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Kottan ermittelt, Episode 4: Nachttankstelle (1978); Screenshot

Parallelaktionen

July 10, 2019
Text by Anna-Sophie Berger
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Kottan ermittelt, Episode 4: Nachttankstelle (1978); Screenshot

Als Nebeneffekt ihrer Ausstellung Don’t Smoke in der Galerie Emanuel Layr entstand Anna-Sophie Bergers Essay über das Anti-Rauch-Referendum im weitesten und über Österreich im engeren Sinne: »Nachdem ich kein genaues Ziel hatte, dauerte es auch eine Weile. Jetzt ist es geschafft und die Regierung ist neu aufgestellt.«

»Don’t smoke« ist der Name eines im Vorjahr von der Ärztekammer Wien und der Krebshilfe Österreich initiierten Volksbegehrens, über das Anfang Oktober 2018 abgestimmt wurde. Das Ziel war das Beibehalten des erst kürzlich eingeführten absoluten Rauchverbotes in der österreichischen Gastronomie, welches von der blau-schwarzen Koalitionsregierung zurückgezogen worden war.

Unabhängig davon hatte der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker gemeinsam mit der Umweltstadträtin Ulli Sima (beide SPÖ) Klage beim Verfassungsgerichtshof gegen eben jene Aufhebung eingereicht, um dadurch zumindest in Wien das Rauchverbot aufrecht zu erhalten. Auf Fotos zerbrechen die beiden dazu feierlich übergroße Papierzigaretten.

Im Laufe des Volksbegehrens waren daher die jeweiligen Achsen der Befürworter und Gegner, obwohl die Petition prinzipiell parteiübergeordnet war, denkbar ausgeprägt und die Pole ArbeitnehmerInnenschutz einerseits und Selbstbestimmung der Gastronomie andererseits vermischten sich spürbar mit größeren nationalen und EU-weiten Themen.
Der Name »Don’t Smoke«, bewusst auf Englisch gewählt, verweist auf die eigentliche parteiliche Thematik: Die Zurücknahme des von der EU vorgegebenen generellen Rauchverbotes als eingelöstes Wahlversprechen der Freiheitlichen Partei (FPÖ) – dem rechten Koalitionspartner in der konservativen Regierung – ist schlussendlich ein trotziges Sich-Behaupten als Nationalstaat vor einer Union, der die rechtsgerichtete Partei skeptisch bis apathisch gegenüber steht. Das internationale Don’t smoke ist demnach auch ohne die für den ArbeitnehmerInnenschutz brisanten Thematik das ostentative Bekenntnis der Sozialdemokraten an ein Europa der Union. Symbolpolitik à la carte.



Zunächst ist ein Volksbegehren keine Volksabstimmung – als Instrument der direkten Demokratie ermöglicht es den BürgerInnen durch eine vergleichsweise geringe Zahl zu erreichender Unterschriften Gesetzesvorschläge im Nationalrat zur Behandlung zu bringen, wenngleich auch das Begehren an sich keine gesetzlichen Implikationen hat.



Da ich über ein amerikanisches Äquivalent zum Volksbegehren zu wenig wusste, übersetzte ich es im Gespräch in New York kurzerhand als »people’s desire«, was ein Auflachen zur Folge hatte. Situationskomik einer Phrase unbehelligt von Tradition oder Bezug. 


Eine Geschichte der verschiedenen Volksbegehren in Österreich würde sich vielleicht schon an sich lohnen? Das allererste der neununddreißig seit 1964 durchgeführten Volksbegehren wird »Rundfunkvolksbegehren« genannt. Ziel war die Unabhängigkeit des Österreichischen Rundfunks (ORF) von den Regierungsparteien. Bis dato war der ORF als Sprachrohr der großen Koalition aus SPÖ und ÖVP im Dienste der Parteipolitik gesehen worden. Interessant ist dabei die bis heute nachwirkende Unterscheidung in »schwarzen« Hörfunk (ÖVP) und »rotes« Fernsehen (SPÖ). Da das Fernsehen als Medium an Einfluss gewann, kämpften die Parteien intern mehr und mehr um ihre Vormacht, was 1963 zu einem Geheimabkommen zwischen den Koalitionspartnern führte. Jede Stelle sollte doppelt besetzt werden: Ein roter Leiter und ein schwarzer Stellvertreter, oder umgekehrt. Nach Bekanntwerden dieser Abmachung initiierte der Kurier das Volksbegehren, welches erst im Laufe der nächsten Regierungsphase gesetzlichen Niederschlag fand. Dieses Rangeln um eine proportionale Verteilung von öffentlichen Positionen zwischen den politischen Anhängern der beiden Großparteien in den großen Koalitionen wird im Bezug auf Österreich auch »Proporz« genannt. Je nach politischer Ausrichtung kann das Wort umgangssprachlich abwertend den Versuch der jeweilig anderen Partei benennen, Ämter und Sektionen »unter ihre Farbe« zu bekommen.
Zu dem Possenstück des erwähnten »Geheimabkommens« passt daher thematisch auch diese Anekdote zum Begriff Proporz: Als im Jahr 1999 das erste österreichische Wort des Jahres gewählt wurde, konnte die Jury sich auf kein Jahrhundertwort einigen. Daher kürte man Proporz kurzerhand zum »Halbjahrhundertwort«. Die proportionale Verteilung der politischen Kräfte innerhalb des Staates sollte in der 2. Republik nach 1945 der Möglichkeit einer erneuten Radikalisierung vorbeugen.

