangsläufig eine Fiktion. Vielmehr geht es um die Sehnsucht nach einem solchen Zustand.

Die neueren »Sunset Paintings« sind etwas brüchiger, hier kippt das Kitschige in etwas Irritierendes. Ich mag das Motiv des Sonnenuntergangs, da es so aufgeladen und gleichzeitig vielschichtig ist. Mal Endzeit, mal New Age. Dabei entscheidet bei mir eher der malerische Prozess als die eigene Verfassung, was für ein Bild entsteht und welches Klischee oder welche Assoziation wachgerufen wird.

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Du beschäftigst dich intensiv mit dem menschlichen Körper in Extremsituationen. Eröffnen dir die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie neue Perspektiven auf das Thema?

Mit Sicherheit. Durch die Pandemie ist in den letzten Monaten eine neue Sichtbarkeit der Thematik entstanden und auch erfahrbar geworden. Neue Formen der Interaktion, neue Gesten und Bewegungsabläufe lassen sich beobachten. Hier zeigt sich ein Eingreifen, ein Gesteuert-Sein sehr deutlich. Mich interessiert dabei aber vor allem die Ambivalenz von Kontrolle und Halt, von Beeinträchtigung und Sicherheit. Auch in Hilfe und Hilfestellungen sind Machtstrukturen eingeschrieben.

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Die Serie »Smooth Operator« zeigt ausschnitthaft Sequenzen einer Erste-Hilfe-Anleitung. Wie sollen Körper positioniert oder bewegt werden? Maßnahmen oder Tutorials stellen ja ganz exemplarisch Choreografien dar, skripten Abläufe und bilden damit immer indirekt auch Hierarchien, Unterstützungs- oder Unterwerfungsstrategien ab.

Die medizinischen Hilfestellungen dienen in meiner Praxis jedoch vor allem als Chiffre für existenzielle Erfahrungen und den Umgang mit Krisensituationen. Sie ermöglichen es, das Spannungsfeld von Unterstützung und Einschränkung, Care Practice und Macht auszuloten. Dabei bekommen die Abbildungen aber auch manchmal etwas von Slapstick, Tatortszene oder etwas Tänzerisches. Diese Ebenen sind mir ebenso wichtig. Ich mag es, wenn das Material in eine ganz andere Richtung kippt und es auf den ersten Blick gar nicht mehr so klar ist, woher es stammt und welche Bedeutung und Funktion ihm mal zugrunde lag.

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Thilo Jenssen »Smooth Operator« (#2), 2019, C-Print auf Alu Dibond, Metall.

Das Performative, das in deinen Arbeiten sichtbar wird, äußert sich auch in den Stützapplikationen und Displays, die du für deine Arbeiten produziert und teilweise mit ihnen zu einer Einheit verschmelzen.

Ja, die Halterungen werden Teil der Arbeit und beziehen sich dabei auf die abgebildeten Haltungen und Handlungen. Die Arme, die in einem Bild einen Körper greifen, verlängern sich beispielsweise in den Stahlrohren, an denen die Abbildung angebracht ist. Die wohlmeinenden, helfenden Hände werden nun neu lesbar, erzeugen körperliche Übergriffe und machen Abhängigkeiten auf subtile Weise spürbar.

Das Unterstützen und Gestützt-Werden wird quasi in der Arretierung weitergeführt. Das Performative bleibt in den Arbeiten dann aber indirekt. Mich interessieren die Handlungen, Abläufe und ihre spezifischen Apparate. Was wird ermöglicht und was unterbunden?

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Deine Faszination für konkrete Geräte und Gegenstände zeigt sich auch in deiner skulpturalen Serie von Aschenbechers, in der du direkt auf bestehende Formen aus dem öffentlichen Raum zurückgreifst.

In meiner Praxis gehe ich oft von gefunden Formen und Objekten aus. Die Aschenbecher-Skulpturen werden jedoch nicht als Readymades dem öffentlichen Raum entnommen; ich ahme ihre Form nach und eigne sie mir sozusagen als synthetische Repräsentationen an. Die Teile werden lackiert und erhalten durch das darauffolgende Schweißen eine eigene Farbigkeit und Brüchigkeit. Die ursprüngliche Verwendung wird dabei überschrieben und ermöglicht mir, die angeeigneten Zeichen zu rekodieren.

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Das Brüchige, das du ansprichst, findet man auch in deinen anderen Arbeiten. Es scheint, als malträtierest du die Oberflächen. Bei »Smooth Operator« hast du beispielsweise bedruckte Metallplatten durchbohrt.

Die Löcher darin waren ursprünglich für eine Halterung vorgesehen. Im weiteren Verlauf habe ich diese verworfen, aber den Ansatz der Bearbeitung auf alle Motive individuell übertragen. Die Durchbohrungen in den Abbildungen hatten dann ohne diese Anbringung etwas von Markierung, Akkupunktur, etwas Chirurgisches. Und sie stehen plötzlich in einem seltsamen Verhältnis zu dem Eingriff, der abgebildet ist.

Bei den Malereien generiert sich das Bild ebenfalls im bzw. durch den Prozess. Man reagiert auf das Material; es lenkt das Vorgehen und die körperliche Handlung – das Runterschleifen und Abtragen schreibt sich sozusagen in das Material ein. Der Eingriff, die Verarbeitung ist sichtbar. Dabei werden auch Fehler wichtig.

Das Scheitern wird produktiv und die Arbeit bekommt dadurch ihre Form. Die Werkreihe ist keine Wiederholung als industrielle Serienproduktion – ich denke dabei eher an das Spiel Stille Post. Eine Aussage wird ständig wiederholt und ändert dabei kontinuierlich ihre Form und ihre Bedeutung. Die Bedeutung entsteht im Scheitern der Wiederholung.

pw-magazine-vienna-thilo-jenssen-christine-koenig-galerie
Foto von Marcella Ruiz Cruz

Thilo Jenssen wurde 1984 in Daun, Deutschland, geboren, lebt und arbeitet in Wien. Er studierte Bildhauerei bei Florian Slotawa, performative Bildhauerei bei Christian Philipp Müller an der Kunsthochschule Kassel sowie Malerei bei Daniel Richter an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Vertreten wird er durch die Christine König Galerie, Wien.

Next article

pw-magazine-vienna-isabel-lewis-creamcake-pedro-ferreira
Photo by Pedro Ferreira

Diotima oder Liebe als soziale Macht

About

PW-Magazine is a bilingual online magazine for contemporary culture.