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Foto von Moritz Zangl
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Der Feind in meinem Bett

October 20, 2020
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Moritz Zangl

Wie ein Warenaustausch auf Willhaben zum politischen Schlagabtausch wird, erzählt Claudia Lomoschitz in ihrer Performance Soft Skills.

Ein Kauf auf dem allseits beliebten Anzeigenportal Willhaben, der die Choreographin und bildendende Künstlerin Claudia Lomoschitz nachhaltig beschäftigt hat, bildet Ausgangspunkt und Material für ihre Performance »Soft Skills« im studio brut. Der Kontakt, von dem sie eine Bettdecke kaufen möchte, entpuppt sich nicht nur als Rechter, sondern auch als aktives Mitglied der Identitären Bewegung. Aus dem nervösen Smalltalk entwickelt sich schnell eine ausufernde politische Debatte. Die Decke kauft sie nach dem zweistündigen Gespräch trotzdem. Nicht, um sie zu benutzen, sondern um ihr Gewissen zu beruhigen. Denn Lomoschitz sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob sie diskriminiere, wenn sie sich weigert, von einem Rechten zu kaufen.

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Foto von Moritz Zangl

Kann man eine fremde Ideologie aus dem Zuhause eines anderen in das eigene mitnehmen? Nach der verstörenden Begegnung rückt die Gesinnung, symbolisiert durch eine vom Plafond hängende Bettdecke, so lange bedrohlich näher, bis sie die Künstlerin erdrückt. Lomoschitz‘ Erzählung wird gerahmt von Kettenrasseln, Live-Willhaben-Suchen, Videoarbeiten und Musikstücken. Im Fokus stehen Themen wie Nähe und Privatsphäre, die Lomoschitz als bunte Materialschlacht inszeniert. Neben den Ketten gibt es quietschbunte Plastikfolien, hüpfende Tennisbälle und den Bühnenraum füllenden Schaum. Manches lässt sie sich (und dem Publikum) näherkommen, anderes bleibt auf Distanz. Die Kombination aus glatten Oberflächen, weichem Schaum und schweren Ketten erzeugt Reibung. Manches perlt von der glatten Folie ab, doch so schnell wie der Schaum zergeht, so schnell kann auch die eigene »Bubble« platzen, wenn plötzlich das in sie eindringt, was man draußen halten wollte.

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In einer einprägsamen Szene tarnt sich die Künstlerin mit der Decke und stapft durch den Schaum, um ihren Willhaben-Kontakt zu suchen. Nach einem denunzierenden Eintrag auf seinem Blog fühlt sie sich verfolgt. Vielleicht ist er bei einer der Aufführungen anwesend? Vermutlich nicht. Dafür aber die Antirassismus-Expertin Melinda Tamás, bekannt als Autorin des Buches »No more Bullshit!«, mit der Lomoschitz eine kurze Diskussion initiiert.

Der Begriff »Soft Skills« bezeichnet vor allem persönliche, soziale und kommunikative Kompetenzen. Lomoschitz zitiert Aktivist*innen, Bürgerrechtler*innen und Forscher*innen, und greift Themen wie die persönliche Position und das eigene Privileg auf, die in Zeiten eingeschränkter Sozialradien neue Bedeutung gewinnen. In der Schlussszene packt Lomoschitz die Bettdecke aus ihrem Plastiksack aus, bevor sie die Bühne verlässt. Diese Öffnung im Sinne einer Horizonterweiterung ist ein Ende, das das Publikum etwas ratlos zurücklässt. Da hilft auch kein »Willhaben-Activism«.

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