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Foto von Simon Courchel

Zu Hause im Steckschaum: Jen Rosenblit baut sich ihre eigene Welt

November 16, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Simon Courchel

Jen Rosenblit setzt sich in I’m Gonna Need Another One mit den unterschiedlichen Bausteinen des Ichs auseinander und baut eine Welt, die so gemütlich wie porös ist.

Stellst du deine Möbel auch ständig um? Der Tisch könnte in dieser Ecke doch besser aussehen?! Jen Rosenblit macht das auch. Die selbstbetitelte CompulsiveFurniture Re-arranger ist schon anwesend, während das Publikum die Halle des Tanzquartiers betritt. Diese ist auch ordentlich umgeräumt: die große Publikumstribüne ist von schweren schwarzen Vorhängen umhängt und nicht zugänglich. Wir finden uns bei der Performerin auf der Bühne ein und stellen uns an die Ränder des Geschehens. Überall im Raum sind Requisiten verteilt, größtenteils Würfel aus Steckschaum, die Rosenblit dazu dienen, Gebilde zu errichten und auch gleich wieder zu zerstören. Der poröse Schaum gibt schnell nach und so finden sich im Laufe der Performance neben Fingerabdrücken Spuren von Fußtritten und Messerschnitten.

Die Performerin scheint es sich immer wieder aufs Neue gemütlich zu machen, sich einzurichten mithilfe der dunkelgrünen Bauklötze. Doch irgendwie passt es doch nie so ganz und die Würfel werden wieder neu angeordnet, bis sie am Ende alle zerstört sind. Ständig wird die Perspektive gewechselt, immer etwas Neues probiert. »How do you live?« will sie vom Publikum wissen, und weiter: »Do you live alone? Do you have windows?« Die Kette von scheinbar unzusammenhängenden Szenen, in denen Rosenblit exaltiert-posenhaft tanzt, Sellerie auf einer Picknickdecke schneidet oder mit einem einzelnen Huf herumstolziert, wird geeint von einer monologisch vorgetragenen Erzählung. Die Performerin richtet dabei das Wort an sich selbst und erkundet die einzelnen Ausprägungen ihrer Identität. Neben der Möbel-Neuanordnerin sind da auch eine Köchin, ein Fabelwesen, eine mythologische Gottheit und Figuren aus dem Wizard of Oz.

Rosenblit erkundet diese unterschiedlichen Bausteine ihres Ichs spielerisch und mit einer naiven Stoa, die den Zugang zu dieser inneren Welt öffnet. »I’m Gonna Need Another One« ist die Einladung in diese aus Steckschaumwürfeln gebauten Behausung, die jederzeit auch wieder zerbröseln kann. Ihre Monologe wirken wie ein mediatives Mit-sich-Sein, das nur aufkommt, wenn man allein zuhause ist. Hat man Zeit für sich, werden erstmal die Positionen der Möbel inspiziert, bei Bedarf umgestellt und dann der Blick auf das eigene Ich gerichtet: gibt es da auch etwas neu zu arrangieren? Etwas anzupassen? Wer ist da eigentlich alles und was versteckt sich da noch? Nach etwa zwanzig Minuten reißt Rosenblit einen der den Bühnenraum begrenzenden Vorhänge hinunter und offenbart ihren Co-Performer Gérald Kurdian sowie eine zweite Publikumstribüne, auf der dann Platz genommen wird. Kurdians Soundproduktion wird so zum sichtbaren Teil der Performance und dreht die Perspektive auf Rosenblits Performance ein weiteres Mal um.

»I’m Gonna Need Another One« wirkt wie eine unbefangene Begegnung mit sich selbst, die dort stattfindet, wo man sich besonders wohlfühlt: zu Hause. Dieses Zuhause setzt sich zusammen aus dunkelgrünen Würfeln, die alle für eine andere Ausprägung der Identität stehen. Die teils absurden Szenen werden von der stoischen Miene der Performerin zusammengehalten und sorgen für humorvolle Momente. Kurdians verträumte, bisweilen fordernde Klanglandschaft bietet die passende Atmosphäre für Rosenblits Erkundung dieses mannigfaltigen Ichs, das sich hier im gesamten Raum ausbreitet. In jeder Ecke lauert ein anderer Baustein der Identität, der nur darauf wartet, neu angeordnet zu werden.

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