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Foto von Franzi Kreis

»Sans Culottes«: Geht ein Arsch ins Theater … und tanzt

March 21, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Franzi Kreis

Robyn/Hugo Le Brigand präsentiert seine neue Arbeit … und sein Hinterteil, denn »Sans Culottes« ist eine Unten-ohne-Choreographie.

Mit einem schwungvollen bretonischen Volkstanz hält Le Brigands Hinterteil Einzug in den Bühnenraum des brut im Atelier Augarten. Da wird gestampft, hin und her geschwungen und gestoßen. Le Brigands Oberkörper ist nicht zu sehen, er ist genauso wie sein Gesicht und sein Geschlechtsteil verhüllt, nur der Unterkörper ist nackt. Mit »Sans Culottes« hat der französische Performer eine Choreographie für den Arsch geschaffen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Diese Choreographie konzentriert sich auf die Pobacken und den Anus, um diese im Theater unterbelichtete Region neu kennen zu lernen. Da werden Eiszapfen eingeführt, die auf und ab tanzen oder mit dem Hinterteil voran getanzt. Ein andermal entsteht durch unerwartete Verrenkungen eine entmenschlichte Skulptur, bei der nicht mehr zu erkennen ist, wo oben und wo unten ist. In einer Szene schaut uns der Anus dann richtig an und wie er so auf und zu geht, frage ich mich, was der Schließmuskel eigentlich künstlerisch so alles kann.

Le Brigands Titel ist eine Referenz an die sogenannten Sansculotten, die sich im Paris des späten 18. Jahrhunderts gegen die Hierarchie und die Ungleichheit im monarchischen System auflehnten. Ihre langen Arbeitshosen unterschieden sich von den modischen Kniebundhosen (Culottes) des Adels, so kam es zu ihrem Spitznamen. Diesen nimmt sich Le Brigand als Ausgangspunkt und nimmt ihn mehr als wörtlich. Die revolutionäre Kraft hallt in der Choreographie wider, die sich auf künstlerische Weise der wohl benachteiligsten Körperregion im Tanz widmet.

Die außergewöhnliche Performance versetzt in Staunen, ist zwischenzeitlich unglaublich lustig, immer aber auch eine Ode an den Anus. So ganz ohne Erotik und Gedanken an den Klogang ist der nämlich auch nur ein Muskel. Ein Körperteil, den Le Brigand in genialer Weise nutzt und so für einen überraschenden Abend sorgt. Die ungewöhnlichen Bewegungsmuster und die verhüllten persönlichen Merkmale des Tänzers sorgen für eine bestimmte Objektifizierung, fast schon eine Entmenschlichung, die einen Fokus auf diesen einzelnen Körperteil zulässt. In gewisser Hinsicht wirkt »Sans Culottes« demokratisierend auf den TänzerInnen-Körper, der im zeitgenössischen Theater zwar freizügig zum Einsatz kommt und – sieht man ab von den Normen, die Körperfülle und Sportlichkeit betreffen – nahezu enttabuisiert ist, aber doch noch verborgene Regionen und damit auch performative Potenziale innehält. Le Brigands Choreographie besticht durch großen Einfallsreichtum, auch wenn wir die meiste Zeit über auf ein Hinterteil schauen, ist dieser Abend ganz sicher nicht für den Arsch.

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