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Foto von Pierre Planchenault
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Steven Cohens makabre Abrechnung mit dem Tod

July 22, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Pierre Planchenault

Wie wird man mit dem Tod seines Partners fertig? Im Fall von Steven Cohen mit einer Performance, die das Ritual und die Katharsis ins Theater zurückholt. »Put your heart under your feet and walk« ist höchst verstörende Trauerarbeit und befreiende Verarbeitung zugleich.

Das alles hier sei echt, es handle sich um reale Gefühle. Wir befinden uns nicht im Theater, sondern in einem Tempel, wie Steven Cohen kundtut, bevor er die Asche seines verstorbenen Partners Elu auf einem Löffel konsumiert. Cohen versteht Theater als genuinen Ort für Rituale und kathartische Erfahrungen und nutzt es für seine Trauerbewältigung: »Put your heart under your feet and walk« entstand als performative Reaktion auf den Tod seines Partners.

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Foto von Pierre Planchenault

Die beim ImPulsTanz erstmals in Österreich aufgeführte Performance ist multimedial gestaltet und erinnert an eine Installation: Cohen bewegt sich langsam zwischen Artefakten, die als Raster auf dem Boden angeordnet sind und wie mystische Objekte wirken. Sie alle enthalten Spitzenschuhe und erinnern an den Ballett tanzenden Elu. Neben einer tragbaren Soundinstallation mit vier altmodischen, mechanisch betriebenen Kofferplattenspielern findet sich auf der Bühne noch eine Art Altar mit Kerzenständern.

Was auf der Bühne passiert, ist nicht viel: Langsam, sorgsam und andächtig bewegt sich der Performer durch die Erinnerungsstücke. Doch was auf der Rückwand der Bühne geschieht, die als übergroße Leinwand dient, ist dagegen umso heftiger. In mehreren filmischen Sequenzen tanzt Cohen zunächst an unterschiedlichen Orten, bevor er sich in einen Schlachthof begibt, um dem alltäglichen Tötungsbetrieb beizuwohnen. Baumelt er zunächst nur neben den ausgeweideten Kadavern, geht der Film dazu über, die Schlachtung von Rindern vom letzten Atemzug bis zum Abziehen der Haut detailliert zu zeigen. Das Ausbluten des Rindes nach dem Aufschneiden der Kehle wird besonders anschaulich dargestellt: Der Performer badet im tropfenden Blut und Eingeweiden, streichelt gerade abgehackte Köpfe und räkelt sich in Blutwannen, während im Hintergrund Hufe abgehackt werden.

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Foto von Pierre Planchenault

Diese Bilder sind sogar für das Wiener Publikum, das bekanntermaßen hart im Nehmen ist, kaum zu ertragen: Die Sitzreihen lichten sich schnell und nach Abklingen der filmischen Sequenz ist der Performer zu einer seltsam abstoßenden, widerwärtigen Figur geraten. Diese eigentümliche Distanz wird verstärkt durch Cohens feenartige Erscheinung. Ein Eindruck, der durch eine Bewegungssprache unterstützt wird, die genauso abstrakt wie verletzlich wirkt.

Cohens persönliche Lösung für den Umgang mit einem schier unerträglichen Verlust ist es, die Nähe zum Tod und zum Verenden zu suchen, um sich dem Schmerz und der Wut stellen zu können, die damit verknüpft sind. »Put your heart under your feet and walk« ist weder eine Hommage an den Verstorbenen noch eine Huldigung des Schmerzes, sondern viel mehr ein Ausleben, ein Ausagieren der absoluten Fassungslosigkeit, die in der Performance zu einem kathartischen Ritual gerät. Dabei wird in aller Anschaulichkeit die politische Dimension, die dem Tod und der Trauer innewohnt, betont. Ob die widerlichen Bilder aus dem Schlachthof dafür wirklich benötigt werden und ob die Gebete und Rituale, die Cohen gegen Ende durchführt, dazu ausreichen, sei mal dahingestellt.

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