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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust
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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust
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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust
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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust
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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust
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Felix Gonzalez-Torres, “Untitled” (It’s Just a Matter of Time), 1992, Courtesy Nachlass von Felix Gonzalez-Torres, Installationsort: Wien, Österreich, Kunsthalle Wien, Time Is Thirsty, 30. Oktober 2019 – 26. Jänner 2020, Courtesy Felix Gonzalez-Torres Stiftung

Spurensicherung der Gegenwart in der Vergangenheit

December 14, 2019
Text by Jette Büchsenschütz
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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust

Die Ausstellung Time Is Thirsty führt zurück in das Gründungsjahr der Wiener Kunsthalle und in die Atmosphäre der 1990er Jahre. Die Suche nach einem die Vergangenheit und die Gegenwart verbindenden Zeitkontinuum nimmt die Besucher*innen aber nicht mit.

Die Ausstellung beginnt mitten in der Stadt. Eine Werbetafel mit der Aufschrift »Es ist nur eine Frage der Zeit« hängt plötzlich anstelle der Burger-Werbung an einer Hausecke. Ursprünglich an AIDS gemahnend, hat sich das Deutungsspektrum der Botschaft erweitert und kann entweder als Warnung oder als Drohung verstanden werden. Félix González-Torres installierte 1992 solche Tafeln in mehreren Sprachen an unterschiedlichen Orten, bevor er vier Jahre später an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung starb.

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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust

Erinnerungen an abwesende Körper behausen auch das Obergeschoß der Kunsthalle: Eine Art Begrüßungskomitee zieht uns in den großen Raum hinein – und hält uns gleichzeitig zurück. Eine Gruppe schwarzglänzender asexueller Replikanten in modischer Sportkleidung bremst uns ebenso aus, wie der schmierig unregelmäßige Fleck von Ann Veronica Janssens, dessen türkisfarbener Glimmer an Omas Lurex-Pullover erinnert. Obwohl kein Schild davor warnt, ihn zu betreten, weichen wir, brav aus. Aber das sehr persönliche Erlebnis, das unsere aktive Beteiligung belohnen soll, stellt sich nicht ein. Also blicken wir uns um und finden: schlammige Hüllen, glitzernde Spuren, leere Gefäße, einem kaputtgesessenen Bürostuhl, nicht sichtbare Tattoos und Techno ohne Tänzer*innen. Leere ist der erste und zunächst auch enttäuschende Eindruck.

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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust

Wohlwollend könnte man jedoch meinen: der Eindruck der Leere übersieht die zeitliche Ausdehnung der Exponate, die Spuren, die die vergangene Zeit hinterlassen hat und die raumzeitliche Relativität der Ausstellung betont. Die immateriellen Indizien finden sich etwa als leere Vorratsgläser von Jason Dodge, die die Wände der Halle säumen und gegen die man in einem unvorsichtigen Moment stößt, als seien es an der Tanzfläche achtlos abgestellte Gläser. Banale, aber subtile Alltagsgegenstände, die Andeutungen an vergangene Nächte und Geschichten hervorrufen und als Bruchstücke möglicher Erinnerungen einen Link zu unterschiedlichsten Vergangenheiten herstellen. Oder Ann-Sophie Bergers in Schlamm getränkte Arbeitskittel, die von ihrer Trägerin verlassen, auf dem Steinfußboden zu verwittern scheinen. Als Abdruck der Abwesenden erinnern sie an ihre einstige Körperlichkeit. Das konstante Wummern des Technos, das zwischen hell und dunkel changierende Licht und eine von Sissel Tolaas speziell für die Ausstellung hergestellte Geruchskulisse, die an die 1990er Jahre in Wien erinnern soll, versuchen den Eindruck zu verstärken, dass sich hier verschiedene Zeitlichkeiten miteinander verschränken.

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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust

Kurator Luca Lo Pinto verspricht mit »Time Is Thirsty« eine immersive Zeitreise. Die Ausstellung ist seine letzte in der Kunsthalle Wien, bevor er in Rom die Leitung des Museo d’Arte Contemporanea di Roma übernehmen wird. Und die Frage der Zeitlichkeit stellt sich hier gleich zweifach: Als Reise in die Vergangenheit verbindet uns die Ausstellung zunächst mit dem Gründungsmoment der Kunsthalle und der damals die Kunst beherrschenden Infragestellung institutioneller Präsentations- und Repräsentationsformen. Einen Hinweis darauf finden wir unter anderem auf einer kleinen Postkarte von »Die Damen« aus dem Jahr 1992, die eine Protestaktion gegen den Wiener Kurator Robert Fleck dokumentiert. Die Anknüpfungspunkte an den institutionskritischen Moment der 90er verlaufen jedoch ins Leere.

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Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Jorit Aust

Auf einer zweiten Ebene soll »Time Is Thirsty« uns den zeitlichen Loop, in dem wir uns seitdem befinden, physisch fühlbar machen und das damit einhergehende Gefühl hervorrufen, dass Gegenwart und Vergangenheit ununterscheidbar in einer Dauerschleife aufeinander verweisen. Der Rekurs der zeitgenössischen Arbeiten auf die 1990er Jahre macht deutlich, dass die Wiederholung die eigentliche Entwicklung ist.

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Felix Gonzalez-Torres, “Untitled” (It’s Just a Matter of Time), 1992, Courtesy Nachlass von Felix Gonzalez-Torres, Installationsort: Wien, Österreich, Kunsthalle Wien, Time Is Thirsty, 30. Oktober 2019 – 26. Jänner 2020, Courtesy Felix Gonzalez-Torres Stiftung

Außer mit Félix González-Torres gelingt es der Ausstellung aber nicht, die Intensität eines solchen Zeitgefühls heraufzubeschwören. Das versprochene Eintauchen bleibt aus. Es gibt hier nichts, das wie MDMA oder wie Prousts Madeleine-Gebäck Vergangenes als Jetzt evoziert. Weder der wummernde Techno, mit dem wir beschallt, noch die Geruchsmoleküle, mit denen wir beduftet werden, erzeugen Präsenz. Die ästhetische Erfahrung, die wir mit den verstreuten Kunstwerken und Alltagsgegenständen machen, erfordert ein nachlesendes, distanziertes Deuten. Oder – umgekehrt – unterfordert und frustriert körperlich-sinnliches Wahrnehmen. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl, dass so einiges nicht stimmt mit unserer Gegenwart.

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Photo by kunst-dokumentation.com

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