Es scheint kurios, dass durch die schwarz-blaue Regierung das Rauchen, als eine der letzten Transgressionsgesten der Kunstszene, in ein anderes Licht geworfen wird, ja man sich womöglich in der politischen Debatte als RaucherIn auf die Seite der »Raucherbeiselgegner«  schlagen muss. Die Pointe dieser Verdrehung bezieht sich nicht nur auf ein politisches Randthema, das längst gelöst schien und nur noch einem Klientel von ewig gestrigen »Jetzt-Erst-Rechtlern« ein beruhigtes »Hah« von den Lippen locken kann, – sondern verweist auf das veränderte Verhältnis der künstlerisch-liberalen Linken zu den verschiedenen bürgerlichen-bis-rechtsaußen Kräften. Dazu der österreichische Autor und Mitbegründer des Vereins Sadomasochismusinitiative Wien Hermes Phettberg auf Twitter: »Ich bitte euch alle dringend, H. C. Strache ja nicht zu folgen und nicht zu rauchen!« (13:44 - 15. Feb. 2018)

Das Wiener Beisl, im Unterschied zum klassischen Caféhaus als klarer Lokus des Intellektuellen Bürgertums um die Jahrhundertwende, kann mit dem Begriff Spelunke verglichen werden und verweist dadurch auf seine Provenienz aus der Arbeiterschicht und der Demi-monde. »Zunächst verstand man in Wien unter Beisl ein Lokal niederer Güte, bis sich ein Bedeutungswandel zum Besseren einstellte« (https://de.wikipedia.org/wiki/Beisl). Ähnlich dem gulyás das dort beliebter Weise serviert wird und das etymologisch auf die ungarischen Pusztahirten zurück geht, liegt der Wortursprung des Beisl im größeren Ganzen der Donaumonarchie irgendwo zwischen dem tschechischen Pajzl (Kneipe) und dem jiddischen Bajiss (Haus). Nicht zu vergessen ist daher, dass das Argument für einen Erhalt des Raucherlokales durch die FPÖ nicht zuletzt auch Klientelpolitik für eine ehemals klassische Arbeiterschicht ist – die Hackler, die in Wien ihre Neigung zum Beisel als sozialem Lokus mit der Szene der Künstler teilen. Diese soziale Tradition klingt in der Vehemenz und Sturheit des Raucharguments nach, und ist daher eigentlich komplexer als eine einfache Spaltung entlang parteipolitischer Intentionen. Eine weitere Verschränkung des Themas findet man bei zeitgenössischen Kapitalismuskritikern wie Mark Fisher. Demnach können Strategien der unbedingten Verbesserung der Gesundheit sowie Selbstoptimierung und Fitnessgedanke innerhalb der Gesellschaft als Elemente eines post-fordistischen internalisierten Paternalismus der Marktlogik gesehen werden: »It is not that smoking is ›wrong‹, it is that it will lead to our failing to lead long and enjoyable lives. (…) What we see instead is a reductive, hedonic model of health which is all about ›feeling and looking‹ good«. Mein Ziel ist hier nicht, das ursprüngliche, vernünftige Argument des Rauchverbotes als Teil des ArbeitnehmerInnenschutz zu relativieren, sondern die Reaktionen in ihre komplexen Anteile aus sensuellem Recht auf das Rauchen und der Vermutung einer Bevormundung auf Grund von nicht offengelegten Interessen und Ängsten vor gesellschaftlichem Abstieg aufzuspalten.

