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Foto von Julian Roeder
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Susanne Kennedy & Markus Selg »Coming Society«: Tiefer als der Tag gedacht

May 7, 2019
Text by Lewon Heublein
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Foto von Julian Roeder

Wird eine Gesellschaft, in der nicht nur Menschen, sondern auch posthumane Aktanten leben, gemeinschaftlicher? In »Coming Society« bereiten Susanne Kennedy und Markus Selg den Übergang in eine mögliche Zukunft vor, in der Spiritualität, Technologie und Natur längst miteinander verschmolzen sind.

»There are at least two kinds of games. One could be called finite, the other infinite. A finite game is played for the purpose of winning, an infinite game for the purpose of continuing the play.« – James Carse

Ist man erst mal durch das Portal auf die Bühne geschritten – »You got a new zone request.« – wird man eingesogen in gerenderte Mandala-Muster aus Wirbelsäulen, Zellformen und Platinen. Ein dreidimensionaler Google Deep Dream, in dem die Zeit nur Spuren hinterlässt, aber eigentlich keine Messeinheit mehr darstellt. Langsam rotiert die Drehbühne immer in der gleichen Richtung und Geschwindigkeit. Der erste Schritt vom festen Boden in die Ultraworld kribbelt in den Knien.

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Foto von Julian Roeder

Noch während der ersten Streifzüge durch diese Lustmaschine, vorbei an der Inkubator-Pyramide oder der Motherstation, mischen sich langsam andere, nichtmenschliche Aktanten dazu.

Sie tragen modifizierte Salomon-Sneaker, enge Jogginganzüge mit aufgedruckten Haut-Masken, Kleider mit Reptilien-Print oder schwarze Oversize-Priesterkutten der Designerin Andra Dumitrascu. Zärtlich fassen sie sich kurz an den Händen, aber es scheint wie ein kindliches Spielchen. »I am Denise. I am Dennis.« Die Geschlechter-Pluralitäten, mit fluiden Identitätskonstrukten wirken beruhigend normal. Ein breites Grinsen zeichnet die glitschig-nassen Gesichter, deren Haut sich durch Tape nach hinten spannt.

Diese posthumanen Wesen, deren Stimmen von Lautsprechern, die um ihre Hälse hängen, ertönen und die »uncanny« synchron ihre Münder dazu bewegen, geben es im Verlauf des Stücks nach und nach auf, wie »young professionals« zu klingen oder Beziehungsklischees aus »The Bold and the Beautiful« zu reproduzieren.

»Speaking in purely causal terms, I cannot say I was born; I should say rather that I have emerged as a phase in the process of reproduction. A reproduction is a repetition, a recurrence of that which has been.« Seltsam, dass diese Sätze aus James Carses Buch »Finite and Infinte Games«, ein ambivalenter Klassiker der Managementlehre, viel besser in die Münder von Avataren zu passen scheinen als in die von Menschen.

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Oft sind schweres Atmen oder Geräusche von Erbrechen zu hören. Ayahuasca für Androiden. Nur ein alter Mann in einem weißen Kleid schaut unbewegt vom Rand der Bühne schweigend, aber mit einem befriedigten Lächeln zu. Um ihn herum ein Krieg der Sterne. Seelenruhig bereitet er sich auf seinen eigenen Tod vor.

»Siehe«, sprach es, »ich bin das, was sich immer selber überwinden muß.« – Friedrich Nietzsche

Im letzten Drittel wird deutlich, dass alle »infinite players« Teil eines sich ewig wiederholenden Rituals sind. In der Wiederholung steckt für Susanne Kennedy der Moment, in dem sich das Ich verabschieden kann und sich eine neue Wahrnehmung einstellt. Auch die Be-Coming Sociecty muss sich selbst immer wieder überwinden. Im Dämmerzustand der »präventiven und heilenden Séancen«, wie es auf Screens einmal kurz als Textnachricht aufscheint, löst sich die mentale Grenzüberschreitung zwischen Leben und Tod langsam auf. Ein sich selbst regulierendes System, das sich von der Logik der materiellen Expansion und der »Ichheit« zunehmend verabschiedet hat.

Hier in den rauschhaften Tiefen einer Welt nach dem Kapitalismus, in der Poetik neue Technologie und archaische Spiritualität miteinander verschmelzen lässt, übt die Überwindung des Menschen eine unbeschreibliche Attraktivität aus. Freiheit durch ewige Wiederholung in absoluter Künstlichkeit – »less love, less pain«. »Neverending ecstasy« auf ewig gleicher Frequenz. »Alle Lust will Ewigkeit –, will tiefe, tiefe Ewigkeit!« – rauscht zu Beginn noch Nietzsche-Poesie durch die Lautsprecher.

Was wäre also, wenn Maschinen keine Menschheit-beherrschenden Masterplayer wie in Matrix sein wollen, sondern eigentlich auch nur «infinite games« spielen? Sollten sich Menschen nicht darauf verständigen, nur noch das zu tun, was die Maschinen eben nicht können und somit Gesellschaft ganz neu verhandeln, statt in ein Konkurrenzverhältnis mit den künstlichen Intelligenzen, deren momentane Logik ja noch eine rein ökonomische ist, zu treten?

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Foto von Julian Roeder

»But if you look how much better today’s life is compared to that a few hundred years ago … than I think the advantages are obvious. It’s a moving frontier.«

»So, you are an optimist?«

»Definitely!« 

»The old world is dying, and the new world struggles to be born: now is the time of monsters.«

In den New-Age-Soundscapses mischen sich am Ende Herzfrequenztöne. Die Prozession, der wir beiwohnen, ähnelt ebenso einer Geburt wie einem Trauermarsch, aber in der Unendlichkeit spielt es keine Rolle, welche Avatare nun einen neuen Platz einnehmen werden. Sie sind alle friedlich und hilfsbereit. Ohne Revolutionskitsch. Soft + careful. {Mental-}health & healing robots.

Langsam verschwimmt alles im Sleep-Mode-Blau. Die Drehbühne stoppt. Ruhezustand. Inkubation. Stunden später fühlen sich noch immer die Beine leicht nach Gummi an. Still human. :’-(

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