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Foto von Toshiki Okada
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Foto von Hideto Maezawa
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Foto von Hideto Maezawa
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Foto von Misako Shimizu

Toshiki Okada: Fünf Tage im Leben einer körperlosen Jugend

June 4, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Toshiki Okada

Was geschieht mit einer jugendlichen Generation, die mehr und mehr von wirtschaftlichen Krisen, Kriegen und einem politischen Rechtsruck geprägt ist? Toshiki Okada präsentiert die Neubearbeitung seines ikonischen Stücks Five Days in March unter veränderten Vorzeichen.

Mehrere Jugendliche stehen auf der Bühne und erzählen von Geschichten aus ihrem Alltag. Sie sprechen nicht miteinander, sondern ins Leere. Die Filme, die bei der Kritik durchfallen, möge er ja am liebsten, sagt der junge Mann. Auf der Erde sehe sie keine Zukunft mehr, kein Mann würde sie wollen und hier gehe doch sowieso das Öl zu Ende, lieber möchte sie auf den Mars auswandern. Nachdem sich die beiden auf einem Konzert einer schlechten Band kennengelernt haben, verbringen sie fünf Tage in einem Love Hotel in Shibuya und verbrauchen dort drei Dutzend Kondome.

Okadas »Five Days in March«, 2004 erstmals gezeigt und nun mit dem Beititel »Re-creation« neu bearbeitet, dreht sich exakt um diese fünf Tage. Es geht um die alltäglichen Erlebnisse der ungefähr sieben Jugendlichen, die mit dem Ausbruch des Irakkriegs konfrontiert sind. Der 21. März war der Tag, an dem Amerika unter der Regierung George W. Bushs damit begann, Bomben über dem Irak abzuwerfen. Die erste Fassung des Stücks thematisiert den apathischen Umgang der sogenannten Lost Generation mit diesem und ähnlichen politischen Ereignissen.

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Foto von Hideto Maezawa

Auch in der »Re-creation« geht es um die Unmöglichkeit, den Schrecken eines fernen Kriegs in den eigenen Alltag hineinzudenken. Wie soll man sich verhalten? Ändern die Bilder in den Nachrichten etwas am eigenen Lebensstil? Was ist die beste Möglichkeit, sich solidarisch zu verhalten? Die heutige Generation junger Menschen denkt anders. Nationalistische Tendenzen auf der ganzen Welt, von Wirtschaftskrisen gebeutelte Länder, aber auch politische Mitbestimmung und digitale Vernetzung sind allgegenwärtiger geworden.

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima hat die japanische Gesellschaft seit 2011 nachhaltig verändert: Junge Leute gehen auf die Straße, es gibt vermehrt Demonstrationen und politische Kundgebungen. Die SchauspielerInnen, die Okada für seine Neubearbeitung gewählt hat, gehören dieser Generation an, haben ein anderes politisches Bewusstsein und verkörpern gesellschaftlichen Umbruch.

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Foto von Hideto Maezawa

Die banalen Geschichten aus jugendlichem Alltag, die rund um Love Hotels, Konzerte und Kinofilme kreisen, stehen in krassem Gegensatz zu den Bombardements im Irak, doch die fernen Entwicklungen gehen nicht spurlos an den Jugendlichen vorbei. Neben der aufsehenerregenden Geschichte um den fünftägigen One-Night-Stand im Love Hotel steht die Schilderung einer Demonstration. Jede der Figuren hatte den großen Demonstrationszug durch Shibuya ziehen sehen, jede Geschichte steht in irgendeiner Weise in Relation dazu. Zwei von den jungen Männern haben sich dem Zug angeschlossen; von den Radikalen, die so laut skandieren und ganz vorne gehen, halten sie sich aber lieber fern. Eine andere erzählt von den AnrainerInnen, die hier wohnen und jede Woche eine Demonstration erleben müssen, an die solle man auch mal denken. Wieder ein anderer ist beeindruckt davon, wie Demonstrationen in Japan ablaufen und dass sie Polizeischutz genießen.

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Foto von Misako Shimizu

Nicht der Kontrast zwischen den Alltagsbanalitäten und der politischen Haltung der Jugendlichen ist befremdlich, sondern die körperlichen Bewegungsmuster, die die Erzählungen begleiten. Wer spricht, ist nie klar. Die Erzählungen sind eigentlich Monologe, die von den Figuren vor sich hingesprochen werden; formuliert sind sie aber wie Konversationen ohne GesprächspartnerIn. Wer welche Figur verkörpert ist nicht klar, Namen werden durch den Raum geworfen, ohne dass jemand adressiert wird. Die Geschichten drehen sich im Kreis und sind gewissermaßen körperlos. Nirgendwo, an keinem PerformerInnenkörper wollen sie so richtig anhaften, die Körper scheinen sich zu wehren.

Sprechen und Bewegen finden getrennt voneinander statt. Es sind ganz kleine Bewegungen, vielleicht Ticks, die man so nebenbei und ganz unbemerkt in einem Gespräch macht: sich an die Nase fassen, die Hände falten oder so was. Diese kleinen Gesten werden verstärkt und übertrieben, ein junger Mann wirbelt die ganze Zeit seine Arme herum, eine Frau springt auf und ab und eine andere legt sich einfach auf den Boden. Die Bewegungen führen ein Eigenleben und sind nicht relational, sie kreisen quasi um sich selbst. In diesem Kreisziehen drückt sich eine gewisse Unbeholfenheit aus, vielleicht ein Nachwirken der apathischen Lost Generation, vielleicht auch nur der Unterton des Nichtgesagten. Es ist diese verstörende Divergenz von Bewegung und Sprache, die »Five Days in March Re-creation« schon in seiner ersten Fassung zu solch einem ikonischen Stück gemacht hat und paradigmatisch für eine Jugend steht, die sich nicht mehr distanzieren kann und nach Wegen des Umgangs mit Krisen sucht.

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