In der Folge »Nachttankstelle« (1978) der österreichischen Detektivparodie Kottan findet sich ein schöner Rauchersketch. Während der comichaft-unfähige Kommissar Kottan mit seiner Frau im spießbürgerlichen Eigenheim nach Feierabend fernsieht und dabei raucht, schwenkt die Kamera auf den Fernseher, auf dem ein Schwarzweiß-Clip abläuft. Das Fernsehen, und damit der öffentliche Rundfunk, nehmen innerhalb der Serie den selben zu dekonstruierenden Stellenwert ein wie die Polizei und öffentliche Ämter: staatliche Institutionen, die geprägt sind von der Faulheit, Inkompetenz und Korruption der sogenannten »Staatsdiener«. Die Persiflage der einzelnen Episoden dehnt sich daher gerne auch auf das Fernsehen als Medium aus. So war beispielsweise die in der Sendung zu sehende Fernsehmoderatorin Chris Lohner auch tatsächliche Moderatorin des ORF. Der Clip zeigt also einen Werbespot für die sogenannte »Schönbrunnzigarette«, wobei eine Gruppe von Menschen in einem Lokal an der Bar steht, während prototypische, klassische Musik läuft. Der zentrale Sprecher – ein Mann mittleren Alters – schnippt zunächst betont lässig, allerdings ungelenk, mit seinem Finger gegen eine Zigarettenpackung, wobei mindestens ein bis zwei Zigaretten zu Boden fallen, und zündet sich schließlich eine an einer langen Kerze an. Rauchend trägt er den Werbeslogan vor, dabei muss er mit jedem Zug stärker husten und kann die einzelnen Worte nur stark verzögert hervorpressen: »Ich rauche nur eine Marke ….. die flotte ……… die milde, ………. Schönbrunnzigarette; die Zigarette für den Raucher, ……… die Zigarette für den Dynamischen …….. für den Mutigen; die Zigarette …….. für ……. den …… Mann ….. von heute«.

In ihrem Buch »Kill All Normies« analysiert Angela Nagle die Anfänge der US-amerikanischen »Culture Wars«. Gegen Ende des Buches verweist sie auf die Tradition der Transgression als eine in den künstlerischen, anti-bürgerlichen Milieus entstandene, oft politisch nicht direkt gerichtete Strategie der allgemeinen Störung. Im Weiteren vollzieht sich eine Aneignung dieser Gesten, schleichend, durch eine neue Form der Rechten, die sich einem klassisch konservativen Gesellschaftsmodell immer mehr entfremdet hat und nicht mehr innerhalb der Dualität von konservativ und progressiv zu fassen ist. Eine ähnliche Beobachtung formuliert auch schon Maggie Nelson in ihrem Buch »The Art of Cruelty«, wobei sich ihre vielschichtige Kritik gegen mediale und künstlerische Formen der Eskalation und der Extreme richtet, die eine Nuancierung von Haltungen im Weg stehen können: »But however ecstatic the communion, or however viscerally startling the transgression, this emphasis on bloodshed as a jumpstart into reality can be wearying. Indeed, whenever I read an articulate excoriation of the Viennese Actionists – such as those written by artist Carolee Schneemann or feminist Germaine Greer – the work can seem quickly ridiculous, a witless testament to a ludicrous white-boy repression, Austrian-style, literally trying to whip itself up to Wagnerian proportions« (Maggie Nelson: The Art of Cruelty. W. W. Norton, New York City, 2011, S. 22.).

Gleichzeitig kann man auf Seiten der FPÖ in Österreich auf mitunter bizarre Weise den Versuch erkennen, Argumente für mehr Akzeptanz und Meinungsfreiheit für sich zu beanspruchen, sowie ihren Kritikern reaktionäres Verhalten und Falschaussagen zu unterstellen. Hier wären zum Beispiel die jüngsten Debatten um die nachträgliche Zensur des Begriffs »Neonazi« in einem Interview des ORF Reporters Armin Wolf in Zusammenhang mit H. C. Straches Jugend zu verorten. Auch hier steht wieder einmal der unangenehme Verdacht der politischen Voreingenommenheit des Österreichischen Rundfunks im Raum.



Wen es noch interessiert: das Anti-Rauchvolksbegehren brachte schlussendlich wesentlich mehr Stimmen ein als sein Schwester-Frauenvolksbegehren, das zeitgleich abgehalten wurde und sich inhaltlich mit brisanteren gesellschaftlichen Themen beschäftigte. Es gibt dazu verschiedene Meinungen – möglich, dass das Frauenvolksbegehren zu vielgliedrig war und eine lange, aufmerksame Lesearbeit voraussetzte, wahrscheinlicher ist aber ein sich stur haltender Konservatismus.

