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Foto von Nora Hollstein
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Sofia Duchovny: »Humor schafft viele soziale Momente und Umstände«

September 3, 2019
Text by Lena Katharina Reuter
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Foto von Nora Hollstein

Sofia Duchovny spricht über Ambivalenzen des Alltages, was Humor und Romantik gemeinsam haben und wie die eigene Praxis aktive Methode sein kann. Ein Interview von Lena Katharina Reuter mit Fotos von Nora Hollstein.

Anfang des Jahres begann deine Einzelausstellung Private Viewing im Kunstverein Göttingen nicht erst im Ausstellungsraum, sondern bereits vorab mit einem kurzen Trailer. Du hattest deine Ausstellung mit einem Video beworben, das Einsicht in dein Studio gab. Welche Gedanken hattest du zum Konzept der Ausstellung und welche Rolle spielte der Film dabei?

Die ursprüngliche Idee war, dass die Ausstellung in verschiedene Abschnitte aufgeteilt wird, angelehnt an verschiedene Szenen eines Filmes. Dadurch, dass die Räume des Kunstvereins nacheinander wie ein Parcours angeordnet sind, bot es sich an, die Ausstellung in verschiedene Szenen zu teilen, wie bei einem Film – so, dass es einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende gibt.

Diese anfänglichen Gedanken habe ich bald verworfen, jedoch die Idee eines Trailers beibehalten. Der Spot vermittelte erste Inhalte auf einer intuitiven und emotionalen Ebene. Der Trailer spielte mit Humor, war mit pathetischer Musik unterlegt und kreierte eine Stimmung, die ein Gefühl von etwas Bevorstehenden auslöste.

Zudem kommunizierte der Film schon viele Aspekte, die mich für die Ausstellung interessiert hatten. Zum Beispiel war ein Aquarell eines Vorhangs zu sehen, die Mitte des Papiers war ausgeschnitten und man blickte in einen privaten Raum, mein Wohnatelier, hinein. Obwohl der Vorhang einem Bühnenvorhang ähnelte, den man aufzieht, um eine Vorstellung zu beginnen, erinnerte die Situation dennoch an einen Blick durch ein Schlüsselloch. Diese Gegensätzlichkeit oder Ambivalenz fand sich in fast allen Arbeiten der Ausstellung.

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Foto von Nora Hollstein

Auch der Titel »Private Viewing« spielte mit dieser Mehrdeutigkeit.

Zunächst war der Titel mit der Gegenüberstellung von »Private« und einem öffentlichen »Viewing« paradox und war eine Anspielung auf eine vermeidliche Privatheit. Dieser Aspekt spiegelte sich auch in den Zeltskulpturen in der Ausstellung wider. Ursprünglich hat ein Zelt als Objekt die Funktion sich abschotten zu können und einen intimen Rückzugsort zu schaffen. Die Skulpturen suggerierten Geborgenheit, doch egal von wo man hinsah, durch die transparenten Stoffe schaute man immer durch die Skulpturen hindurch. Auch die Bett-Motive in den Aquarellen thematisierten eine vermeidliche Geborgenheit. Zusehen war ein verlassenes Bett, ein scheinbar intimer Moment ohne Handlung und dennoch vermittelte die Abwesenheit sofort Privatheit oder Intimität.

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Foto von Nora Hollstein

Du zeigst vermeidliche Zustände auf und bewegst du dich thematisch dabei an der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sowie Persönlichem und Generellem. Wie schaffst du es, dass deine Arbeiten genau diesen Punkt treffen und die Grenze zu einer bestimmten Seite nicht übertreten?

In meiner Arbeit möchte ich genau in diesem Grenzbereich bleiben. Für mich bietet das die Möglichkeit Themen anzusprechen, ohne eine klare Wertung zu geben und dabei eindeutige, stigmatisierende Urteile zu umgehen. Für mich ist es interessant, durch die Gegenüberstellung mancher Begriffe einen Raum entstehen zu lassen, der von jedem mit seiner eigenen Perspektive und Erfahrung gefüllt werden kann.

Natürlich ist dieser Raum von mir gelenkt. Zum Beispiel indem ich Materialien miteinander kombiniere, die relativ gegensätzlich sind. In den Zeltskulpturen verbinde ich praktische Materialien des Outdoor Bereiches mit dekorativen Netzstoffen und Stickereien. In den Aquarellen gibt es, neben den lieblichen und kitschigen Motiven auch dunklere, negativ aufgeladene Momente, wie Zäune und Einschusslöcher. Diese Motive, oder fast schon Symbole, funktionieren für mich wie Vokabeln. Es ist eine visuelle Sprache, in der jedes Motiv an sich schon mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen ist.

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Foto von Nora Hollstein

2016 hast du angefangen mit Zeltkonstruktionen zu arbeiten und seither weiterentwickelt. Wie ist deine skulpturale Praxis entstanden?

