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Foto von Dieter Hartwig

»Speaking Volumes«: Mensch und Material in endzeitlichen Welten

November 16, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Dieter Hartwig

In Zeiten von Klimakatastrophen und unberechenbaren Naturgewalten präsentiert Mirjam Sögner mit Speaking Volumes eine mediative Performance, die Frieden zwischen Mensch und Materie schließen will.

Es ist dunkel im Kosmos Theater. Vor uns liegt eine schimmernde dunkle Masse, die den gesamten Bühnenboden bedeckt. Ist es Magma? Öl? Etwas bewegt sich, nimmt Gestalt an. Jetzt werden drei Performer*innen sichtbar, die mit der Masse verwoben sind. Ihre Handlungen sind langsam, manchmal mechanisch, immer in engem Kontakt mit dem Boden: Sie winden sich, kriechen und robben. Schwere Stoffe, Steine und Planen sind über den gesamten Boden verteilt. Mal dient die Plane als Versteck, mal wird sie zu einem schroffen Fels. Die Verteilung der Materialien und die Bewegungen der Performer*innen wirken unwillkürlich und auf kein bestimmtes Ziel hinarbeitend. Als es später noch einmal ganz dunkel wird, ist die Bühne plötzlich mit Schaum gefüllt. Die feinen Bläschen türmen sich zu Schaumbergen. Die Performer*innen schlittern über den rutschigen Boden, bevor sie eine wahrliche Sisyphusarbeit beginnen: Der Schaum wird mit den Händen gesammelt und fortgetragen, seitlich abgelegt.

Sögners Interpretation einer Erdzeit fühlt sich an wie eine Endzeit. Das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt wirkt durchaus harmonisch und wird von Samuel Hertz‘ Klanglandschaft getragen. Genauso wie die akustische Ebene verhält sich auch die choreographische: Die Formensprache reicht von organisch über robotisch-abstrakt bis hin zu menschlich. Die immer wieder ähnlichen Abläufe wirken fast meditativ, in sich ruhend und doch sinnentleert. Das Setting erinnert an Kat Válasturs Oilinity. Wirken die Performer*innen in Sögners Performance zwar weniger kompetitiv und kämpferisch, scheint hier doch ein gewisser Ausnahmezustand vorzuherrschen. Ist es das Ende der Welt? Oder der Anfang?

Bildgewaltig ist das Zusammenspiel von Material und Mensch allemal. Sögners Choreographie setzt die vor allem durch Beharrlichkeit starke Naturgewalt treffend um. Die Handlungen der Performer*innen stehen stets in Korrespondenz mit den sie umgebenden Materialien. Das schroffe Bühnenbild wirkt genauso einladend wie verlassen, das Tun der Performer*innen scheint auf bloßen Erhalt ausgelegt zu sein. Das Ende kommt dann sehr abrupt. War dies nur ein Ausschnitt, eine kurze ewige Periode? In diesem Sinne lässt sich »Speaking Volumes« als Kommentar zur Klimakrise lesen, der in eine postapokalyptische Zukunft deutet. Auf abrupte Wechsel muss man sich gefasst machen, die Umgebung verändert sich permanent. Wenn alles vorbei ist und pure Materie übrigbleibt, kann dann ein friedliches Miteinander funktionieren?

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