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Foto von Nicole Wytyczak
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Henrike Iglesias: Killing with Kindness

April 15, 2020
Text by Lewon Heublein
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Foto von Nicole Wytyczak

Mit entwaffnender Ehrlichkeit unterwandert das Performance-Kollektiv Henrike Iglesias gesellschaftliche Normierungen und populäre Formate wie Kochshows in der jüngsten Arbeit FRESSEN.

2012 beschlossen Anna Fries, Laura Naumann, Marielle Schavan und Sophia Schroth in einem chinesischen All-you-can-eat-Restaurant, ihr Performance-Kollektiv Henrike Iglesias zu taufen. Komplettiert durch Eva G. Alonso und Malu Peeters, haben sie es sich zur expliziten Aufgabe gemacht, soziale Zu- und Missstände aus einer queer-feministischen Perspektive zu verhandeln. Obwohl ihre Stücke szenischen Manifesten gleichen, verfallen sie nie in einen didaktischen Tonfall, indem sie den Themen zwar die Schwere, aber niemals die Dringlichkeit nehmen. Ihr Stück »FRESSEN« wurde von den Münchner Kammerspielen koproduziert und im brut Wien gezeigt. Ein Interview mit Laura Naumann, Malu Peeters und Sophia Schroth von Lewon Heublein.

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Könnt ihr einen kleinen Einblick in eure Arbeitsprozesse als Kollektiv geben? Die Frage drängt sich nicht nur auf, weil Licht, Sound- und Setdesign bei euch einen überdurchschnittlich hohen Stellenwert haben, sondern auch weil euer sorgsamer Umgang untereinander auf der Bühne stark spürbar ist.

Sophia Schroth: Wir haben uns früh einen eigenen Safe Space geschaffen, in dem wir uns alle sehr wohl fühlen und der uns erlaubt, in diesem Rahmen über bestimmte Dinge zu sprechen, die uns ein bisschen näher gehen. Es gibt immer die Chance, dass diese Geschichten nicht in die Endfassung des Stücks kommen. Für mich ist es meistens so, dass durch die Wiederholung eine Entschärfung stattfindet, sodass ich fähig bin, diese Geschichte einem Publikum zu zeigen. Die ursprüngliche Emotionalität überträgt sich zwar trotzdem, ist allerdings in diesem Moment nicht mehr mit meiner persönlichen emotionalen Welt verknüpft. Und ich glaube, dass es genau dieses gegenseitige Vertrauen in der Gruppe ist, sich den Platz nehmen zu können, um Situationen oder auch Ängste zu teilen, die das möglich macht.

Laura Naumann: Und damit auch so angenommen zu sein. Es entsteht so eine Art positive Zeugenschaft, die eine Form von Erleichterung schafft.

Die schönsten Momente in euren Arbeiten sind oft die unspektakulärsten. Kleine Gesten, in denen euer gegenseitiges Vertrauen oder eure Verletzlichkeit als Stärke wahrgenommen werden kann.

Malu Peeters: Jemand hat uns mal geschrieben, dass man beim Schauen von »OH MY« einfach weiß, dass uns nichts passieren kann, selbst wenn wir derartig intime Themen verhandeln, da wir als Kollektiv – ohne dass es offen ausgesprochen wird – eine Atmosphäre kreieren, die dem Publikum das Gefühl gibt, dass wir aufeinander aufpassen.

Wie seid ihr bei der Recherche zu »FRESSEN« vorgegangen?

Sophia: Generell sammeln wir, sobald wir eine Förderzusage haben, Material, das wir interessant für die jeweilige Produktion finden. Diese Sammlung kann sich aus Texten, Videos und/oder Personen auf sozialen Medien zusammensetzen. Dann wird erst mal gemeinsam gelesen und gesichtet, damit alle denselben Wissensstand haben. Aus diesem Impulsmaterial genieren wir Szenen.

Laura: Bei »FRESSEN« hat es sich aber nicht so angefühlt, als hätten wir bei null angefangen. Sondern eher, als würden wir an ein Gespräch, anknüpfen, das wir eigentlich schon lange miteinander führen, weil es bei den vorangegangenen Stücken »GRRRRRL« und »OH MY« auch schon um den Themenkomplex Körper ging.

Sophia: Und weil wenn man als weiblich sozialisierte Person auf der Bühne steht, der Körper immer eine Rolle spielt, egal um welches Thema es primär geht.

