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Sandra Mujinga, installation view Seasonal Pulses, Croy Nielsen, Vienna, 2019. Foto: © kunst-dokumentation.com
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Sandra Mujinga, installation view Seasonal Pulses, Croy Nielsen, Vienna, 2019. Foto: © kunst-dokumentation.com
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Sandra Mujinga Nkámá, 2019 (detail), Fabric, tinted glycerine, plastic, metal, cellular concrete, 270 × 110 × 50 cm. Foto: © kunst-dokumentation.com
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Sandra Mujinga Libwá, 2019 (detail), Fabric, tinted glycerine, plastic, metal, cellular concrete, 270 × 110 × 50 cm. Foto: © kunst-dokumentation.com
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Sandra Mujinga, installation view Seasonal Pulses, Croy Nielsen, Vienna, 2019. Foto: © kunst-dokumentation.com

Sandra Mujinga: Der Impuls sich zu verhüllen

April 26, 2019
Text by Leon Hösl
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Sandra Mujinga, installation view Seasonal Pulses, Croy Nielsen, Vienna, 2019. Foto: © kunst-dokumentation.com

Wie umgehen mit Identitätszuschreibungen? In ihrer Ausstellung »Seasonal Pulses« begegnen Sandra Mujingas Denim-Avatare dem Interieur der Galerie Croy Nielsen.

Vier in ausladende Stoffe gehüllte, anthropomorphe Gestelle wandeln durch die Altbauwohnung. Denim-Textilien in unterschiedlichen Schattierungen wickeln sich in losen Stoffbahnen ineinander oder hängen bis zum Boden herab, riesige Capes verhüllen die Bereiche, an denen man Köpfe vermutet. Unten legt sich der Stoff entweder um Hufe oder breite Stiefel – Tiergestalt oder edgy Fashion-Mannequin? Wie eine Wunde blitzt an einigen Stellen das Inlay des Stoffes hervor: gefärbtes Glycerin, erhitzt und eingeschlossen in transparentem Plastik, das durch den Kontrast zu den dunklen Jeansstoffen blutrot leuchtet. Als wäre der Umhang gleichzeitig die Haut eines abwesenden Körpers.

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Sandra Mujinga, installation view Seasonal Pulses, Croy Nielsen, Vienna, 2019. Foto: © kunst-dokumentation.com

In »Seasonal Pulses«, der ersten Ausstellung der Künstlerin in Österreich, sind diese übergroßen Gestalten auf dem Sternparkettboden des Galerieraums von Croy Nielsen platziert, der vermutlich noch Teil der luxuriösen Ausstattung des Palais Dumba an der Ringstraße ist. Zwar wird dieser prachtvolle Boden bei jeder Ausstellung der Galerie unfreiwillig zum markanten Untergrund; zu Sandra Mujingas Objekten bildet er jedoch einen expliziten Gegenpol. Als Verweis auf einen höchst repräsentativ gestalteten, ehemaligen Wohnraum, der großbürgerliche Dekorationsstandards erfüllt und Intimität in geometrische Bodenintarsien einspannt, steht das Parkett in Kontrast zu den kreatürlichen Erscheinungen. Denn die so trendige wie generische Denim-Stoffhaut möchte gerade nicht repräsentieren, sondern verbergen.

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Sandra Mujinga Nkámá, 2019 (detail), Fabric, tinted glycerine, plastic, metal, cellular concrete, 270 × 110 × 50 cm. Foto: © kunst-dokumentation.com

Den Körper vor äußeren Zuschreibungen zu schützen und in permanenter Transformation zu halten, ist eine Strategie, die Sandra Mujingas Arbeiten häufig verfolgen. In der Demokratischen Republik Kongo geboren und als Schwarze Frau in Oslo aufgewachsen, sind der Umgang mit Identitätszuschreibungen ein wichtiger Kontext ihrer Arbeiten. In vielen ihrer Videos, in denen fast ausschließlich weibliche, Schwarze Darstellerinnen gezeigt werden, lösen sich Figuren durch digitale Filter auf, trennen sich Konturen von Körpern, verschmelzen Protagonistinnen mit einer virtuellen Umwelt oder wird der Körper durch online verfügbares Videomaterial ersetzt. Auch formuliert Mujinga häufig Referenzen zu Schutzmechanismen und Tarnungsstrategien in der Tierwelt, wie zum Beispiel bestimmten Elefanten, die nachtaktiv geworden sind, um sich vor Wilderern besser schützen zu können.

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Sandra Mujinga Libwá, 2019 (detail), Fabric, tinted glycerine, plastic, metal, cellular concrete, 270 × 110 × 50 cm. Foto: © kunst-dokumentation.com

Dass Sandra Mujinga auch Kleidung herstellt und durch Performerinnen in musikalischen, stark atmosphärischen Settings aktiviert, bleibt in der Ausstellung »Seasonal Pulses« lediglich angedeutet, etwa wenn zwei der Denim-Stoffe wie achtlos abgestreift am Boden liegen.

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Sandra Mujinga, installation view Seasonal Pulses, Croy Nielsen, Vienna, 2019. Foto: © kunst-dokumentation.com

Ihre Textilobjekte haben eine sichtbare Verwandtschaft zu aktuellen Tendenzen des Fashiondesigns, die das Verhüllen des Körpers in überdimensionierten Umhängen oder hinter religiös oder ethnisch inspirierten Masken zelebrieren. Dieser Trend deutet auf eine Umwidmung der Unsichtbarkeit hin, die nicht mehr gesellschaftliche Kategorie von Ausschluss und Nicht-Teilhabe adressiert, sondern als Schutzmechanismus gegen lückenlose Überwachungsmechanismen und identitätspolitische Festschreibungen dienen kann. In diesem Verständnis soll Mode gerade nicht den Körper hervorheben und schmücken, sondern zu einem schützenden Stellvertreter werden. Sandra Mujingas Wesen, die sie selbst auch als »Guards« bezeichnet, kann man als solche Stellvertreter verstehen. Sie zeigen größtmögliche Präsenz und bewahren doch Anonymität. Durch die Auflösung der Form entziehen sie sich Kategorisierungen. Ebenso versteht es die Künstlerin, in Zwischenräumen tätig zu sein: ihre Performances können zur Modeschau oder zum Club-Erlebnis werden, die Videoarbeiten taugen sowohl zum YouTube-Musikvideo als auch zu Elementen skulpturaler Videoinstallationen, sie selbst tritt als DJ auf und in ihrer Wiener Ausstellung wird Mode zum skulpturalen Avatar und kreatürlichen Fremdkörper. So gelingt es ihr, sich durch stete Transformationsbewegungen Freiräume zu erschließen, in denen der Körper vor Zuschreibungen und Vereinnahmungen geschützt ist.

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Aidan Pontarini, Illustration for »Sack of Potatoes«. Courtesy of the artist and Main Street, Toronto

»This is not a painting. It’s a misunderstanding.«

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