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Photo by Luise Hamm
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Alice Peragine »Auto Body Repair [in remote control]«, Kunsthalle Baden-Baden, 2020. Photo by Helge Mundt
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Alice Peragine »Auto Body Repair [in remote control]«, Kunsthalle Baden-Baden, 2020. Photo by Helge Mundt
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Alice Peragine: Fragile Schnittstellen

October 22, 2020
Text by Paula Thomaka
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Photo by Luise Hamm

In intimen, performativen Settings beleuchtet die multimediale Künstlerin und Villa Romana-Preisträgerin 2020 Alice Peragine fluide Grenzen und Mechanismen der Abschottung.

Die politische Dimension von Körpern ist in den Arbeiten von Alice Peragine ein zentrales Motiv. In ihrer Einzelausstellung »Auto Body Repair [in remote control]« in der Kunsthalle Baden-Baden schaffte Peragine, Pandemie-bedingt ein hybrides Konzept zwischen physischem und digitalem Raum, indem sie Fragen von Zugänglichkeit und körperlicher Nähe in Zeiten von Social Distancing ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung rückte. Mit Paula Thomaka spricht die Künstlerin über fossilen Kapitalismus, das Automobil als Symbol für Maskulinität und die Technologie als Erweiterung von Körpern in ihrer eigenen Praxis.

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Alice Peragine »Auto Body Repair [in remote control]«, Kunsthalle Baden-Baden, 2020. Photo by Helge Mundt

Deine Ausstellungen bestehen aus einem Wechselspiel zwischen Performance und Installationen. Inwiefern stehen diese Arbeitsweisen in Verbindung?

Meine Praxis ist oft ortsbezogen, deswegen reagiere ich stark auf die Gegebenheiten von Ausstellungsräumen. Ich glaube an ein fragiles »entanglement« zwischen »non human« und »human species«, dabei sind anwesende Körper immer Teil meiner Installationen im Raum. Ausstellungsräume und Architekturen bringen ihre eigene Geschichte mit, die ich oft in meine Arbeit integriere. Mir gefallen besonders unfertige Zwischenzustände von Räumen, wenn die Nutzung nicht eindeutig vorgegeben ist. Diese Potentialität von Mehrdeutigkeit löst eine eindimensionale Verwertungslogik auf. Beispielsweise waren im Kunstverein Dresden die Gegebenheiten der Räumlichkeit sehr präsent. Der 60er-Jahre-Bau aus der DDR ähnelte einer in die Jahre gekommenen Büroarchitektur, völlig konträr zu einem typischen White Cube. Hier erhielten die Kunstwerke sofort eine andere Wirkung, die ich mit einer inszenierten Baustellenoptik verstärkte. Baustellen sind für mich Zwischenräume, die sich zwischen Entstehen und Vergehen befinden. Sie ermöglichen einen anderen Freiraum und diesen Umstand in meinen Performances aufzugreifen, ergibt für mich sehr viel Sinn. Von mir gestaltete Räume dienen also als Setting für die Performances, sie sind jedoch multifunktional als Ausstellungsraum, Performancefläche und Rezeptionsort gedacht.

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Wie hat sich das Konzept deiner Einzelausstellung »Auto Body Repair [in remote control]« in der Kunsthalle Baden-Baden aufgrund der COVID-19-Pandemie verändert?

