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Foto von Nora Hollstein
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Tim Plamper, Exit II (Prolog), Ausstellungsansicht, Mélange, Köln, 2019
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Tim Plamper, Exit II (Prolog), Ausstellungsansicht, Mélange, Köln, 2019
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Foto von Nora Hollstein
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Tim Plamper, Passage (Complex I) -00033, Bleistift, Kugelschreiber, Farbstift, Marker und Laserdruck auf Papier, 29,7 × 21 cm, 2018
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Foto von Nora Hollstein
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Tim Plamper: Transit oder Die Strukturen des Irrationalen

November 3, 2019
Text by Christian Glatz
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Foto von Nora Hollstein

Tim Plampers Zugang zur Wirklichkeit ist die schonungslose Introspektion, deren Eindrücke er in Zeichnungen, Installationen, Fotografien und Videos übersetzt. Die Serien- und Werktitel »Atlas«, »Exit II (Prolog) und »Transit« verweisen dabei klar auf die inneren und äußeren Reisen des Künstlers, der in seiner Beschäftigung mit Mythos und Erinnerung die Komplexität menschlicher Existenz zu ergründen sucht. Dieser Weg führt ihn regelmäßig zurück zu politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, die uns alle betreffen. Ein Interview von Christian Glatz mit Fotos von Nora Hollstein.

Die Installation Exit II (Prolog), die du in diesem April im Kölner Ausstellungsraum Mélange gezeigt hast, hebt sich medial von deinen bisherigen Arbeiten ab. Um was ging es in dieser Ausstellung?

Die Ausstellung bei Mélange unterscheidet sich von meinen vorhergehenden vor allem durch den vielseitigen Einbezug unterschiedlicher Medien und durch deren Verflechtung. Diese Arbeitsweise war auch in den Ausstellungen der letzten Jahre eine Grundlage meiner Praxis, nur wurde sie hier zum ersten Mal ausgebreitet, sichtbar gelassen und zugänglich gemacht.

»Exit II (Prolog)« baut direkt auf einem Werkkomplex namens »Transit« auf, der im Verlauf der letzten zwei Jahre entstanden ist. Auch hier fanden schon diverse Medien Eingang. In Teilen war er in meiner letzten Einzelausstellung Reflection is a Wall bei Unttld Contemporary zu sehen und wurde aus diesem Anlass in der gleichnamigen Publikation veröffentlicht.

»Transit« besteht aus 10 Heften, die sowohl unterschiedliche Werkgruppen zeigen, als auch zwei begleitende Texte von Lara Konrad und Stephan Klee enthalten. Den Ausgangspunkt dieses Künstlerbuchs bildet wiederum das Drehbuchfragment »Exit«, das ich im Winter 2017/18 während eines Aufenthaltes in Palermo geschrieben habe. »Exit« ist, vereinfacht gesagt, eine Befragung des Unterwelt-Konzepts aus psychologischer Sicht und in Hinblick auf die aktuell politische Situation Europas.

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Tim Plamper, Exit II (Prolog), Ausstellungsansicht, Mélange, Köln, 2019

Hauptbestandteil der Ausstellung bei Mélange war allerdings die Videoarbeit »Exit II (Prolog)«, die der Ausstellung auch den Titel gab. Hier liest eine allgegenwärtige weibliche Stimme den Prolog des Drehbuchs. Das Video selbst ist also keine Illustration einer vorgefassten Idee, sondern setzt parallel zum Text eine filmische Narration. Verschiedene Szenen aus ganz unterschiedlichen Quellen sind wie in einer Traumsequenz miteinander verbunden. Die Abschlussszene wiederum ist die verfremdete Reinszenierung einer Performance mit dem Titel »Hingabe. Für Sekundenbruchteile erscheinen im Video gewisse Schlagworte, die das thematische Feld abstecken: Security, iPhone, Club Mate, Cigarettes, Orpheus, The Dawn of Europe, The Skin, The Water, Exit.

Eingebettet ist dieses Video in eine Inszenierung aus industriell gefertigten Regalen, Kästen voller Club-Mate und Wodkaflaschen. Eine Nebelmaschine hüllte den Raum zeitweise in gänzliche Blindheit. Der Besucher sollte in die Ausstellung eindringen müssen und somit auch selbst einen Transit vollziehen, noch bevor er der eigentlichen Arbeit begegnet.

