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»Pariah«. Courtesy of Jana Rush

»Soll Wien doch Chicago werden«

May 17, 2019
Text by Franz Otto
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»Pariah«. Courtesy of Jana Rush

Es gibt in Österreich nur wenige, die die Musikszene Chicagos besser kennen als den unter dem Pseudonym Franjazzco bekannten Produzenten Franz Otto. Für Hyperreality geht er der Frage nach, was die Hoods am Stadtrand von Chicago mit der Festivallocation Sophienalpe verbindet, und erzählt nebenbei die Geschichte des Footwork.

»Wien darf nicht Chicago werden« plakatierte die unnötigste politische Partei des Landes in den Neunzigern gleich in zwei aufeinanderfolgenden Gemeinderatswahlkämpfen dermaßen schäbig, dass man sich heute noch daran erinnert. Nicht, dass sich am Kampagnenstil seither großartig oder gar irgendwas zum Besseren geändert hätte, aber gerade für Afficionados elektrisch produzierter Tanzmusik bleibt der Slogan seither ein Musterbeispiel dieses selektiven Kleingeistes. Schließlich hat die drittgrößte Stadt der Vereinigten Staaten wesentlich mehr zu bieten als besorgniserregende soziale Problemfeldern und eine Kriminalitätsrate, von der die hiesigen Hetzer auch heute nur feucht träumen können - unter anderem eine unbestreitbare Vorreiterrolle und ein sagenhaftes Erbe an House Music. Das Hyperreality Festival 2019 stellt es an seinem ersten Wochenende, genauer am Samstag den 18. Mai, ins verdiente Spotlight und lässt Wien zumindest für eine Nacht etwas mehr Chicago werden.

Aus der Windy City selbst werden an diesem Abend DJ Deeon und Jana Rush eingeflogen um ihre jeweiligen, individuell von Selbstermächtigung durchzogenen Interpretationen von House zum Besten zu geben. Ersterer kann nicht nur, sondern muss nahezu als Ikone des Ghetto House betrachtet werden, einem Subgenre, bei dem das Nomen aber sowas von Omen ist. Inmitten der sozialen Wohnbaublocks im Süden der Stadt arbeiten Deeon Boyd und seine Kumpels (darunter weitere spätere Legenden wie DJ Rush, Paul Johnson oder DJ Funk) in den späten 80er Jahren mit den einfachen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen am musikalischen Eskapismus vom kargen Alltag und kreieren mit billigen Drumcomputern, simplen Tonbandgeräten und 2nd Hand Mikros eher zufällig als bewusst eine Zauberformel, die noch Jahrzehnte später weltweit für von der Decke tropfenden Schweiß sorgen soll. Nicht nur Sounddesign und Arrangement hauen einen so direkt wie unverblümt in die Goschn, auch die Textzeilen lassen sich kaum trefflicher beschreiben als mit dem österreichischen »tiaf«. Im vornehmsten Fall wird man schlicht aufgerufen Hüften, Hinterteile und was Mama einem sonst so mitgegeben hat zu schütteln, in den anderen mit infantilen Kraftausdrücken und konkreten sexuellen Handlungsanweisungen umhergeworfen. Musik von den Hoods, für die Hoods.

Aus ähnlicher soziologischen Perspektive sollte auch der spätere Ghetto-House-Bastard namens Footwork betrachtet werden, der, obgleich in Chicago auch schon ein alter Hut, die letzten Jahre auch in Europa so ziemlich überall seine Spuren hinterlassen hat, vielfach personifiziert durch die Gallions- und Integrationsfigur des leider viel zu früh verstorbenen DJ Rashad. Wenn sich beim Soundtrack der Hoods in South Chicago das Tempo irgendwann auf atemberaubende 160 BPM hochgehantelt hat, die Beatpatterns wesentlich komplexer und die Tracks wesentlich dynamischer geworden sind, dann sind die Gründe dafür gar nicht so sehr in globalen musikalischen Einflüssen oder neuen technischen Möglichkeiten zu suchen, sondern vielmehr in der Tatsache dass Tanz an sich und die Form der Dance Battles insbesondere in amerikanischen Städten und den dortigen marginalisierten Szenen noch wesentlich integralere Bestandteile der Musikkultur darstellen - und die Tänzer eben mit der Zeit immer versierter und schneller geworden sind. Chronologisch vereinfacht: Footwork als Tanz, bei dem (»no na ned«) die Battles vorrangig mit Beinbewegungen ausgetragen werden, existiert lange vor Footwork als Musikgenre.

