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Foto von Anna Breit

»We Bodies« stellt die Erwartungen an Tanz und Körperideale auf den Prüfstand

October 19, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Anna Breit

Teresa Vittucci, Michael Turinsky und Claire Vivianne Sobottke verhandeln unter dem Titel We Bodies gesellschaftliche Kategorien von »schön«, »normal« und »begehrenswert«. Eine inklusiv-diskursive Performance von Körperlichkeit.

Der erste Applaus wird von den Performer*innen auf Knien entgegengenommen, für die zweite Applaus-Welle wird ein Rollstuhl gebracht, in dem Turinsky Platz nimmt. Würde man Turinskys bisherige Arbeiten (zB: »Reverberations«, »Ravemachine«) nicht kennen, ließe die Performance »We Bodies« bis zu diesem Schlussmoment nicht zwangsläufig darauf schließen, dass der Tänzer und Choreograph an Zerebralparese leidet: eine Erkrankung, die zu Störungen des Muskeltonus und der Motorik führt. Turinskys Körper ist nicht der einzige nicht-normative, der an diesem Abend performt. Auch Vittuccis Körper entspricht nicht der gängigen hyperschlanken, durchtrainierten Norm, die im Tanzbereich vorherrscht. Als das Publikum den Saal betritt, sitzen die beiden mit Sobottke, der Dritten im Bunde, bereits am Rande der Bühne. Mit dem Rücken zum Publikum richten sie sich in der ersten Szene erst langsam auf, kriechen ans andere Ende der Bühne und geben ihre Gesichter erst zu erkennen, als sie dieses erreicht haben. Dies ist nicht der erste Moment, in dem sie ihre Blicke durchdringend ins Publikum richten.

Ist die Eingangsszene noch verhältnismäßig langsam, steigern sich die Bewegungsmuster bald. Die Soundlandschaft ist abstrakt und sehr reduziert, die von Tian Rotteveel live auf der Bühne produzierten Klänge sind metallisch und hallend. Sie scheinen in keiner Relation zu den agierenden Körpern zu stehen und steigern sich erst langsam zu dynamischen Rhythmen. Die von den Performer*innen vollzogenen Bewegungen werden in gleichem Maße zunehmend schneller. Wirken die Körper anfangs noch ruckartig verzerrt und irgendwie unmenschlich, werden die Bewegungsmuster dynamischer und organischer, sobald die drei Performer*innen in Interaktion treten. Das sind kämpferische Zusammenstöße, liebevolle Begegnungen, skulpturale Stapelungen oder exzessive Tänze. Rotteveels abstrakter Sound ist längst verklungen, nun regiert Clubsound von der scheußlichsten eingängigsten Sorte das Geschehen. Exzessiv und fast manisch wirkt die Choreographie, mal in grotesken Ganzkörperkostümen, mal nackt.

Durchgehende Motive sind eine ruckelnde, exaltierte Körpersprache, die leicht als problematische Nachahmung Turinskys Bewegungsabilität verstanden werden kann, doch viel eher zu einer Begegnung und Gemeinsamkeit aller drei Performer*innen führt. Zweites Motiv sind exzessive Gesichtsausdrücke, die wie erwähnt oft direkt ins Publikum gerichtet werden. Mit weit aufgerissenen Augen, gestikulierenden Händen und schwingenden Ärschen wirken diese wie eine Persiflage gängiger Instagram-Posen und popkultureller Bewegungsmuster, man denkt vor allem an Tänzerinnen in Trap-Videos. Vittucci, Turinsky und Sobottke eignen sich wohlbekannte Figuren, die als popkulturelle Phänomene unsere gesellschaftlichen Vorstellungen von »normal«, »sichtbar« und »schön« beeinflussen, an und überzeichnen sie bis zur Unkenntlichkeit. In der Überzeichnung entsteht wohl das Monster, von dem Sobottke spricht. Die weit aufgerissenen Augen, der riesige Grinser und die selfie-ready Haltung, beibehalten selbst bei der Darstellung einer Kopulation wirken schlichtweg grotesk. Diese Überzeichnung führt zu einer Überschreitung und so zu einer Überwindung körperlicher Ideale, Sobottke bezeichnet diesen Vorgang als Exorzismus.

»We Bodies« bringt drei ganz unterschiedliche Körper auf die Bühne, die im gängigen Tanzbetrieb nicht unbedingt alle sichtbar sind. Diese Sichtbarmachung macht eine Verhandlung gesellschaftlicher Normen und Ängste vor »fremden«, uns unbekannten Körperformen möglich, die beweist, dass alle Körper das Label »begehrenswert«, »sexuell« oder »tanzend« verdienen. In der Überzeichnung der Normen sind es genau diese nicht-normativen Körper, die eine Überwindung möglich machen und Kategorien wie »normal«, »schön«, aber auch »weiblich« abschaffen, indem sie eine Choreographie tanzen, die auf grenzenlose Leiblichkeit setzt.

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Photo by Gregor Titze

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