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Foto von Eva Würdinger
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Splatter, Stunts und Sylphiden in Florentina Holzingers »TANZ«

October 11, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Eva Würdinger

Zur Saisoneröffnung präsentiert das Tanzquartier Florentina Holzingers neueste Choreographie, die unter dem schlichten Titel TANZ gewohnt spektakulär daherkommt, aber gleichzeitig das Körper-Spektakel auf vielschichtige Weise hinterfragt.

Die Ballettlehrerin richtet das Wort an ihre zunächst noch bekleideten Schülerinnen, die an der Stange üben: »Zieht euch doch aus, es ist ja so heiß hier drin!«. Nach und nach entledigen sie sich ihrer Kleider, bis alle Figuren nackt sind. Beatrice Cordua, die erste Ballerina, die das Frühlingsopfer in John Neumeiers Bearbeitung von »Le Sacre du Printemps« 1972 nackt getanzt hat, führt durch den Abend und zeigt ihren Elevinnen, wie sie körperliche Grenzen überwinden und am Ende sogar fliegen können. Doch zuerst geht es noch zur vaginalen Inspektion. Das Hinterteil Richtung Publikum gereckt, reihen sie sich auf und heben das rechte Beinchen, sodass die Lehrerin freie Sicht hat, was sie ob der Vollkommenheit ihrer Schülerinnen in Ekstase versetzt. Ausuferndes Lob und gewaltvolle Grenzüberschreitungen gehen hier Hand in Hand. Die Ballettmeisterin, oszillierend zwischen liebender Übermutter und machtmissbrauchendem Monster, ist nur eine von mehreren vieldeutigen Frauenfiguren in »TANZ«.

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Foto von Eva Würdinger

Inspiriert vom romantischen Ballett »La Sylphide« (1832) und dem Argento-Klassiker »Suspiria« (1977) setzt Florentina Holzinger einen zweiaktigen Abend zusammen, der die Disziplinierung des Körpers zum Spektakel untersucht. Leitende Motive sind dabei weibliche Figuren: die sogenannten Sylphiden, Luftgeister, und Hexen, die in Argentos Film in einer Tanzkompanie wüten. Getanzt wird von Tänzerinnen im Alter bis zu 80 Jahren mit unterschiedlichsten Ausbildungen. Corduas Meisterklasse in unterschiedlichen Lektionen bildet den narrativen Rahmen für eine Choreographie, die Unmögliches möglich macht, aber in überspitzten Parodien auch klar macht, was alles geht. Zwischen sensationellen akrobatischen Szenen stehen immer wieder solche, die von Machtmissbrauch erzählen. Das sind neben der erwähnten Inspektion der Geschlechtsteile etwa die Degradierung der Tänzerinnen als um die Lehrerin herumtollende Hundebabys oder das gemeinsame Masturbationstraining. Diese Szenen fügen sich fast nahtlos in eine Abfolge humorvoll überzeichneter Darstellungen von Horrorszenen mit abgetrennten Gliedmaßen oder im Hexenkessel gekochten Babys ein.

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Foto von Eva Würdinger

»TANZ« ist der dritte und letzte Teil von Holzingers Trilogie, die den abgerichteten Körper und die Sensationslust des Publikums untersucht. Davor stehen »Recovery« und »Apollon«, sowohl für ZuschauerInnen als auch für TänzerInnen bekanntermaßen fordernde Choreographien. »TANZ« macht starken Gebrauch von all den technischen Möglichkeiten, die ein Theater zu bieten hat. Da hängen Motorräder von der Decke, hier werden Tänzerinnen an den Haaren bis zum Plafond gezogen, dort wird einer Performerin die Haut mit riesigen Haken durchbohrt, um dann daran hochgezogen zu werden. Neben Soundeinspielungen wird auf der Bühne gefilmt und simultan auf Videowalls übertragen. Auch für Holzingers Inspiration, »La Sylphide« wurden die Möglichkeiten der Theatermaschinerie reich genutzt. An Seilen hochgezogene Ballerinen erwecken damals wie heute die Illusion von schwerelosen Körpern.

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Foto von Eva Würdinger

Florentina Holzingers Choreographie kombiniert Anleihen aus dem romantischen Ballett mit Blutlust aus dem klassischen Horrorkino, um unterschiedliche Frauenfiguren von der bösen Hexe zum Luftgeist bis zur autoritären Meisterin der Jetztzeit zu befragen. »TANZ« präsentiert starke, muskulöse, disziplinierte, gehässige, böse, schwebende und auch zum Opfer gewordene Frauen. Ballett liest Holzinger als die ultimative Abrichtung des weiblichen Körpers zu Schauzwecken, was die Choreographie in Form von Stunts auf die Spitze treibt. Stets geht es darum, wozu der Körper fähig ist und auch was er alles aushalten kann, wobei sich die sportliche Ausdauer nicht auf die leibliche Ebene beschränkt. »TANZ« spielt mit der Sensationslust des Publikums und bedient diese auch bereitwillig, ist auf einer zweiten Ebene aber immanent feministische Kritik an vorherrschenden Zuständen und Konventionen des Tanzbetriebs und bringt die Absurdität der Körper-Abrichtung in humorvoller Weise auf den Punkt.

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