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Foto von Bea Borgers
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Foto von Bea Borgers
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Von der Verbundenheit prekärer Körper: Kompanie REC mit »aCORdo«

May 21, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Bea Borgers

Die brasilianische Choreographin Alice Ripoll zeigt mit ihrer Kompanie REC bei den Wiener Festwochen ein buchstäblich nahegehendes Stück, das mit Klischees spielt und doch todernst ist.

Der Ausgang des studio brut wird mit einer Absperrung geschlossen. Der Raum ist ziemlich klein und wir nehmen an den drei Seiten des Quaders auf einzelnen Stühlen Platz. Die vier Performer lehnen bereits mit leerem Blick an der Wand. Langsam gleiten sie zum Boden hinab, wirken gelangweilt, schließen immer wieder mal die Augen und schlafen aufeinander ein, stapeln sich geradezu übereinander. Sie tragen bunte Overalls und schlichte Uniformen, vielleicht sind sie einfache Arbeiter oder gar Sträflinge, die den tristen Alltag zubringen?

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Foto von Bea Borgers

Die skulpturale Formensprache beschleunigt sich schnell und gerät in einen ausgelassenen Tanz, in dem jeder Performer für sich aber doch gemeinsam mit den anderen agiert. Die Tanzenden verstricken ihre Gliedmaßen ineinander, berühren sich oder springen übereinander. Sie halten sich gegenseitig wie Babys im Arm und reichen einander so weiter. Dann landet ein Performer plötzlich auf dem Schoß zweier Zuschauender im Publikum. Behutsam wie rohe Eier wird er in die Arme der ZuschauerInnen gereicht. Der nassgeschwitzte Tänzer ruht sich hier für einige Minuten aus, kuschelt sich an die fremden Personen, bis er sich wieder zu Boden gleiten lässt und in den Tanz zurückfindet. Dies geschieht mehrere Male, auch auf meinem Schoß landet einer der Performer und ich versuche seinen Kopf wie den eines Säuglings zu stützen.

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Foto von Bea Borgers

Die ungewöhnliche Situation kippt schnell, als nicht mehr Performer in den Sitzreihen abgelegt werden, sondern Dinge. Entwendete Dinge wie Handtaschen, Handys, Armbanduhren und sogar Haarbänder wechseln den Platz. Die Performer beginnen damit, uns unseren Schmuck abzunehmen, in unsere Taschen zu fassen und uns unsere Jacken wegzunehmen. Diese Dinge landen entweder in den Händen anderer ZuschauerInnen oder in den Hosen- und Hemdtaschen der Performer. Kleine Dinge wie Ringe oder Handys stecken sie sich ein, Handtaschen hängen sie sich um. Auf den nonchalanten Übergriff auf das Publikum wird zunächst mit Humor, dann mit Nervosität reagiert. Blitzschnell landen zahlreiche Dinge in den Händen der Performer. Als ihre Hosentaschen vollgestopft sind und manchen ZuschauerInnen sogar einzelne Schuhe fehlen, schreiten die vier langsam auf die Wand zu und drücken ihre Handflächen im breitbeinigen Stand mit dem Rücken zu uns auf die Wand: die Pose, die man einnehmen muss, wenn man von der Polizei gefilzt wird. Die Absperrung am Ausgang öffnet sich und es kehrt absolute Stille ein. Nach einigen langen Minuten steht die erste Person aus dem Publikum auf und holt sich ihre Besitztümer zurück: Nun fällt uns die Aufgabe zu, auf die Performer zuzugehen, sie zu filzen und in ihren Taschen nach unseren Dingen zu suchen. Regungslos lassen sie die Aktion über sich ergehen, bis alle ZuschauerInnen ihre Sachen zurückhaben und die Performance damit endet.

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Foto von Bea Borgers

Die am Ende eingenommene Position, die absolute Wehrlosigkeit ausdrückt, ist denen aus einer Favela rund um Rio de Janeiro stammenden Performern Alan Ferreira, Leandro Coala, Romulo Galvão und Tony Hewerton nicht unbekannt. Als junge farbige Männer stehen sie für die brasilianische Polizei unter Generalverdacht und werden wie in der Anfangsszene oft stereotypisiert wahrgenommen. »aCORdo« spielt mit solchen rassistisch motivierten Vorurteilen und Klischees, wenn etwa das Publikum »bestohlen« wird, ist dies zwar zunächst humorvoll, deutet aber genauso auf Vorurteile und Ängste, die wir selbst in uns tragen.

Ein durchgehendes Motiv in der gesamten Choreographie ist das gegenseitige Stützen und Halten. Jede Figur hat ihre ganz eigene Formensprache, dennoch bleiben alle vier zu jeder Zeit in der Performance verbunden, agieren miteinander und in Relation zueinander. Das Sich-Stapeln, sich aufeinander Stützen und einander Hochheben lässt sich durchaus metaphorisch verstehen: Die Last wird gemeinsam getragen und verbindet diese prekären Körperlichkeiten. Indem die Performer wie hilflose Babys in den Schößen des Publikums abgelegt werden, werden auch wir Teil des Stützgerüsts und fühlen die Last am eigenen Körper. Darauf deutet auch die von Ripoll gewählte Schreibweise des Titels: das portugiesische »aCORdo« kann sowohl »die Farbe von« als auch »Übereinkunft, Einverständnis« heißen. Es ist diese stille Übereinkunft mit dem Publikum, die Ripolls Choreographie so eindrücklich macht.

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