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Foto von Joeri Thiry

Von der Omnipräsenz der Nackten: Jan Martens »Rule of Three« überzeugt im Tanzquartier

January 10, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Joeri Thiry

Nackte durchtrainierte Körper, Live-Musik auf der Bühne, Grenzüberschreitungen. Jan Martens Rule of Three hat alles, was eine zeitgenössische Tanzproduktion braucht. Warum das trotzdem nicht langweilig wird, liegt vor allem an den PerformerInnen.

Es gibt ein paar Dinge, die auf zeitgenössischen Bühnen nicht mehr wegzudenken sind. Das sind nackte Körper, live auf der Bühne produzierte Musik und verschiedenste Formen der Grenzüberschreitung. Grenzen zu überschreiten ist in. Performances, die sich über mehrere Tage ziehen und die PerformerInnen genauso wie die ZuschauerInnen an die Grenzen der Belastbarkeit bringen, finden sich nicht nur in Jan Fabres Repertoire. Formate, die kaum mehr zwischen Techno-Party und Performance unterschieden werden können, wie etwa die bei den Festwochen gezeigte Produktion Crowd von Gisèle Vienne erfreuen sich höchster Beliebtheit. Genauso wie nackte Körper jeglicher Art. Die gibt es nicht nur bei Doris Uhlich zu sehen; Mette Ingvartsen setzt sie orgiastisch in Szene, Marie Chouinard sinnlich und Florentina Holzinger macht die Frage, wo die Grenze zur Pornografie liegt zur Grundlage ihrer reflexiven Arbeiten. Schockieren kann das kaum noch.

Jan Martens aktuelle Arbeit Rule of Three, entstanden in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Musiker NAH, vereint alle drei Trends: Die Musik ist Teil der Choreographie und wird live auf der Bühne gespielt, was auch gleichzeitig das grenzüberschreitende Moment beinhaltet. Die Musik ist (nicht nur für uns im Publikum) so laut, dass vor der Vorstellung Gehörschutz ausgegeben und vor eventuellen Hörschäden gewarnt wird. Im letzten Akt finden sich dann auch die Nackten, die uns in vollkommener Stille ganz nahekommen, um uns unverdrossen und direkt in die Augen zu sehen. Beklommenheit macht sich langsam breit und die Blicke des Publikums wandern umher.

Doch zurück zum Anfang: vor der Stille kommt die Explosion. Rule of Three wird von Steven Michel, Dan Mussett und Courtney May Robertson getanzt. Gleich zu Beginn setzt das energetische Schlagzeugspiel des Musikers ein und wird das Tempo bis zum Schluss hochhalten, die ekstatischen Schläge sind bis in die Magengrube zu spüren. Seine Instrumente – neben dem Schlagzeug auch elektronische Drummachines und Synthesizer – bilden mit der Beleuchtung die einzigen Requisiten auf der Bühne. Die Musik ist meist schnell, erinnert teilweise an Drone-Sounds und stellt immer wieder neue Klanglandschaften her. Angelegt als eine Sammlung von Kurzgeschichten tanzt das Trio kurze Sequenzen, die immer wieder neu überraschen, aber alle von der gleichen energiegeladenen Stimmung sind. Die hoch expressiven, mitunter eckigen Bewegungen der PerformerInnen bilden eine Einheit mit der musikalischen Ebene und die Musik wird zum Akteur. Beide Ebenen scheinen sich in einem Dialog miteinander zu befinden und sind perfekt aufeinander abgestimmt. Zwischendurch eingeblendete Zitate aus Lydia Davis Kurzgeschichten geben Stimmungen vor, doch tatsächlich sind es die Körper, die erzählen und gewissermaßen schreiben.

Die PerformerInnen sind in Rot, Gelb und Blau gekleidet, was den Grundfarben der Dreifarbentheorie entspricht. Diese bilden zusammen den sogenannten RGB-Farbraum, einen Würfel, dessen Achse jeweils eine Farbe darstellt. Genau das tun auch die bunten PerformerInnen. Immer wieder bildet das Scheinwerferlicht ein Dreieck, in dem sie sich bewegen; das geometrische Verhältnis zwischen den Dreien wird stets aufrechterhalten. Es mag daran liegen, dass Rule of Three schon seit geraumer Zeit tourt und bereits mehr als 60-mal aufgeführt wurde, doch die Präzision, mit der sich im Raum bewegt wird, erinnert an eine Vermessung. Diese Raumerkundung weitet sich auf den nackten Schlussakt aus, wenn plötzlich gegensätzlich, nämlich still und sehr langsam, Körperskulpturen quer durch den gesamten Bühnenraum erstellt werden.

Rule of Three nimmt sich Lydia Davis Kurzgeschichten zum Ausgangspunkt und kombiniert diese Erzählform mit einer streng geometrischen Farbenlehre, was zu kurzen Szenen unterschiedlicher Stimmung führt. Im Vordergrund steht dann aber der ekstatische Dialog zwischen Musik und Tanz, was vor allem der Expression der PerformerInnen zu verdanken ist. Auch ohne den etwas desorientiert wirkenden nackten Schlussakt hätte Martens Choreographie überzeugt. Können und Präzision sind eben immer in.

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