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»Das Ökonomieballett«, ERSTE Campus, Januar 2020. Foto von Oliver Ottenschläger
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Franz Erhard Walther, Dreizehn Handlungsformen, 2015. Foto von Steeve Beckouet
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»Das Ökonomieballett«, ERSTE Campus, Januar 2020. Foto von Oliver Ottenschläger

»Das Ökonomieballett« im ERSTE Campus: Die Performance des Gelds

February 5, 2020
Text by Wera Hippesroither
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»Das Ökonomieballett«, ERSTE Campus, Januar 2020. Foto von Oliver Ottenschläger

Franz Erhard Walther erweckt seine »Dreizehn Handlungsformen« auf dem ERSTE Campus und adaptiert mit Das Ökonomieballett das Thema der Geldwirtschaft.

Sie kommen. Sie sind viele. Alle Köpfe drehen sich und sehen hinauf zur großzügigen Galerie der Halle im Wiener ERSTE Campus. Hintereinander gehend bilden sie eine lange Menschenschlange, sie schreiten langsam und entschlossen vorwärts. Dann sind sie unserem Blick entzogen, die Architektur des Campus verschluckt die Schlange für kurze Zeit, bevor sie eine lange Treppe hinuntersteigt. Jetzt werden die Performer*innen sichtbar: 26 Bankangestellte in Zivilkleidung tragen die »Handlungsformen« des Bildhauers Franz Erhard Walther. Das sind bunte Textilobjekte, am besten zu beschreiben als einzelne Ärmel, Schürzen oder Hosenbeine. Die Bewegungssprache ist durchgehend körperbetont, das Tempo langsam. Agiert wird stets in der Gruppe, etwa wenn kleine Geldbüchsen als rhythmisches Instrument eingesetzt werden. Diese Büchsen werden später ausgeleert, die Textilobjekte abgenommen. Die Performer*innen bewegen sich nur in Formationen, etwa als Kreis oder mit dem Rücken zur Wand stehend, auf der eine Medieninstallation des Künstlers Peter Kogler projiziert wird.

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Franz Erhard Walther, Dreizehn Handlungsformen, 2015. Foto von Steeve Beckouet

Koglers Arbeit erinnert mit ihren starken Kontrasten aus Licht und Schatten und flimmernden Effekten an frühen Schwarzweißfilm. Die Performance übernimmt diese Expressivität und kombiniert sie gemäß dem Quellenmaterial »Le Ballet mécanique«, einem dadaistischen Experimentalfilm aus dem Jahr 1924 von Fernand Léger, zu einer multimedialen Auseinandersetzung mit dem Thema Geld. Unterstrichen von einem minimalistischen Soundscape von Matthieu Saladin setzt sich die für die ERSTE Foundation erdachte Performance zu einem maximal reduzierten, man könnte gar sagen, archaischen Ganzen zusammen. Zeigte Légers Film unter dem damaligen Eindruck des Kriegs eine Verbindung von abstrakt-konstruktivistischen mit absurd-dadaistischen Motiven, zielt »Das Ökonomieballett«, dessen Gesamtkonzept der Kurator Pierre Bal-Blanc kreiert hat, auf eine Totalabstraktion ab. Die vollzogenen Bewegungen sind einfach gehalten und maximal reduziert, kein Performer, keine Performerin handelt für sich, alle 26 Akteur*innen finden sich permanent in Relation zueinander und interpretieren die in »Le Ballet mécanique« abgebildeten Maschinen, Turbinen und geometrischen Formen als Anordnung von Körpern, die einer strengen Ordnung zu folgen scheinen.

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»Das Ökonomieballett«, ERSTE Campus, Januar 2020. Foto von Oliver Ottenschläger

Walther unterstreicht die Unabgeschlossenheit seines skulpturalen Schaffens, wenn er über seine »Handlungsformen« sagt, dass sie die Träger*innen zu einem Teil des Werkes werden lassen, sobald sie angezogen werden. Leider wird das performative Potenzial der Textilobjekte kaum ausgeschöpft. In der Szene, in der sie von den Performer*innen abgelegt werden, werden sie wieder zu statischen Skulpturen, die die Betrachter*innen in Relation setzen. Die für die ERSTE Foundation erdachten Werke sind in Meeting- und Aufenthaltsräumen angebracht und so konzipiert, dass sie von den Mitarbeiter*innen der Ersten Bank jederzeit in den Arbeitsalltag integriert werden können. Der in der Performance maximal abstrahierte Einsatz der »Handlungsformen« macht aus narrativer Sicht Sinn, erinnert er doch etwas zu offensichtlich an schnöde Ökonomien, Kreisläufe von Geld und Waren und strenge Ordnungskategorien. Der etwas zu archaische Eindruck wird vor allem vom Soundscape unterstrichen. Man könnte meinen, dieser Stil schließe an einen hegemonialen Diskurs von Omnipotenz und Macht an, der dem riesigen Bankgebäudekomplex innewohnt. Die dadaistischen Motive aus »Le Ballet mécanique« werden zugunsten der Totalabstraktion zurückgelassen, was die Performance zu einem Sinnbild der formal-strukturierenden Funktion von Geld macht und somit in die Umgebung des Auftraggebers einfügt.

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