Dem Transgressionsnexus folgend, steht Rauchen für Lifestyle zwischen Genuss und Freiheit. Dabei kann der Rauch auch als eine schleichende, vielleicht unsichtbare Verbindung zwischen persönlicher Freiheit und Gemeinwohl angesehen werden. Die Symbolik ist mit der Kulturwelt so sehr verbunden, wie sonst vielleicht nur Bier, Wein oder Koks. Diese Abgeschmacktheit des Symbols sowohl visuell – die Zigarette – als auch als Attitüde und Stereotyp – der Marlboroman, die Suffragetten und der Vamp – macht seine Wirkkraft aus. Eine Freundin sagt zu mir, der Nichtraucherin, erklärend: »Eine Zigarette ist ein sehr guter Freund«. »Rauch nicht«, flüstere ich hingegen besorgt einer vertrauten Person entgegen. Meine Großmutter – Mutter von acht Kindern – beschreibt die Zigarette als »der einzige Moment, der nur mir gehört«. Banal und voll kruder Warnaufgebote trotzen die Zigarette und ihre Ökonomie jenseits und diesseits der Grenzen europäischer Nachbarstaaten und ausgewählter Tabakstände in Manhattan dem Fortschritt. Ich habe vergessen, ob Immanuel oder Ayn Rand es sagte: »Das Machtvolle macht das Feuer, das man im Mund hält«.

Zum Zeitpunkt des Editierens dieses Textes hat ein neues Jahr begonnen und das Volksbegehren wurde im Parlament behandelt. Zeitgleich erreichte die ParlamentarierInnen ein offener Brief spanischer ExpertInnen, die darin Vergleiche zur unklaren Situation des Rauchverbots in Spanien um 2005 ziehen. Man hätte auch in Spanien zunächst lediglich eine Trennung von Raucher- und Nichtraucherlokalen vorgesehen, wobei dies zu Grauzonen führte und schließlich zum generellen Verbot in der Gastronomie. Der Politologe Peter Filzmaier kommentiert die Relevanz der Behandlung des Volksbegehrens im Kurier als »möglichst elegante Beerdigung der Themen unter möglichst geringer Aufmerksamkeit«. Nach Anhörung der InitiatorInnen sowie ExpertInnen sei die Sache abgeschlossen, es sei denn die schwarz-blaue Regierung ließe sich plötzlich zu einer anderen Entscheidung hinreißen. Dies sei dem Systemfehler des Konzeptes von Volksbegehren geschuldet: »Einerseits wollten die Gründerväter der Zweiten Republik direkte Demokratie ermöglichen, andererseits hatte man nach sieben Jahren Indoktrination durch die Nationalsozialisten Angst davor. Daher entschied man sich für die nach wie vor gültige – in Filzmaiers Worten – ›nicht Fisch, nicht Fleisch‹-Variante«.

(Um Zweifel zu vermeiden: lasst uns rauchen!)



Ich muss in der momentanen Situation ständig an Robert Musil denken – das heißt – den Autor des »Mann ohne Eigenschaften« und die Erzählstimme des Protagonisten Ulrich. Der viel zitierte Passagenroman von dem man in Österreich gerne ähnlich ahnungsvoll aber ohne Genaues zu wissen spricht – wie anderswo vom »Ulysses« oder von der »Suche nach der verlorenen Zeit« – handelt neben allen anderen Dingen, eingebettet in die Zeit der Österreichisch-Ungarischen k. u. k. Doppelmonarchie vor dem ersten Weltkrieg, von der sogenannten »Parallelaktion im kleinen Land ›Kakanien‹«. Unter absurden Umständen wird Ulrich zum Mitakteur dieser Aktion, bei der die Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 70. Thronjubiläum des Kaisers Franz Joseph als eifersüchtiges Gegenprojekt zu dem von den Initiatoren erwarteten 30. Thronjubiläum des Deutschen Kaisers Willhelms des Zweiten zu sehen sind.

Aus dem Mann zu zitieren, will gelernt sein. Selbst freies Wiedergeben fällt nicht immer leicht, weil sich der spezifische und vielleicht österreichische Witz von Musil in den mäandernden Satzteilen verbirgt.