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Das Konzept von Body Neutrality geht ja nochmal weiter als Body Positivity, da der Stellenwert von Schönheit im Umgang mit dem Körper komplett hinterfragt wird.

Sophia: Auf der anderen Seite will ich ja auf Schönheit gar nicht verzichten. Die Frage ist doch eher, warum muss Schönheit so gesellschaftlich durchdefiniert und normiert werden. Was dann zur Folge hat, dass sich alle immer im Abgleichungsprozess befinden und selbst nie die Möglichkeit haben, für sich herauszufinden, was für sie Schönheit ist.

Malu: Letztens habe ich das Buch »Zelfverwoestingsboek« gelesen, in dem die Autorin Marian Donner die Meinung vertritt, dass die Tage, in denen wir z.B. zu viel Alkohol trinken oder uns »ungesund« ernähren, genauso wertvoll bzw. schön sind wie die klaren, produktiven Tage. Beide Formen werden benötigt. Wir alle versuchen, uns so neurotisch zu perfektionieren, aber erlauben uns nicht, einen Zugang zu dieser vermeintlich hässlichen Seite zu haben.

Laura: Das Versprechen dieser Zwänge des »gesunden Lebens« lautet Kontrolle …

Sophia: … über das eigene Glück!

Laura: Und auch, wie viel unser Leben wert ist. Kontrolle ist doch ohnehin eine Illusion.

Es gibt so etwas wie einen schlanken Gesellschaftsvertrag. Mit »FRESSEN« positioniert ihr euch klar gegen diesen Askese-Fetisch, zu dem sich die Zuschauer*innen als Gruppe ganz anders positionieren müssen, als wenn sie als Einzelpersonen schnell mal auf dem Weg zur Arbeit einen Blogbeitrag überscrollen.

Malu: Und das hat empowerndes Potenzial. Ich erlebe das ganz stark, wenn ich vom Tonpult aus die Reaktionen der Zuschauer*innen auf das, was auf der Bühne passiert, beobachte. Diese geteilte Erfahrung von sich verstanden und angesprochen und durch das, was die Performer*innen auf der Bühne tun und sagen, befreit fühlen – das kann sehr heilsam sein. Vor allem eben, weil man es eben nicht allein zuhause erlebt, sondern in einem Raum mit 100 Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht.

Sophia: Jill Soloway beschreibt Film – und ich würde sagen, fürs Theater gilt das genauso – als Empathiemaschine. Es klingt banal, aber es macht einfach einen Unterschied, wenn etwas theoretisiert wird oder wenn jemand eine private Geschichte erzählt. Unsere Art, mit Humor zu spielen, dient natürlich auch als niederschwelliger Einstieg des Publikums, der uns erlaubt, die Zuschauenden auch mit härteren Sätzen zu konfrontieren.

Laura: »FRESSEN« ist ein Stück, dass so richtig aus dem Bauch herauskommt und daher auch verhältnismäßig wenig verkopft und nochmal emotionaler aufgeladen, als andere unserer Stücke. Was ich als Performerin zeigen will, ist diese Art von Ehrlichkeit im Umgang mit dem eigenen Körper. Als Performerin ist mein Körper die halbe Miete, wenn nicht sogar mehr. Aber er wird nie mit seiner Biographie des Unwohlseins thematisiert.

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Gibt es Reaktionen des Publikums, die bei euch besonders hängen geblieben sind?

Sophia: Nach »FRESSEN« ist mir nochmal besonders aufgefallen, wie viele Personen, die ich kenne, zum Beispiel sagen: »Ich habe das noch niemandem erzählt, aber… während der Studienzeit hatte ich drei Jahre lang Bulimie.« Da wird offenbar noch so wenig drüber gesprochen und es scheint immer noch sehr schwer zu sein, das mit anderen Menschen zu teilen. Jede Form der Essstörung wird im Verborgenen praktiziert. Daher hört man sehr selten das Präsens, also »ich habe eine Essstörung«.

Ist Henrike Iglesias also Killing with Kindness?

Laura: (Lacht) Das habe ich schon öfter gehört. Vielleicht stimmt das also. Wenn man an Kindness als Konzept glaubt, und ich glaube da total dran, dann ist das der beste Weg. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es die Lösung ist, der Welt mit noch mehr Brutalität zu begegnen.

Malu: Oder immer nur wütend zu sein.

Sophia: Man darf zusammen wütend sein, um danach auch wieder zärtlich sein zu können.

Malu: Und dann ein bisschen lachen. Auch mal über sich selbst. Humor hilft.

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