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Foto von Jean-Luc Beaujault
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Foto von Jean-Luc Beaujault

Phia Ménard baut ein Haus für Europa: »Maison Mère« bei den Festwochen

June 6, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Jean-Luc Beaujault

Sperrig, schwer und doch so zerbrechlich: Karton wird bei Phia Ménard zur wandelbaren Metapher, die als Baumaterial für ihr Maison Mère verschiedenste Bedeutungen annimmt.

Sie sieht aus wie die Replikantin Pris aus Blade Runner, doch was sie hier baut, ist alles andere als futuristisch: Ménard hockt auf der Bühne und starrt auf eine riesige, auf dem Boden ausgebreitete Kartonfläche. Die einzelnen vorgeschnittenen Teile setzt sie mithilfe von Klebeband zu einfachen Formen zusammen. Was anfangs noch ein bisschen an Bastelstunde erinnert, nimmt schnell Formen an und aus dem Kartonmeer wird ein Quader. Die riesigen Seitenwände des Quaders wabern bedrohlich, Ménard stabilisiert das wacklige Bauwerk mit so etwas wie riesigen Speeren, die als Stützen fungieren. Dieses Kartonunding, groß und schwer, ist von einer Person allein kaum zu bewältigen. Sehr langsam und vorsichtig entsteht mit großem Kraftaufwand ein nach oben offener Quader, der mithilfe von durch den Raum gezogenem Klebeband hin und her gewippt wird, bis ihn die Performerin in die richtige Position gebracht hat. Dann wird das Unding gekippt, Ménard verschwindet darunter und wir erkennen, was sie in den vergangenen 45 Minuten erbaut hat: ein einfaches Haus, auf dessen Giebel vorher gewippt wurde. Es ist still auf der Bühne, wir sehen nichts als dieses Haus aus Karton, nach allen Seiten hin geschlossen wie eine Schuhschachtel. Plötzlich ertönt ein lautes röhrendes Geräusch von innen: mit einer Motorsäge scheint sich die Performerin aus dem Haus zu befreien. Aus langen senkrechten Schnitten werden regelmäßige Linien, die die gesamten Außenwände überziehen. Nachdem Menárd die Wände abgeht und die ausgeschnittenen Teile von innen herausschlägt, entsteht ein Tempel mit unzähligen Säulen. Ménard tritt heraus und nimmt am Schrottplatz mit den übriggebliebenen Kartonteilen Platz. Als der Regen über den Tempel hereinbricht und immer stärker wird, schaut sie zu wie die Last immer schwerer wird: der Karton weicht sich auf, die Säulen biegen durch und irgendwann stürzt der Tempel ein. In einer bedrohlichen Schuttwolke aus dichtem Nebel klaubt die Performerin einzelne Bruchteile wieder zusammen und scheint sich für den Wiederaufbau zu rüsten.

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Foto von Jean-Luc Beaujault

Es sind sehr einfache, mit minimalen Mitteln erzeugte und doch epische Bilder, die Ménard mit »Maison Mère« (franz. Mutterhaus oder auch Hauptsitz) schafft. Vom Aufbauen eines riesigen Tempels mit bloßen Händen bis hin zum Einsammeln von Trümmern, ist die Performance durch und durch bildgewaltig. Mit deutlicher Ähnlichkeit zum Athener Parthenon zeigt sich Ménards Mutterhaus passend zur gegenwärtigen politischen Situation rund um die sogenannte Flüchtlingskrise und die nur wenige Tage nach der Premiere anberaumte Europawahl. Ursprünglich für die documenta14 2017 unter dem Festivalthema »Von Athen lernen« entwickelt, ist »Maison Mère« der erste Teil der Trilogie »Contes Immoraux«, in der Ménard die europäische Geschichte untersucht. Noch für 2019 geplant sind »Temple Père« und »La Rencontre Interdite«, also der väterliche Tempel und das verbotene Treffen.

Es ist vor allem die Einfachheit der genutzten Materialien und der ausgeführten Gesten, die »Maison Mère« so bestechend macht. Das mit simplen Mitteln erbaute Haus verweist als Tempel auf den Parthenon, der der Göttin Pallas Athene gewidmet, an die Geburt der europäischen Demokratie erinnert. Als einfachste Möglichkeit, sich aus Karton ein Dach über dem Kopf zu schaffen, kann es aber auch eine notdürftige Behausung für obdachlose Menschen sein. Ruft man sich die radikalen politischen Stimmen in Erinnerung, die Zelte als angemessene Unterkunft für geflüchtete Personen vorschlugen, kann das prekäre Kartonhaus auch ein Obdach für Flüchtlinge sein.

Ménards Bewegungen sind schlicht und formalistisch, folgen stur und geradezu naiv dem Ziel, die einzelnen Bauteile zusammenzusetzen, um das Haus zu errichten. Steht es dann endlich, fällt es auch schon wieder zusammen und Ménard macht sich bereit für den Wiederaufbau, der wohl genau dem gleichen Schema wie schon beim ersten Mal folgen wird. Ihr Kostüm, das stark an die eingangs erwähnte Filmfigur erinnert, passt zu dieser systematischen oder roboterhaften Formensprache. Wie die Replikanten in Blade Runner ist sie auf der Suche nach Menschlichkeit, die sich irgendwo zwischen dem Ausführen von Befehlen und den immer gleichen Abläufen verstecken mag. Und wie im Film kommt auch hier am Ende der Regen.

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