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Foto von Danny Willems
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Weiblicher Zusammenhalt in stürmischen Zeiten: Lisbeth Gruwez‘ »The Sea Within«

August 8, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Danny Willems

Die Belgierin Lisbeth Gruwez präsentiert bei ImPulsTanz ein Stück für zehn Tänzerinnen, die mit den Kräften der Natur spielen. The Sea Within ist ein vielschichtiges Portrait weiblicher Stärke.

Der Wind säuselt, hin und her werden sie gerissen, bewegen sich unaufhörlich in den Wogen. Droht eine hinzufallen, wird sie von den anderen gestützt und aufgefangen. Sie sind füreinander da, verschmelzen zu einem Ganzen. Eine Dynamik, auf die Verlass ist.

Sie, das sind die zehn Tänzerinnen, die die belgische Choreographin Lisbeth Gruwez für das erste Stück, in dem sie nicht selbst tanzt, ausgewählt hat. Ariadna Gironès Mata, Charlotte Petersen, Cherish Menzo, Daniela Escarleth Romo Pozo, Francesca Chiodi Latini, Jennifer Dubreuil Houthemann, Natalia Pieczuro, Sarah Klenes, Sophia Mage und Chen-Wei Lee bilden im 2018 uraufgeführten »The Sea Within« ein mit der Naturgewalt symbiotisches Gefüge.

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Foto von Danny Willems

Der von Maarten Van Cauwenberghe – Gruwez‘ Partner im Zusammenschluss Voetvolk – produzierte Sound suggeriert Eindrücke von säuselndem Wind, tosenden Meereswellen oder einem aufziehenden Sturm. Doch die Körper der Tänzerinnen sind diesen Naturgewalten nicht einfach ausgesetzt, sie verbinden sich mit ihnen. Was hier raffiniert subtil ausagiert wird, ist metaphorisch als Ausdruck innerer Seelenlandschaften zu verstehen.

Die Tänzerinnen befinden sich in einem ständigen Auf und Ab. Gestaltet sich der Bühneneingang wie ein vorsichtiges Anpirschen auf allen Vieren, baut sich langsam Spannung auf, die Körpersprache wird zunehmend ausgelassener und expressiver. Immer wieder finden sich die Tänzerinnen zu einem Verbund zusammen, sammeln sich in der Mitte, stehen ganz eng beieinander. Zwischen diesen Gruppierungen lassen sie immer wieder voneinander, die Gruppe fällt langsam auseinander und jede ist wieder ganz für sich. Mehrfach tritt nach dem engen Kontakt die absolute Stille ein. Jede Tänzerin sucht sich ein Eckchen auf der Bühne, steht fast still, tastet den eigenen Körper ab: Hals, Busen, Kopf, Beine. Allein, aber nicht einsam. Wie die ruhige, vorerst befriedete Luft nach einem lauen Sommerregen, die das richtige Gewitter aber noch erwartet.

Dieser Wechsel an Stimmungen geht einige Male vonstatten, bis die Spannung – auch aufgrund der sich nun immer schneller steigernden Musik – kaum mehr zu ertragen ist. Plötzlich ändert sich die Dynamik. Die Formensprache ist immer noch wendig und geschmeidig, aber der Zusammenhalt unter den Tänzerinnen hat sich verändert. Nun übernimmt eine das Kommando, scheint über andere zu bestimmen: Sie stehen in Konkurrenz zueinander, an einer Ecke wird geflüstert. Die Tanzfiguren sind nun ausufernder, ekstatischer, die Soundkulisse gleicht einem unheilvollen Gewitter. Dunkle Wolken ziehen auf, bis sich die akustische und körperliche Ebene zu kriegerischem Ausdruck gesteigert haben. Endlich, ja endlich die Eruption, das Gewitter. Das, was in den Körpern der Tänzerinnen von Beginn an toste, hat sich Raum geschaffen. Das Schlussbild ist nach diesem Ausbruch bald wieder ein Versöhnliches: Die Gruppe findet wieder zueinander und zu ihrem Zusammenhalt zurück, bevor sie sich in individuellen Drehbewegungen um die eigene Achse auflöst.

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Foto von Danny Willems

Gruwez versteht es, innere Landschaften von Aufruhr, Widerständigkeit, aber auch Entspannung und Sicherheit als Naturphänomene übersetzt in eine Choreographie zu verpacken. Die Bewegungsabläufe sind von innen kommend gedacht und basieren auf Mondrhythmen. Das Stück kreist um Fragen von Solidarität, Gemeinschaft und Selbstfürsorge und betont, dass sich Zusammenhalt und Individualität nicht ausschließen. Die vertraute Dynamik zwischen der Gruppe bleibt auch erhalten, wenn sich die Tänzerinnen voneinander lösen und mit sich selbst beschäftigen. Was auf der Bühne passiert, ist erstmal langsam, geschmeidig, schön, aber auch unglaublich aufrührend. Gerade in der Subtilität der Tanzfiguren steckt ihre ungeahnte Stärke. Gepaart mit der musikalischen Ebene, die irgendwie märchenhaft entrückt wirkt, ist »The Sea Within« eine treffende Verbildlichung innerer Welten. Es ist die sanfte, aber stets bestimmte Choreographie, die – so mag man es deuten – eine Art von Weiblichkeit zeichnet, die den Weg kennt, entschlossen vorwärtsschreitet, aber sich dazwischen Zeit nimmt, auf sich selbst und andere zu achten. So schafft es Gruwez, der leidigen und überholten Naturalisierung von Geschlecht ein zeitgemäßes Bild entgegenzusetzen – nicht zuletzt dank ihres grandiosen Ensembles.

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