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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.
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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.
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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.
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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.
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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.

Lonely Boys: »Dezentrierter Pop darüber, wie es ist, Männer zu lieben«

May 3, 2020
Text by Lewon Heublein
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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.

Zwischen Berlin und Wien machen Lonely Boys sphärischen Art-Pop, der sich gerade wegen seiner Emotionalität den üblichen Pop-Mechanismen entzieht. 

Einsam, aber nicht allein: Hinter den spannungsgeladenen Texten und der rohen Instrumentals der Lonely Boys verbergen sich die Künstlerinnen Rosa Rendl und Daphne Ahlers. Nach ihrer letzten Veröffentlichung auf Creamcake folgte im März 2020 die EP Male Confidence, samt des frisch veröffentlichten offiziellen Zoom-Quarantäne-Musikvideos »Resort«. Ein Interview zum ersten zweistelligen Lonely Boys-Geburtstag von Lewon Heublein.

First things first. Wie hat es Jennifer Lopez auf das Cover euer neuen EP »Male Confidence« geschafft?

Rosa Rendl: Wir arbeiten für Videos, Albumcover, Stage-Installationen etc. gerne mit befreundeten Künstler*innen zusammen. Bei dem aktuellen Release »Male Confidence« haben wir unsere enge Freundin, die in Berlin lebende Künstlerin Lilli Thießen, gefragt, ob sie das Cover-Artwork machen will. Lilli arbeitet viel mit Celebrity Hype Culture und so kam es, dass wir uns am Ende für dieses Foto entschieden haben. Die Doppelansicht von J.Lo’s lasziv schönem Gesicht neben dem verblassten Abdruck der Tätowierung auf der Haut fanden wir passend als Verbildlichung unserer Musik.

Daphne Ahlers: Wir fanden ihren Vorschlag sofort toll und sehr Lonely Boys. Es geht uns ebenso wie ihr um Dekompositionen von Frauenbildern und den Schmerz, den das kosten kann. J.Lo ist wie viele Frauen in der Industrie in erster Linie Performerin. Sie verausgabt sich und ist in einer Weise hingebungsvoll, die wir sehr bewundern, die aber auch problematische Aspekte mit sich bringt, zum Beispiel wenn diese sich verausgabenden Körper immer weiblich sind. J.Lo ist auch eine Time‘s Up-Aktivistin und #MeToo-Surviver, sie ist ein Powerhouse und extrem toll, aber sie steht auch für die Absurditäten des Show- und Popbusiness… und den hyperkapitalistischen Gleichheitsfeminismus mit seinem sexy Twist, bei dem man sich besonders als Frau mit Haut und Haaren hingeben soll und nicht immer unbeschadet davonkommt. Auf unserem Cover hat sie zwei Gesichter, etwas leidet…

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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.

Durch »Male Confidence« zieht sich die Pop-Trope einer enttäuschten, jungen Frau. »I put so much hope in you«, lautet die erste Textzeile. Gleichzeitig ist der Sound irgendwie comfy, wenn auch etwas verspuhlter als eure letzten Releases. Könnt ihr ausführen, wie Klangbild und textliche Ebene zueinander finden?

Rosa: Der Track »Resort« den du ansprichst, handelt tatsächlich von dem Missverständnis zwischen einer Frau und einem Mann. Die Frau in dem Track sehnt sich nach körperlicher Nähe und fühlt sich missverstanden, da der Mann von seiner Fehlinterpretation der Erwartungen der Frau überfordert ist. »You don’t get me right, just hold me tight«. Unsere Lieder handeln oft vom Scheitern am Gegenüber. Diese Reibung spiegelt sich im Aufeinandertreffen der oft kargen, verstörenden Instrumentale mit unseren Vocals wider, die mehr Feminines und Zartes zulassen.

Daphne: Uns geht es darum, den emotionalen Ausdruck von Trauer, Enttäuschung in etwas Starkes zu drehen, ohne den Schmerz zu verstecken. Wir beharren auf einem Ausdruck, der emotional und auch lamentierend ist, aber dennoch die Enttäuschung nicht auf sich sitzen lässt und nicht so tut, als wäre sie nicht so schlimm. Es ist melancholisch, ein Trauern über das Verlorene, das unmögliche Objekt…Lonely Boys sind definitiv kein cool girl.

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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.