In Baden-Baden habe ich mich nicht nur an den Raum, sondern auch an die aktuelle Situation angepasst. Angesichts der Pandemie war es nicht möglich, die Ausstellung selbst aufzubauen, was für meine Arbeitsform eigentlich elementar ist. Deswegen habe ich zwei Wochen vor der geplanten Eröffnung mit dem Kurator Benedikt Seerieder das Konzept völlig umgeschrieben und die Ausstellung um einen Monat verschoben. Wir haben die Raumsituation umgedacht und ein PDF entworfen, das nun die Hauptarbeit darstellt. Es beinhaltet sowohl die beiden Videos, die vor Ort zu sehen sind, als auch Texte und Quellen, die als Kommentar zur Pandemie sowie als eine Art offenes Archiv funktionieren. In der von mir konzipierten Kontaktzone im Studioraum der Kunsthalle waren die beiden Videos auf zwei Monitoren zu sehen, die hinter transluzenter Baufolie angebracht waren. Diese hing an den Wänden, um den Aspekt des Rohen und Unfertigen zu betonen. Die Ausstellung verhandelt die Simultanität von Hyperintimität und physischer Distanz in digitalen Räumen. In dieser Zuspitzung der Situation lag mein Fokus auf den fragilen Infrastrukturen der Kommunikation: Was passiert, wenn Übertragungen einfrieren oder unterbrochen werden und wie verändert sich die Wahrnehmung von Anwesenheit und Präsenz wenn Körper abwesend sind?

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Photo by Luise Hamm

Du bezeichnest das dazugehörige PDF als »digitalen Referenzraum«. 

Aufgrund des Formats eines PDF wollten Benedikt und ich eine neue Form der Aufbereitung von Quellen und Diskursen realisieren. Paul B. Preciados Text »Vom Virus lernen« war zentral für unsere Überlegungen, wie aktuell mit Abschottung, Schutz und Verletzbarkeit umgegangen wird. In meiner Arbeit »Bodies and Barriers« von 2015 habe ich mich bereits mit Grenzpolitiken an Flughäfen auseinandergesetzt. Deswegen wollten wir das gesammelte Material unter einem vermittelnden Aspekt zur Verfügung stellen, um zu fragen, wie sich Zugänglichkeiten verändern und Wissensproduktion entsteht. Das PDF, das in Zusammenarbeit mit der Grafik-Designerin Lena Thomaka gestaltet wurde, kann als eine Erweiterung zu der physischen Kontaktzone im digitalen Raum gesehen werden, die von Dauer und archivierbar ist. Insofern spinnt sich der Referenzraum aus theoretischen Verweisen innerhalb des PDF zusammen, um tradierte Display-Formate zu hinterfragen und weitere Inhalte im digitalen Raum offen zu legen.

Inhaltlich steht die Fiktion des gesunden Körpers im Fokus.

Der Text »Animacies Biopolitics, Racial Mattering, and Queer Affect« von Mel Y. Chen ist sowohl für meine Arbeit als auch für die Ausstellung im Kunstverein Baden-Baden sehr wichtig. Ich habe ihre Texte, Pandemie-bedingt neu rezipiert und darf in meinem PDF einen Absatz von ihr verwenden. Sie greift hier den Aspekt des »passing as heteronormative and healthy« auf. Chen beschreibt, wie sie sich 2010 in der Öffentlichkeit mit einer Maske durch die Stadt bewegt hat und welches Stigma ihr dahingehend auferlegt wurde: »Living with my illness, not wearing a mask counts as a guise of passing, of nondisability: I look «well» when I am maskless in public (at least until I crumble).« Diese Zuschreibung hat sich in den letzten Monaten verändert und ich finde es unter einem performativen Aspekt unglaublich spannend, wie schnell sich (hetero)normative Codes transformieren, wenn schützenswerte und funktionsfähige Körper bedroht sind.

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Alice Peragine »Auto Body Repair [in remote control]«, Kunsthalle Baden-Baden, 2020. Photo by Helge Mundt

Was verbindest du mit dem Begriff »extended bodies«?

Für mich steckt im Begriff der »extended bodies«, übersetzt Körpererweiterungen, die fluide Verbindung von Körpern mit ihren umgebenden Apparaten. Es sind fließende Grenzen, die in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander existieren und genau für diese Übergänge und Schnittstellen interessiere ich mich. In meiner Performance »Soft Core – Protection Procedure« habe ich mich mit Formen von Macht-Repräsentation und schützenden Körperausrüstungen beschäftigt und in Zusammenarbeit mit der Kostümbildnerin und Modedesignerin Nina Divitschek Uniformen für die Performer*innen entwickelt. Mit ihren Visieren erinnern die Uniformen an entmenschlichte Kampfmaschinen aus einem Polizeieinsatz. Sie tragen alles bei sich und sind in der Lage, sich relativ unabhängig von der Außenwelt zu bewegen und durchzusetzen, sich ihren Raum anzueignen. Auch vermitteln sie den Eindruck von absoluter Überlegenheit und Unverletzbarkeit – ähnlich einem SUV, der an Passant*innen auf der Straße vorübergleitet. Im Zentrum steht die Überlegung, was das für Geräte sind, die wir Menschen in einer hochtechnologischen Welt entwickelt haben und die uns körperlich immer mehr voneinander entfernen.

