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Photo by Pedro Ferreira
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Photo by Ink Agop. Courtesy of Creamcake
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Diotima oder Liebe als soziale Macht

September 17, 2020
Text by Jette Büchsenschütz
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Photo by Pedro Ferreira

Mitten in Neukölln lud Isabel Lewis im Rahmen des 3hd Festivals ein zu »An occasion to consider celebration futures«, einer sinnlich-immersiven Oase, oszillierend zwischen Party und Lecture-Performance, zwischen philosophischem Eros und zwangloser Gemeinschaftsbildung.

Unter Palmen und vor mit Wein berankten Fensterbögen einer neobarocken Orangerie, eingebettet in das Grau der umliegenden Neuköllner Wohnblöcke; eine kleine Oase. Unterhalb der Strassenebene, im Schutz von Kaskaden und einer monumentalen Treppenanlage, sitzen wir entspannt in Liegestühlen auf dem sorgfältig gepflegten Rasen. Spaziergänger*innen schauen neugierig von der Balustrade auf uns herab, denn die Treppenabgänge darf nur passieren, wer sich in die Schlange einreiht und registrieren lässt. Ein Zufluchtsort vor den Rechtsradikalen und Corona-Leugner*innen, die an diesem Tag durch das Stadtzentrum gezogen sind – und weswegen manch eine*r aus Angst vor Gewalt zu Hause geblieben ist.

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Photo by Ink Agop. Courtesy of Creamcake

Die institutionelle Ungebundenheit und die flexible Struktur des Kollektivs und Labels Creamcake, das diesen Abend als Teil des Festivals 3hd organisiert, erweist sich in diesen Tagen als Vorteil: nach dem Opening im Schloss Biesdorf wird sich das Festival bis ins nächste Jahr ziehen, an verschiedenen Orten auf der Welt, on- und offline und heute im öffentlichen Raum des Berliner Körnerparks stattfinden – aber so organisiert, dass die registrierten Gäste geschützt sind, und gleichzeitig zufälliges Publikum im restlichen Park zur Musik tanzen kann.

Nach zwei-stündigen DJ-Sets von Mars Dietz und Juliane Huxtable übernimmt fast unbemerkt Isabel Lewis das Pult. Langsam, lasziv beginnt sie sich tanzend durch die Gäste hindurchzuschlängeln, die überall auf der Terrasse zerstreut liegen, sitzen, trinken und in Gesprächen vertieft sind. Unaufdringlich, als wolle sie nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und niemanden unterbrechen, nähert sie sich hier und dort jemanden an. Mal steht jemand auf und tanzt mit ihr, mal wird sie höflich ignoriert. Sogenannte Hosts bieten auf altarähnlichen Tabletts von Chelsea Turowsky kreierte »cold treats« an. In meinem Mund zerfließt ein salzig-süßes und halbgefrorenes Praliné aus Tahin und Papaya.

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Photo by Ink Agop. Courtesy of Creamcake

Nach einigen Bemerkungen zur gegenwärtigen COVID-19-Pandemie beginnt Isabel Lewis über gesellschaftliche Individualisierung zu sprechen. Genauer gesagt über die Illusion, sich als Individuum, dieses unteilbare Einzelwesen, zu fühlen. Mich erreicht der erste der von Sissel Tolaas kreierten Gerüche, die auf kleinen schwarzen Pappzetteln serviert werden. Ein penetranter, dichter Duft steigt mir in die Nase – »to create a space for the rational, the intellectual« – und legt sich über den Geschmack meines zweiten Biers.

Wie eine weise Freundin streut Isabel ihre Lese-Erfahrung ein, erwähnt diese und jene Autorin während sie ab und zu die Musik wechselt – und immer wieder auf das Vorbild für ihre occasions verweist, auf das antike griechische Gastmahl, das Symposion. Auf den ersten Blick eine naheliegende Referenz, denn in diesen Symposien gab es keine Trennung zwischen Körper und Geist.  Denken und Debattieren galten genauso wie Kulinarik als etwas Körperlich-Sinnliches. Für Lewis ist es die ideale Integration von Körper und Geist, von oralen Genüssen und Gesprächen. Dass diese durch Platon berühmt gewordenen Gastmahle auf Ausschluss der Frauen und der Sklaven basierten, bleibt unerwähnt. Nur indirekt – nämlich in der Rede des Sokrates – kommt eine weibliche Figur im Symposion zu Wort: Diotima, die eine zur Weisheit und Schönheit sublimierte Liebe verkörpert und mich damit irgendwie an Isabel erinnert.

Während ich weiter ihrer sanften Stimme lausche, erreicht mich der zweite Duft, der dem Geruch im Berghain nach einer Party nachempfunden ist. Ich rieche Polyester und Mottenkugeln und bewundere dabei die beiläufige, verführerische Art, in der Isabel Lewis mit ihren Gästen kommuniziert. Auch als deren Gespräche immer dominanter werden, redet sie ruhig weiter. Sie will nicht center of attention sein, spricht nicht übertrumpfend gegen die Gespräche an.

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Photo by Ink Agop. Courtesy of Creamcake

Zwar scheint es, als ob ihr Vortrag ein assoziatives Spiel mit improvisierten Einfällen sei, in das Isabel Lewis immer wieder Bemerkungen und Fragen der Anwesenden einfügt, doch wird mir allmählich klarer, was dieses Format occasion, für das sie bekannt geworden ist, auszeichnet. Es sind – trotz aller Zwanglosigkeit – genau strukturierte und sorgfältig inszenierte Kunst-Events, die wir auch in Zeiten von Kontaktbeschränkung und Abstandsgebot wie eine gelungene Party genießen können – und zusätzlich das Gefühl haben, an komplexen Debatten teilzunehmen, die für unser gegenwärtiges COVID-19-Leben wirklich relevant sind.

Als Isabel Lewis Jane Bennetts Ideal einer Assemblage, einer politischen Ökologie, in der menschliche und nicht-menschliche Wesen symbiotisch miteinander vernetzt sind, erwähnt, wird der dritte Duft herumgereicht. Ich rieche feuchte Erde, Eukalyptus und Kampfer während sich Isabel dem Thema des Gartens zuwendet. Dieser bedeutet für sie – wie das antike Gastmahl – ein Bereich »where body and intellect intertwine«. Er steht für praktizierte Anerkennung unserer Verbundenheit mit allen biologischen Lebewesen. Eine menschliche Praxis, die auf aufmerksam wahrnehmende Fürsorge beruht und wechselseitiges gedeihendes »flourishing« bewirkt. Eine Utopie, die momentan noch weiter weg erscheint, aber für den Moment irgendwie tröstlich ist.

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Photo by Marie Haefner

CRAZE #1: caner teker

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