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Tim Plamper, Exit II (Prolog), Ausstellungsansicht, Mélange, Köln, 2019

Ein verbindendes Element der Installation mit deinem weiteren Oeuvre ist eine 1-Euro-Münze, auf der ein Bein eines Metallregals steht, und die auf die Europäische Union und den Europa-Mythos verweist, einen Themenkomplex, den du schon früher bearbeitet hast. Möchtest du mit deiner Arbeit einen Debattenbeitrag leisten?

Tatsächlich möchte ich speziell mit dieser Arbeit einen Debattenbeitrag leisten. Man muss dieses Bild auf sich wirken lassen – Europa, eine junge Frau, wird von einem Gott in Tiergestalt über das Mittelmeer verschleppt, fort aus ihrer Heimat zu einem neuen Kontinent, der dann nach ihr, der Fremden, benannt wird. Es ist ein Gründungsmythos von unverständlicher Brutalität und schwer zu ergründender Komplexität. Gleichzeitig und auf vielerlei Art ist er von seltsamer Aktualität, und es könnte durchaus lohnen, ihn nicht unreflektiert hinzunehmen, sondern ihn erneut auf die momentane Welt- und Europapolitik zu beziehen.

Mir war es wichtig, gewisse Fragen zu durchdenken: Was ist die Motivation meines Handelns? Auf was gründet meine Identität? Wo liegt meine Herkunft? Was ist mein Selbst? Und wo ist die Fremde? Was sind die Ursachen von Angst? Warum können wir in unserer Gesellschaft eine Verlagerung zu irrationalen Entscheidungen beobachten? Welche Strukturen bestimmen das Irrationale? Und welche Mittel haben wir, auf diese Strukturen zurückzugreifen und sie eventuell zu beeinflussen? Ich will nicht behaupten, auch nur eine dieser Fragen gegenwärtig beantworten zu können. Im Gegenteil ist es so, dass ich zuletzt an derselben Stelle stehe wie zu Beginn meiner Reise, dem »Exit«. Aber die Beschäftigung mit diesen Fragen hat mich, wenn auch über weite Wege, zu einem größeren Verständnis der Komplexität menschlicher Existenz und Kultur gebracht. Das Künstlerbuch »Transit« ist ein Tagebuch dieser Reise.

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Foto von Nora Hollstein

Was ist die Idee hinter deiner Serie von Papierarbeiten »Passage (Complex I)«, die formelhafte Zeichen, physikalische oder organische Systeme zeigen und du in sieben Fällen auf performative Aktfotos gezeichnet hast?

Um wirklich zu verstehen, was die Idee dieser Papierarbeiten ist, muss man wissen, zu welchem Zeitpunkt sie entstanden sind. Kurz zuvor war ich in das Orakel von Hypnos gegangen, von dem man in der Antike glaubte, dies sei einer der Eingänge in die Unterwelt. Von dort hatte ich über 600 »Schattenzeichnungen« und die Dokumentation der viertägigen Performance »Hingabe« mitgebracht. Zudem gab es Material, das im Vorfeld dieser Reise entstanden und eher gesammelt als geordnet im Atelier abgelegt war.

»Passage (Complex I)« entstand letztlich aus der Notwendigkeit, mir selbst einen Überblick über dieses angesammelte Material zu verschaffen. Es handelt sich also um eine Rückschau, aber auch um eine Systematisierung mit künstlerischen Mitteln. Mir war es wichtig, den Denkprozess, der ihr zugrunde liegt, nach Möglichkeit sichtbar zu lassen. Beim aufeinanderfolgenden Betrachten von »Passage (Complex I)« kann man zumindest teilweise die Entwicklung der Idee nachvollziehen. Diese Reihe ist, ähnlich wie die »Schattenzeichnungen«, als fluides Konstrukt angelegt, in dem die einzelnen Blätter nicht ein endgültiges Ergebnis, eher einen Zustand im Verlauf der Entwicklung zeigen.

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Tim Plamper, Passage (Complex I) -00033, Bleistift, Kugelschreiber, Farbstift, Marker und Laserdruck auf Papier, 29,7 × 21 cm, 2018

In deinen Zeichnungen verbinden »Doppelbelichtungen«, also zwei übereinanderliegende Sujets, Körper mit anderen Objekten, vereinen unterschiedliche zeitliche Ebenen und wecken Assoziationen an Träume und Erinnerungen. Welche Rolle spielt das Thema Zeit für dich?