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Photo by Luise Hamm

Anwesenheit ist ja auch eine Form von Körperlichkeit. Welchen Stellenwert hat der Körper in deiner künstlerischen Arbeit?

Verhandlungen von Biopolitiken und Machtverhältnissen in Bezug auf den Körper sind für mich in meiner Arbeit sehr zentral. Ich stelle mir die Frage, welche Körper die Fiktion von Unverletzbarkeit und »impenetrability« leben können. Die Theoretikerin Heather Davis, die sich in ihrer Lecture »The Queer Future of Plastic« auf Chen bezieht, sagt diesen Satz, der mich nachhaltig beeindruckt hat: »The fiction of independence and impenetrability is one that only a few bodies can bear and clearly the bodies that bear the fiction of impenetrability and impermeability are the ones with the most power in this world«. Klasse, »Race« und Gender sind entscheidend und befördern eine Ungleichheit zu denen, die sich schützen oder sogar abschotten können. Doch der lustvolle Umgang mit dem Körper und ihrer Umgebung stellt für mich einen wesentlichen Weg zu politischer Emanzipation dar. Denn bestimmte »People of Power« kontrollieren und unterdrücken lebendiges und andersartiges Leben, um ihre Macht zu sichern. Außerdem ist der Körper ein Medium, um sich in dieser Welt zu bewegen – das kann eine tolle, aber auch eine schmerzhafte Erfahrung sein. Wenn der Körper nicht mehr so funktioniert, wie es allgemein erwartet wird, entstehen angstbesetzte Situationen und ein Moment des Kontrollverlusts, der herkömmliche Narrative von Unabhängigkeit infrage stellen kann. Für mich ist es ein politischer Akt in Verbindung mit dem eigenen Körper und dem eigenen Unterbewussten zu sein sowie Gefühlen von Verletzlichkeit Raum zu geben.

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Photo by Luise Hamm

Körper und Technologie werden in deinen Performances zusammengeführt, mitunter betrachtest du Technologien als eine Erweiterung von Körpern.

Ich sehe meine Performances als Schnittstelle zwischen »human bodies« und Technologie. Beide verbindet eine unglaubliche Fragilität. Batterien leeren sich, Kabel brechen und sowohl Soft- als auch Hardware sind sehr anfällig. »Extended bodies« stellen für mich somit Entitäten mit fluiden Grenzen und durchlässigen Übergängen dar. Überall sind Öffnungen, die in Verbindung mit ihrer Umwelt stehen. Es ist ein riesiger geschlossener Kreislauf aus Pflanzen, Tieren und Verbrennungsmotoren. Ein kollektives Ein- und Ausatmen. Und bezogen auf Technologien ist der Körper ja permanent durch diverse »devices« erweitert. Deswegen interessiere ich mich sehr für das Automobil. Es kann als ein Gehäuse, als ein beschleunigter Panzer fungieren, der wie eine Erweiterung unseres Körpers gesehen werden kann. Er ist ein Negativabdruck, der uns umgibt. Deswegen möchte ich das Narrativ des Autos infrage stellen. Aktuell ist es kapitalistisch, männlich geprägt, als ein Symbol von Schnelligkeit, Freiheit und Maskulinität. Es ist ein Fetischobjekt. Durch ein Zusammenspiel von Fragilität und Brüchigkeit möchte ich herausfinden, ob Technologie und Definitionen von Männlichkeit tatsächlich so kontrollierbar und unantastbar sind oder neue Geschichten darüber entstehen können.

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