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Foto von Document Photography - Sydney Biennale
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Foto von Massimiliano Donati

»Time has fallen asleep in the afternoon sunshine«: Begegnung mit einem Buch

May 15, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Document Photography - Sydney Biennale

Festwochen: Die Brüsseler Choreographin Mette Edvardsen zeigt das Erfolgskonzept »Time has fallen asleep in the afternoon sunshine« nun auch in der Wiener Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz.

Ich nehme die lange Rolltreppe, die zur Hauptbücherei hinaufführt und finde mich im Foyer ein. Lange war ich nicht mehr da. Mein Blick schweift umher: Alles ist wie immer. Bevor ich überlegen kann, wann ich das letzte Mal hier war, reicht mir ein Performer die Hand: »Hallo, ich bin ›loslabern‹ von Rainald Goetz, Sie haben mich gebucht?!« Und schon geht es los: Ich folge also »loslabern«, meinem Buch. Einmal geht es die Treppe hoch, dann nehmen wir Platz in der Musikabteilung, gleich neben dem CD-Regal beginnt die Erzählung: »loslabern«, in Gestalt des Performers David Helbich. Eine halbe Stunde lang höre ich die ersten neun Seiten von Goetz‘ Roman. Es kommt mir mehr als diese neun Seiten vor. Schnell vergesse ich den laufenden Bibliotheksbetrieb um mich herum und begebe mich mit dem Erzähler gemeinsam in die Geschichte. Plötzlich finden wir uns mitten in Goetz‘ autobiographischer Erzählung, begegnen Springer-AutorInnen und besuchen Buchmessen-Parties in München. Ein im CD-Regal-Stöbernder hört auch zu, doch »loslabern« lässt sich nicht ablenken.

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Foto von Massimiliano Donati

Es ist erstaunlich, wie lebendig eine Wort für Wort auswendig gelernte Geschichte – vor allem eine solche mit Wortschöpfungen und Schachtelsätzen gespickte wie Goetz‘ – wirken kann. Ich bin konzentriert und finde schnell Eingang in die Erzählung: Es ist wie lesen. Goetz‘ autobiographischer Berichtston erleichtert das Wiedergeben und bald doppelt sich die gesprochene Geschichte in der Person des Performers. Mitten in einer belebten und ansich ruhigen Bibliothek entsteht ein intimes Setting, das dann doch nicht wie Lesen ist, darüber weit hinaus geht und in der one-on-one Situation fasziniert.

Den Titel der Performance, »Time has fallen asleep in the afternoon sunshine«, hat Edvardsen aus dem Sci-Fi Roman Fahrenheit 451 (Ray Bradbury, 1953) entlehnt. 451 Grad Fahrenheit, das sind 232 Grad Celsius, ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt. Bradburys dystopische Vision beschreibt eine Gesellschaft, die das absolute Glück darin gefunden hat, Bücher zu verbieten: Bücher würden sich zu sehr mit schwierigen Themen befassen und zu Konflikten führen, deshalb sollen sie alle verbrannt werden. Im Untergrund bildet sich eine widerständige Gruppe, die Bücher auswendig lernt und weitererzählt, um sie zu bewahren. Solche lebenden Bücher sind auch Edvardsens PerformerInnen: Eine Gruppe von elf KünstlerInnen hat ihr jeweiliges Lieblingsbuch auswendig gelernt. Das sind selbst ausgewählte Bücher, die die jeweilige Person schon lange begleiten oder begeistern, vielleicht auch einen schnellen Einstieg in die Geschichte bieten und sich deshalb eignen. Auswendig gelernt wird nämlich immer von der ersten Seite an, so ist es hilfreich, wenn die Geschichte gleich losgeht. Die Strategien, um so viel Text im Kopf zu bewahren, sind von PerformerIn zu PerformerIn unterschiedlich. In Helbichs Fall ist es vor allem Goetz‘ einzigartige Sprache mit all den Wortschöpfungen und dem Titel »loslabern« gerecht werdenden langen Sätzen, die wie gerade erst gedachte Gedanken oder rauspurzelnde Worte klingen. So ermöglicht »Time has fallen asleep in the afternoon sunshine« nicht nur die Begegnung mit einem Buch, sondern auch mit einem Menschen, der eine besondere Beziehung zu diesem Buch hat, was Edvardsens Konzept zu einer einzigartigen Ode an das Geschichtenerzählen macht, womit wir beim Kern des Theaters wären.

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