Ich habe bei einem längeren Aufenthalt in New York begonnen mit Zeltskulpturen zu arbeiten. Trotz der Einschränkung kein Studio zu haben, wollte ich neue Arbeiten produzieren, ohne Einbußen in Größe und Präsenz machen zu müssen. Ich wollte durch meine Arbeitsweise den Hindernissen, wie beispielsweise Lagerung, Mobilität und Transport, etwas entgegensetzen und dabei einen einfachen, selbstbestimmten Weg für meine Praxis finden. Die Praxis kann auch als Kommentar auf unsere neoliberale Welt verstanden werden. Denn die Objekte geben einen Verweis auf die Umstände, mit denen ich als Künstlerin umgehe, aber auch auf Situationen, die heute oft in unserer Gesellschaft auftreten. Dieser Ansatz geht für mich aber über eine bloße Kritik hinaus und ist entschieden eine praktische und aktive Methode.

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In einem vorherigen Interview hast du deine Skulpturen als »Huge Women« bezeichnet. Spielt Weiblichkeit in verschärften Lebens- und Arbeitssystemen oder liberalen Modellen eine ausschlaggebende Rolle?

Als ich mit diesen Arbeiten anfing, war es mir sehr wichtig, dass die Arbeiten weiblich sind. Ich wollte große, raumgreifende Skulpturen produzieren, die einen Raum einnehmen und dabei eine Weiblichkeit in sich tragen und kommunizieren. Weiblichkeit ist für mich jedoch nicht bloßes Thema der Arbeiten, vielmehr dient es als Material oder Mittel, das vieles artikuliert und kommuniziert und wie eine Sprache mitklingt. Ich möchte das der Betrachtende sich mit den Arbeiten mittels einer weiblichen Perspektive auseinandersetzt und selbstverständlich bezieht sich das auch auf Lebens- und Arbeitssysteme, die ich eben schon angesprochen habe.

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Neben solchen Beobachtungen und Konzeptionen setzt du durch das Verhältnis von Kunst und Emotionen einen anderen Akzent. Eine gewisse Romantik spielt dabei eine Rolle, aber auch ein Humor, der sich immer wieder erkennen lässt.

Für mich liegt der Reiz der Romantik, als auch des Humors, daran, dass direkt über Emotionen kommuniziert und eine sofortige Reaktion hervorgerufen wird. Gewissermaßen am Kopf vorbei. Gleichzeitig interessiert es mich, wie romantische Arbeiten dennoch konzeptuell sein können. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass Emotionen aus der bildenden Kunst verschwinden. Dabei finde ich es viel spannender, wenn Arbeiten in der Lage sind Aussagen zu treffen ohne das vorweg ein langer Text zum Verständnis gelesen werden muss. Ich finde es toll, wenn man eine Ausstellung mit einem Gefühl verlässt und die Arbeit durch Emotionen einen Diskurs anstoßen. Ich glaube auch, dass Humor, ähnlich wie Romantik oder Kitsch, auf zwei Arten funktioniert. Insofern, dass er etwas auf die Spitze treiben kann und gleichzeitig nicht zu lässt, dass die Aussagen zu persönlich genommen werden. Humor befeuert Emotionen und schirmt sie gleichzeitig ab, um so einen distanzierten Blick zulassen zu können.

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Du hast eine Art semi-persönliche Persona entwickelt, die in Lectures in deinen Ausstellungen auftauchen kann. In Göttingen hast du als Promoterin deine eigene Arbeit beworben und bist von einem Fettnäpfchen ins nächste gesprungen.

Ich arbeite mit der Erwartungshaltung des Publikums. Die Performance wird als »Eine Lecture von Sofia Duchovny« angekündigt. Dabei wird erst im Laufe der Zeit klar, dass mein Auftreten gespielt ist — bei manchen Menschen früher, bei anderen später. Ich stehe vor dem Publikum als Künstlerin und parodiere Momente des Kunstbetriebs und bediene vermeidliche Fauxpas. Zum Beispiel spreche ich am Anfang der Performance nur davon, was es alles von mir zu kaufen gibt, ohne jemals über den Inhalt der Arbeiten zu sprechen. Allein schon dabei entsteht ein unangenehmes Gefühl, dass sich durch die ganze Arbeit zieht. Die Performance endet mit dem Thema Scham und schlägt noch mal den Bogen zu dem, was gerade in dem Moment in der Performance passiert. Das Publikum schämt sich fremd, fühlt sich eventuell unwohl oder lacht.

Ich glaube, dass die Diskrepanz zwischen unangenehmen Gefühlen und Lachen sehr viele Überlegungen aktiviert. Hier schafft Humor viele soziale Momente und Umstände, die scheinbar beiläufig angesprochen werden und die man sonst nicht ansprechen würde. Das ist wirklich etwas was Humor kann – er gibt einem die Möglichkeit mit einer Leichtigkeit Ernsthaftes anzusprechen und zu erkennen.

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