Beim Liederschreiben und Singen kann man am Ende nicht so viel steuern, das macht es so riskant. Beim Produzieren kann man alles steuern, jedes Detail kontrollieren, Dinge klauen, endlos kopieren, zerstören. Wir haben beide sanfte, »hübsche« Mädchenstimmen, sodass das Bedürfnis nach einem Bruch des Lieblichen immer vorhanden war. Unsere Instrumentale klingen immer recht hart und haben deutlicher von der Aggression gehandelt, als es unsere Stimmen vermögen, aber alles kommt vom gleichen Ort, geht nur andere Wege. Aggression durch Repetition. Vielleicht ist unsere Musik passiv aggressiv?

Auf jeden Fall wirkt sie schon beim ersten Hören seltsam vertraut. Obwohl sie sich so roh klingt, scheint die ganze Popgeschichte der Melancholie in euren Tracks als Chopped-and-Screwed-Version komprimiert.

Rosa: Es finden sich sicher viele Pop-Zitate darin, bewusst und unbewusst.

Daphne: Wir arbeiten uns auf jeden Fall an Popgeschichte durch Wiederaneignung von Melodie und Sentiment ab. Nicht nur ornamental und inszeniert aus Männerphantasien heraus, sondern emotional, redundant und auch nervig. Als eine Motivation könnte man die Beleidigung von Pop als Mädchenmusik sehen, die wir als Herausforderung annehmen und so lange darauf beharren, bis Pop cool ist und das Mädchen ein Mensch.

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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.

Also Melancholie als feministische Methode? Ihr unterwandert durch eure direkte Emotionalität das Spiel von Authentizität und inszenierten Image, das in der Popmusik vorherrscht.

Daphne: Ja, Melancholie kann eine Form der Rebellion sein. Sie drückt ein Unbehagen aus, die Unmöglichkeit der Identifikation und damit der Spiegelung in der Welt. Der Eskapismus der Popwelten ist verlockend, aber man begibt sich auch in Komplizenschaft.

2020 feiert ihr euer 10-jähriges Jubiläum als Lonely Boys. Aus welchem Impuls habt ihr damals gestartet? Wie ordnet ihr das Projekt heute in eure künstlerische Praxis ein?

Rosa: Wir waren 2010 in London und kannten uns flüchtig über einen gemeinsamen Freund namens Felix von Dawn Mok, mit dem wir beide an Musik arbeiteten. London war der perfekte Ort für uns, um neben dem Studium an einem Musikprojekt zu arbeiten, da wir uns in der Stadt ohnehin relativ fremd fühlten und Lust auf neue Projekte hatten. Irgendwie hat sich von Anfang an, fast vom ersten Tag an, als der Bandname schon feststand und wir den ersten Track LOVE geschrieben haben, unsere Richtung intuitiv abgezeichnet.

Seit 2015 arbeiten wir fast ausschließlich über weite Distanz zwischen Wien und Berlin, und wie du sagst, hat das Projekt einen Platz zwischen unseren Kunstpraxen und mittlerweile auch zwischen unseren Solomusik-Projekten gefunden. Oft können Ausstellungen mit Performances oder Konzerten kombiniert werden, und so fügt sich Lonely Boys in diesen Kontext ein, erweitert ihn oder lockert ihn auf, da es eine eher spielerische Seite zulässt und Musik immer noch weniger intellektualisiert wird als Kunst, bzw. einen emotionaleren Zugang erträgt.

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Film-Still aus Lonely Boys »Resort«, 2020.

Daphne: Selbst Popmusik zu machen hat immer was Unmögliches, Unerreichbares. Vor allem, wenn man nicht den Drang zum körperlich Expressiven hat, zum Verausgaben, zur Show. Mit Lonely Boys haben wir uns ein Supportsystem gebaut, das dies möglich macht. Am Anfang ging es uns fast nur darum, den Blick umzudrehen: Das Objekt der Begierde sind nicht wir. Dezentrierter Pop darüber, wie es ist, Männer zu lieben.

Letzte Frage: Was hören Lonely Boys, wenn sie traurig sind?

Daphne: Das Geheimnis ist: repeat 1. Gerade »For Now« von Zsela…vor kurzem mal wieder »Some things last a long time« von Daniel Johnston.

Rosa: Immer: Nina Simone, Randy Crawford. Gerade: Fiona Apple, Okay Kaya, Diana Gordon.

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