Während eines Istanbul-Aufenthaltes, wurde die Speicherkarte meiner Kamera beschädigt. Es war die Zeit der Belagerung von Kobanê durch den Islamischen Staat, und da ich in Beyoğlu wohnte, erlebte ich jeden Abend die Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Polizei. Von den darauf gespeicherten Videoaufnahmen waren lediglich noch die Sounddateien als Fragmente lesbar. Es blieben also nur diese digitalen Spuren einzelner Szenen übrig, die ich bislang gefilmt hatte: Straßenkämpfe – mit den über Istanbul kreisenden Helikoptern –, Grenzübergänge, Flüsse, der Bosporus. Letztlich war es ein Glücksfall, denn so musste ich mich auf meine Erinnerungen verlassen und war gezwungen, mit den vorhandenen Tonaufzeichnungen zu arbeiten. Mir fiel auf, dass die visuellen Übersetzungen dieser Tonaufzeichnungen sehr viel mit den Bildern zu tun hatten, die ich vermeintlich gefilmt hatte: düstere, fast unkenntliche Landschaften, die an Reflexionen auf einer Wasseroberfläche erinnerten. Daraus entstand eine Reihe von großformatigen Zeichnungen mit dem Titel »Atlas«, die, ausgehend von einer Klangcollagen mit demselben Titel, jene verloren gegangenen Bilder wieder ans Licht bringen sollte.

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Foto von Nora Hollstein

Erstmals arbeitete ich mit der Überlagerung verschiedener Bildebenen. Wie ich es mit dem Tonmaterial getan hatte, legte ich hier Schichten von visuellem Material übereinander. Mir war es wichtig, die zeitliche Komponente der Klanglandschaften ins Räumliche der Zeichnung zu überführen – das Zweidimensionale des Bildes imaginär, um eine Tiefendimension zu erweitern und Zeit nicht wie im Film durch die Abfolge von Bildern nachzuahmen, sondern die Abfolge wie einen Aufbau vertikal auf den Betrachter auszurichten.

»Transit« wiederum näherte sich dem Themenkreis nicht wie bei »Atlas« von außen, sondern über einen Weg nach innen. Es gibt viele Parallelen und Berührungspunkte, und auch hier wird die zeitliche Dimension des Gedächtnisses wichtig, wenn auch nicht so unmittelbar wie bei »Atlas«. Zum einen ist die Erinnerung wesentliche Voraussetzung für ein Zeichnen mit geschlossenen Augen, zum anderen ist das Unbewusste etwas wie ein zeitliches Sediment. Bemerkenswert fand ich während der Arbeit an »Transit«, wie eng verwandt Traum und Mythos sind und wie unmittelbar und selbstverständlich die Welt der Mythen aus unseren persönlichen Abgründen wieder aufsteigen kann.

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Foto von Nora Hollstein

Zu deinen letzten beiden Einzelausstellungen hast du eine Sammlung dünner Hefte publizierst, die deine Ausstellungen kontextualisieren. Welche Absicht steckt dahinter?

Diese Publikation bot dem Betrachter der Ausstellung einen Einstieg in die Materie, was sonst wegen der bloßen Menge des Materials schwieriger gewesen wäre. Zudem kann ich nach Abschluss der Arbeit an diesen Heften sagen, dass der gesamte Werkkomplex erst in dieser Form seinen Abschluss gefunden hat. Bei dieser Publikation handelt es sich also um eine eigenständige Arbeit.

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Foto von Nora Hollstein

Wie weit erlaubst du es dir, dich von der künstlerischen Praxis anderer inspirieren zu lassen?

Da ich das Irrationale erheblich interessanter finde als das Rationale, kann ich diese Entscheidung nur in gewissem Maße bewusst treffen. Ich würde sagen, dass all das, was ich erfahre, auch in meine Arbeit einfließen kann.

Woran arbeitest du derzeit? Kannst du mir von deinen zukünftigen Projekten erzählen?

Gerade arbeite ich an meiner nächsten Einzelausstellung, die am 23. November bei Eduardo Secci in Florenz eröffnen wird. Außerdem plane ich die Realisation der nächsten Kapitel von »Exit«. Bisher habe ich nur eine Schwelle erreicht und bin gespannt, wohin die Reise noch führen wird.

Alle abgebildeten Kunstwerke mit freundlicher Genehmigung von Unttld Contemporary, Wien.

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