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Foto von Martin Colombet
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Vom Körper als Material und Werkzeug: David Wampachs »ENDO« im Tanzquartier

January 31, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Martin Colombet

David Wampach und Tamar Shelef erforschen im Tanzquartier die Beziehungen und Grenzen zwischen Material und Körper. ENDO begibt sich auf eine Spurensuche nach den Wurzeln des Performancetheaters und findet sie in experimentellen Arbeiten der Nachkriegszeit.

Was Malerei und Performance-Theater gemeinsam haben? So einiges, wenn es nach dem französischen Choreographen und Tänzer David Wampach geht. So nutzt er den eigenen Körper für ENDO gleich als Werkzeug, Material und Leinwand. Gemeinsam mit Tamar Shelef erarbeitet er eine Art Spurensuche nach den Ursprüngen der gegenwärtigen Konventionen im Performance-Theater. Voll beladen mit Referenzen und Rückblicken in die Kunstgeschichte ist ENDO – wie auch schon Wampachs Auseinandersetzung mit Le Sacre du Printemps – ein humorvoller und ironischer Blick auf Trends und Strömungen der Performance-Kunst und des zeitgenössischen Theaters.

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Der Titel gibt einen Hinweis: ENDO erinnert an die Kunstbewegung Endotismus. Francis Bacon und Pablo Picasso zählen in den 60er Jahren zu den wegweisenden Vertretern, das erfundene Wort stammt vom Schriftsteller Georges Perec und stammt aus dem Französischen, wobei »endotisme« das Gegenteil von »exotisme« meint. Ganz ähnlich wie beim Wortpaar exogen und endogen (von außen vs. von innen heraus entstehend) grenzt sich der Endotismus von der Konzeptkunst der Nachkriegszeit ab und positioniert sich gegen jeglichen Exotismus, was den Blick auf sich selbst und das Innere, den Körper lenken solle. Eine ganz ähnliche künstlerische Arbeitsweise findet sich zeitgleich in Japan. Hier gründet sich 1954 die Gutaï Gruppe, die erste avantgardistische KünstlerInnenvereinigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch hier geht es darum, bisherige Konventionen zu überholen. Nach der Isolation unter einem totalitären Regime steht in den Arbeiten der Gutaï Gruppe vor allem das Individuum und der Körper im Fokus. Zahlreiche Performances, Installationen, Happenings, aber auch Malereien stellen das Verhältnis von Material und Körper in Frage und beziehen den menschlichen Körper in radikaler Weise mit ein. Die Wurzeln zeitgenössischer Praktiken heutiger Performancekunst und -theater lassen sich hier ausmachen.

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ENDO entsteht 2017 nach einem langen Rechercheprozess, in dem sich Wampach intensiv mit den Arbeiten der Gutaï Gruppe und den Werken des avantgardistischen Filmemachers Shūji Terayamas auseinandersetzt. Was sowohl Terayamas Filmen, der Gutaï Bewegung als auch Picassos Endotismus gemein ist, ist der Wille, die Grenzen der traditionellen Malerei zu sprengen und das Aktionspotenzial des Körpers zu betonen. Das setzt Wampach in einer Choreographie um, die seinen eigenen und den Körper seiner Partnerin Tamar Shelef zum Werkzeug und Medium macht. Sind die PerformerInnen zu Beginn noch nackt, werden ihre Körper nach und nach von immer mehr Farbe bedeckt, bis sie kaum mehr zu erkennen sind. In einem nach zwei Seiten offenen White Cube agieren die beiden tanzend und malend. Der am Anfang noch weiße Boden und die Wände des Würfels werden erklommen, besprungen und immer bunter. Die PerformerInnen tunken Haare, Beine oder gar den ganzen Körper in Farbtöpfe und verteilen die Farbe tanzend im Würfel. Zunächst hauptsächlich blau, erinnern die Körperabdrücke stark an Yves Kleins Anthropométrie, doch es wird immer bunter.

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Der White Cube bleibt nicht lange weiß, ist aber doch ein klarer Hinweis auf den musealen Raum. Der traditionelle Ort der zweidimensionalen Malerei, gegen die sich der Endotismus genauso wie die Gutaï Bewegung positionieren. So lässt sich die nahezu vollständige Bedeckung des weißen Würfels als eine Abtragung desselben verstehen. Nicht nur Wampachs und Shelefs Körper sind am Ende kaum noch zu erkennen, sondern auch der museale Raum verschwindet, wird zugunsten der Performance transformiert und selbst zum Medium.

Dass diese Absage an zweidimensionale Formate an weißen Wänden mehr als ein Exzess der Farbe ist, beweist die ordentliche Portion Humor und Ironie in Wampachs Choreographie. Da schwingt ein Handschuh am Penis vor und zurück, da finden sich musikalische Bruchstücke einer allbekannten Populärkultur und dort wird clownesk stolziert oder aktionistisch minutenlang auf der Stelle gezuckt und gerüttelt. ENDO ist ein kritisch-überzeichneter Blick auf die Wurzeln der Performancekunst und hinterfragt zeitgenössische Praktiken im Theater mittels exzessiver Übertreibung.

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