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Foto von Mathias Völzke. Copyright Berliner Festspiele
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Foto von Mathias Völzke. Copyright Berliner Festspiele
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Foto von Mathias Völzke. Copyright Berliner Festspiele

Bei den schroffen Bergen: Caterina Barbieris & Ruben Spinis »Aurora Wounds«

September 22, 2020
Text by Len Sander
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Foto von Mathias Völzke. Copyright Berliner Festspiele

Sakrales und Bergseen in 360-Grad: Über die hypnotische Uraufführung der Installation »Aurora Wounds« von Caterina Barbieri und Ruben Spini aus der Reihe The New Infinity 2020 der Berliner Festspiele, die Planetarien als Galerien der Zukunft erprobt.

In der Kuppel des Berliner Zeiss Großplanetariums zu sitzen, offenbart einem gleichermaßen einen hermetisch geschlossenen – eine Art Höhlensituation ohne Ausgang – und einen fundamental offenen Raum; die Kuppel öffnet den Blick zum Himmel, sobald die Lichter ausgehen und die Projektion startet.

Caterina Barbieri steht zu Anfang hinter ihrem schwarzen Pult mit den Synthesizermodulen und den Kabeln, sanfter Nebel wird ausgestoßen, dann setzt die Musik gemeinsam mit der Videoarbeit ein, die die Kuppel bespielt. Sonst wird in diesem Planetarium der Blick viel eher zu dem geöffnet, was hinter Dingen des Himmels ist: vielleicht Planeten, vielleicht Sterne oder Schwarze Löcher. Oder zu dem, was hinter all diesen Dingen (des Himmels) sein könnte: Gott, vielleicht ein irgendwie sakraler Kosmos. Der zweite Blick öffnet sich, wenn das Planetarium zum Kunstraum umgewidmet wird.

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Foto von Mathias Völzke. Copyright Berliner Festspiele

Caterina Barbieri und Ruben Spini verweisen auf diesen zweiten Blick, paradoxerweise, indem sie das zeigen, was an der Oberfläche des Himmels aus Perspektive der Menschen auf der Erde sichtbar ist: die Wolken, Nebel, ein Vogel, der am Rande des Sichtfeldes verwischt. Barbieris sphärische und feine Ambientmusik tendiert generell zum Sakralen, mit den schwebenden Chorälen, knarzenden Cembaloklängen und ausgreifenden Synthesizerflächen, die sich in Barbieris jüngster Arbeit finden lassen. Das Liveset der Installation schließt klanglich eng an ihr letztes Album Ecstatic Computation an. Zwischen großer, pathetischer Geste und kleiner Störung, glänzendem Pomp und strenger, modularer Variation entsteht die Spannung, die Barbieris Arbeit so aufregend macht.

Viele der Videoarbeiten des Mailänders Spini speisen sich aus dem Spannungsverhältnis von unberührt scheinender Natur und menschlichem Eingriff, idyllischem Landschaftsbild und verzerrendem (im Wortsinn) Eingriff des Künstlers. In »Aurora Wounds« zeigt Spini vor allem bergige Landschaften, Bergseen, Gipfel, manchmal aus der Perspektive einer leichten Fahrt, meist statisch; Wolken ziehen vorbei, viele Wolken, nur manchmal der erwähnte Vogel am Bildrand, einmal fährt ein Auto vorbei. Es ist eine karge Welt, die fast lebensfeindlich scheint. Man kann die fremde Nähe der Arbeiten Barbieris und Spinis spüren: Auf dem Grat von Idylle und Schroffheit, Klassik und futuristischer Vision sind sie verortet. Während Caterina Barbieri ein Gefühl von säkularer Heiligkeit erzeugt, nimmt sich Ruben Spini dem Göttlichen der profanen, daseienden Landschaften an.

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Foto von Mathias Völzke. Copyright Berliner Festspiele

Leider fallen die Ansätze der beiden in »Aurora Wounds« auseinander. In den stärksten Momenten der Installation halten der auditive und der visuelle Part einen Dialog, bei dem der Sound die Zeit und Dynamik bestimmt, treibt, aufbläht, zerfällt, und das projizierte Bild in der Kuppel den Raum und das Licht. Man sieht einen Krater von innen, der den Blick durch sich hindurch freigibt, die Wolken ziehen vorbei, es erinnert entfernt an James Turrells »Roden Crater« eine doppelte Kuppel also. Man ist hier gleichzeitig bei den Wolken im Himmel und unter der Kuppel, aus der man schaut. Fliegen und festsitzen, aber auf eine gute Art, wie ein angenehmer Traum.

In den schwächsten Momenten hingegen treten Bild und Ton in schlichtweg keine Beziehung: Während Barbieris Musik einem die Tränen in die Augen treibt – so schön ist sie –, werden nüchtern weitere Berglandschaften in die Kuppel projiziert, wird die Kuppel schwarz, weitere Bergseen. Es hat nahezu etwas Touristisches: wie Urlaubs-Slides, nur im ungewöhnlich gewölbten 360-Grad-Format. 

Etwas fragend verlässt man die Höhle, bald steht der grau drückende Spätsommerhimmel wieder enttäuschend zweidimensional über einem. Gerne würde man nächste Woche wiederkommen und ein neues, ähnliches Set von Caterina Barbieri hören, nur diesmal mit gewarpten, verschrägten Landschaften von Spini in der Kuppel, die in ihrer Schroffheit und Verzerrung dem Klang noch mehr gerecht würden.

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