Neben spät entdeckten aber inzwischen doch gern und regelmäßig durch die Festival-Headlines der Welt gereichten Genre-Innovatoren wie DJ Rashad, DJ Spinn, RP Boo oder Traxman ist auch Jana Rush von den frühen Tagen an eine der federführenden Kunstschaffenden, die Footwork von den frühen Tagen an mitgestalten. Sie wird 1996 auf einer Split-EP mit DJ Deeon auf dem legendären, genredefinierenden Dance Mania Label als »The Youngest Female DJ« vorgestellt, und an ihrem musikalischen Output, der weniger kontinuierlich als etappenweise und jeweils seiner Zeit einen Schritt voraus wiederkehrt, lässt sich die Transformation des Ghetto-Genres chronologisch recht schlüssig nachvollziehen. Aus funktionalen Vier-Viertel-Stampfern sind im Lauf der Jahre komplexe Beatstrukturen gewachsen, aus repetiven Loops ausgefeilte Sound- und Samplekollagen, aus einfachen Dancetracks also regelrechtes Storytelling. Und so individualistisch, rotzfrech und intelligent einem die Tracks von Jana Rush um die Ohren fliegen lässt sich schnell ahnen: Geschichten hat Jana Rush nicht nur viele zu erzählen, sondern auch solche, die auf den ersten Blick gar nicht in das vorgefertigte Ghetto-Narrativ passen wollen. Mit gerade mal zehn Jahren überredet sie die Crew eines lokalen Radiosenders, sie in die Kunst des Auflegens einzuweihen, als Teenager landet sie wie bereits erwähnt auf Dance Mania, kurz darauf bei der Berufsfeuerwehr, und erst nachdem sie sich beruflich als Computertomographie-Technologin etabliert veröffentlicht sie 2017 ihr in höchsten Tönen gefeiertes Debut-Album und geht nach zwanzig Jahren Pionierdasein das erste Mal auf Tour. Auch so kann Chicago sein. Jana‘s ebenso eigenwillige wie einzigartige Interpretation von Footwork gibt es am 18. Mai jedenfalls erstmals in Österreich zu hören, wer denkt bereits alles gehört und erlebt zu haben sollte sich das nicht entgehen lassen.

Das Footwork-Triumvirat an diesem Abend wird mit einem Act komplettiert, der weder aus Chicago stammt noch nennenswert lange Lebenszeit dort verbracht hat, aber den weltweiten Einfluss seines musikalischen Vermächtnisses und wie es ebenso respektgebührend wie kreativ weiterentwickelt wird symbolisiert wie dieser Tage kaum ein anderer. DJ Paypal ist mit indischen Wurzeln in North Carolina aufgewachsen und lebt inzwischen in Berlin, hat sich aber trotz der geographischen Distanz einen Fixplatz im Roster von DJ Rashad’s Teklife Crew gesichert. Vieles, was den Sound auszeichnet, hat er zur Perfektion getrieben: Das lustvolle Spiel mit Samples, den humorvollen Umgang mit Popkultur, das gesunde Maß an Crazyness, die »I don’t give a fuck«-Mentalität und den anarchistischen, jegliche Konventionsgrenzen sprengende Ansatz. Und wenn er mal auf 160 BPM hochgedrillte Drake-Edits macht, dann sind das nicht ein paar, sondern gleich mal dreißig am Stück zum Gratis-Download.

Und das ist, zumindest für dieses bemühte Textstück, wahrscheinlich die beste Brücke für die Frage, was die Hoods am südlichen Stadtrand von Chicago nun mit dem Austragungsort des Hyperreality Festivals 2019, der idyllisch am Rande des Wiener Waldes gelegenen Sophienalpe, verbindet. Die Idee, sich vom allzu oft als frustrierend empfundenen Alltag loszureißen und sich selbst dem militanten Drill der Marktmechanismen widersprechend zu ermächtigen, das Beste aus sich und seinen Möglichkeiten zu machen, einfach mal Spaß am Dasein zu haben, das Schöne, die Seele in sich selbst und seinen Mitmenschen zu finden, ihm freien Raum und so Utopien entstehen zu lassen. Soll Wien doch Chicago werden oder Chicago Wien, die Utopie kann hier wie dort stattfinden, im Sozialbau oder auf der Straße wie im Mittelalterschloss, in der ehemaligen Sargfabrik oder im verblichenen Sommerfrischler-Hotel am Waldesrand.

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