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Foto von Kati Goettfried
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Was Orgasmen mit Gott zu tun haben: »Amadora Llama«

April 17, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Kati Goettfried

Veza Fernández präsentiert im Tanzquartier ihre Auseinandersetzung mit der mystischen Ordensschwester Santa Teresa und befragt religiöse Praktiken auf ihr emanzipatorisches Potenzial.

Ruhig und bewegungslos sitzen sie da, mit gelockerter Körperhaltung und über den ganzen Bühnenboden verteilt. Fast wie ein Tableau vivant sind die neun PerformerInnen anzusehen und es wird noch dauern, bis sie sich in Bewegung setzen. Doch sie sind nicht unbewegt. Bei genauem Betrachten fallen die ostentativen Ausdrücke in den Gesichtern der PerformerInnen auf. Da werden Augen aufgerissen, Münder stehen offen, Spucke fließt heraus und langsam entweichen leise Schreie, die in dann in Stöhnen und genussvolle Geräusche münden. Als sich eine musikalische Ebene miteinreiht, wird das Stöhnen immer lauter und die PerformerInnen beginnen teilweise zu interagieren und sich gegenseitig zu berühren. Sehr langsam und sinnbetont wird hier Spannung aufgebaut, bis hin zum orgastischen Höhepunkt. Was dann folgt, sind weitere sehr langsame, aber auch sehr gewaltige Szenen und Auseinandersetzungen, von entrücktem Gemurmel bis hin zu chorischem Geschrei liegt der Fokus dabei immer auf der Stimme.

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Foto von Kati Goettfried

Inspiration für Amadora Llama war die katholische Heilige Teresa von Ávila, die für Fernández vor allem aufgrund ihrer mystischen Erfahrungen, die sie in Gedichten festhielt, interessant ist. Im Zustand religiöser Ekstase machte Santa Teresa die Erfahrung der Transverberation, einer Art Vision oder Heimsuchung, in der ihr ein Engel erschien und mit einem brennenden Pfeil das Herz durchbohrte. Vor allem in Spanien überaus populär, wird Santa Teresa meist mit entrückten Gesichtszügen im Augenblick der Vision dargestellt. Die mystischen Gedichte bergen das für Fernández‘ Theaterarbeit spannende kreative Potenzial. Amadora Llama erkundet den ekstatischen, entrückten Kern religiöser Praktiken und schafft einen Resonanzraum, in dem der Erleuchtung kollektiv entgegen performt wird. Verbindendes Element ist dabei der Mund oder die Stimme. Über ihre Laute scheinen die PerformerInnen miteinander verbunden zu sein. Es entsteht eine polyphone Vision, sie sind mit ihrer mystischen Erfahrung ganz für sich und doch gemeinsam, inneres Erleben wird lautlich geteilt und akustisch aufgenommen. Genau hier liegt das emanzipatorische Potenzial: Indem das eigene Empfinden artikuliert und die Stimme erhoben wird, um es zu teilen, wird darüber verfügt.

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Foto von Kati Goettfried

Amadora Llama eröffnet einen höchst sinnlichen Raum, der eindrückliche Bilder wie in einem ikonografischen Gemälde schafft. Langsam und unter hoher Spannung wird agiert, bis die PerformerInnen nicht nur einem, sondern mehreren ekstatischen Höhepunkten erliegen. Anhand stimmlicher Resonanz wird entrückende Erfahrung geteilt und kollektiv erlebt, was einen neuen, emanzipatorischen Blick auf religiöse Praktiken des Katholizismus wirft.

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