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Tanzkongress 2019. Foto von Klaus Gigga

Profane Erleuchtung beim Pilze putzen

June 18, 2019
Text by Jette Büchsenschütz
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Tanzkongress 2019. Foto von Klaus Gigga

Unter dem Motto »A Long Lasting Affair« übt sich der diesjährige Tanzkongress in Gemeinschaftsbildung, Ritual und sinnlicher Teilhabe abseits von üblichen Diskursen.

»We will wash dishes« ist die erste Ankündigung, die wir im Garten des Festspielhauses Hellerau in Dresden hören und die mit jubelndem Beifall von den rund 500 TeilnehmerInnen aufgenommen wird. Große Gruppen müssen sich organisieren, deswegen startet der Tanzkongress mit Teambuilding und der Aufteilung in kleinere Gruppen – in meiner Mikrogruppe beginnt es mit »Solidarity Cream«. Der Choreograf und Tänzer Jeremy Wade alias Battlefield Nurse, der meine Gruppe anleitet, spritzt Weleda Creme auf unsere Hände und – nach Klärung organisatorischer Dringlichkeiten wie: wann bekomme ich wo etwas zu essen und wann helfe ich wo Gemüse zu schnippeln und Geschirr abzuwaschen – mit einem ritualisierten Reigentanz stimmt er uns auf die kommenden vier Tage ein.

Bisher als wissenschaftliches Symposium veranstaltet, wurde der diesjährige Kongress zum ersten Mal von einer Choreografin, von Meg Stuart geleitet. Dass wir uns nicht auf einem konventionellen Kongress befinden, war bereits bei der Anmeldung klar. Bis einen Tag vor Beginn wusste niemand so genau, worauf wir uns einlassen. Kein Programm war veröffentlicht, keine TeilnehmerInnen waren bekannt gegeben. Versprochen aber wurde: gemeinschaftliche Erfahrung, spekulative Praxis, Spiritualität und entsprechende Rituale, die Möglichkeit zur Weltflucht und eben keine künstlerische und akademische Leistungsschau. Ganz bewusst bezog sich das Konzept auf die Ideen der von Émile Jaques-Dalcroze 1911 gegründeten »Bildungsanstalt für Rhythmik« (das heutige Festspielhaus Hellerau) und reihte sich ein in die Tradition der Lebensreformbewegung, Monte Verità, Bauhaus, Fluxus und Happening.

Das utopische Experiment beginnt: wir sammeln Pflanzen, werden von Jared Gradinger hypnotisiert, meditieren und üben Aikido mit Isabelle Schad, waschen Teller, boxen mit Florentina Holzinger, schwitzen in der Sauna während wir Texten von Susan Sontag und Jean-Luc Nancy lauschen, putzen Pilze und diskutieren über Drogen und Ravekultur genauso wie über Geld und Identitätspolitik. Deutlich wird: nichts soll präsentiert werden, keine Fertigprodukte zum Konsumieren aufgetischt werden. Niemand und nichts soll im Zentrum stehen – und den Rest in die Peripherie befördern. Der Kongress setzt sich aus organisierten, aber eben nicht planbaren Handlungen zusammen, die sich allein in und durch Wahrnehmung und Bewegung, materialisieren und sich damit der Intention etwas zeigen zu wollen, entziehen. Praktiziert wird all das, was wir in unserer bedeutungsgesättigten Alltagswelt vermissen: Spieltrieb, Sinnlichkeit und reine Lebendigkeit abseits der immer unübersichtlicher und abstrakter werdenden Welt, in der Rechtspopulisten nicht nur in Dresden die stärkste politische Kraft sind.

Samstagvormittag dann der Höhepunkt: »Totentanz/Sketch for a Parade« angeleitet von der Tänzerin Maria F. Scaroni und dem bildenden Künstler und Bühnenbildner Vladimir Miller. Zur rhythmischen Musik von Marc Lohr und Mieko Suzuki bewegen sich rund 200 TeilnehmerInnen mal schneller, mal langsamer im Kreis. »Psychic jogging« nennt Maria F. Scaroni diese Praxis, die sich nicht nur als äußerst simpel, sondern auch als extrem hypnotisierend entpuppt. Es wird zunehmend heißer; die Luft ist voller Schweiß, Salbeiduft und Theaternebel. Ab und zu blitzt helles Licht auf. In der Mitte der Tanzenden entsteht ein gemeinschaftlich erbautes, fragiles Gebilde aus Holzstäben, Kabelbindern und aufblasbaren Luftröhren. Die Ekstase verstärkt sich durch das Monotone, den unerbittlichen Rhythmus und die Lautstärke der Musik – bis ich schließlich in eine Art Subjektauflösung eintauche: eine Transzendenzerfahrung ohne religiösen Kontext.

Was aber bleibt von der »long lasting affair«? Vor allem Fragen: Ist dies alles nur Eskapismus? Oder war der Tanzkongress mehr als ein berauschender Ausnahmezustand? Ging es hier um die Herstellung von Wärme einer Gemeinschaft, die uns in der Kälte der Gesellschaft versagt bleibt? Und konkreter: Wie lässt sich der exklusive Bereich der in Hellerau versammelten Tanzszene für die Stadt Dresden und das Bundesland Sachsen öffnen? Denn leider blieb auch an dem Publikumstag »Down by the Water« die Szene weitgehend unter sich. Fragen, über die wir alle gemeinsam dringend nachdenken müssen. Denn sonst bleibt das romantische Unternehmen ein viertägiger Traum oder wird zur Flucht in bacchantischen Taumel.

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