»Es lohnt sich scheinbar kaum, davon zu reden, so klaglos wirkt es. Aber wenn man näher hinsieht, ist es doch ein äußerst künstlicher Bewußtseinszustand, der dem Menschen den aufrechten Gang zwischen kreisenden Gestirnen verleiht und ihm erlaubt, inmitten der fast unendlichen Unbekanntheit der Welt würdevoll die Hand zwischen den zweiten und dritten Rockknopf zu stecken. Und um das zuwege zu bringen, gebraucht nicht nur jeder Mensch seine Kunstgriffe, der Idiot ebensogut wie der Weise, sondern diese persönlichen Systeme von Kunstgriffen sind auch noch kunstvoll eingebaut in die moralischen und intellektuellen Gleichgewichtsvorkehrungen der Gesellschaft und Gesamtheit, die im Größeren dem gleichen Zweck dienen. Dieses Ineinandergreifen ist ähnlich dem der großen Natur, wo alle Kraftfelder des Kosmos in das der Erde hineinwirken, ohne daß man es merkt, weil das irdische Geschehen eben das Ergebnis ist; und die dadurch bewirkte geistige Entlastung ist so groß, daß sich die Weisesten genau so wie die kleinen Mädchen, die nichts wissen, in ungestörtem Zustande sehr klug und gut vorkommen.

Aber von Zeit zu Zeit, nach solchen Zufriedenheitszuständen, die man in gewissem Sinn auch Zwangszustände des Fühlens und Wollens nennen könnte, scheint das Gegenteil über uns zu kommen oder, um es gleichfalls in Begriffen eines Narrenhauses auszudrücken, es setzt dann plötzlich auf der Erde eine gewaltige Ideenflucht ein, nach deren Ablauf das ganze Menschenleben um neue Mittelpunkte und Achsen gelagert ist. Die tiefer als der Anlaß reichende Ursache aller großen Revolutionen liegt nicht in der angehäuften Unzuträglichkeit, sondern in der Abnützung des Zusammenhalts, der die künstliche Zufriedenheit der Seelen gestützt hat. Man könnte darauf am besten den Ausspruch eines berühmten Frühscholastikers anwenden, der lateinisch ›Credo, ut intelligam‹ lautet und etwas frei sich etwa so ins zeitgenössische Deutsche übersetzen läßt: Herr, o mein Gott, gewähre meinem Geist einen Produktionskredit!


Denn wahrscheinlich ist jedes menschliche Credo nur ein Sonderfall des Kredits überhaupt. In der Liebe wie im Geschäft, in der Wissenschaft wie beim Weitsprung muß man glauben, ehe man gewinnen und erreichen kann, und wie sollte das nicht vom Leben im ganzen gelten?! Seine Ordnung mag noch so begründet sein, ein Stück freiwilligen Glaubens an diese Ordnung ist immer darunter, ja es bezeichnet wie bei einer Pflanze die Stelle, wo der Trieb angesetzt hat, und ist dieser Glaube verbraucht, für den es keine Rechenschaft und Deckung gibt, so folgt bald der Zusammenbruch; es stürzen Zeitalter und Reiche nicht anders zusammen wie Geschäfte, wenn ihnen der Kredit verlorengeht. Und damit wäre diese grundsätzliche Betrachtung des seelischen Gleichgewichts von dem schönen Beispiel Bonadeas zu dem traurigen Kakaniens gelangt. Denn Kakanien war das erste Land im gegenwärtigen Entwicklungsabschnitt, dem Gott den Kredit, die Lebenslust, den Glauben an sich selbst und die Fähigkeit aller Kulturstaaten entzog, die nützliche Einbildung zu verbreiten, daß sie eine Aufgabe hätten.« (Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 109)

Am 17. Mai 2019 tritt H. C. Strache als Vizekanzler der österreichischen Regierung zurück und leitet damit die Auflösung der schwarz-blauen Koalition durch Neuwahlen ein. Er tut dies als Reaktion auf die Veröffentlichung eines annähernd sechsstündigen filmischen Materials, welches ihn gemeinsam mit seinem Parteikollegen bei einem zunehmend feuchtfröhlichen Gespräch mit einer vorgeblichen russischen Oligarchin in einer Villa auf Ibiza zeigt. Unter anderem verspricht er ihr im Gegenzug für potentielle Stimmungsmache für seine Partei vor der Wahl 2017 durch Investition in die österreichische Kronenzeitung Vorteile. Wer auch immer die Autoren oder Auftraggeber des sorgfältig geplanten Szenarios sind, sie hätten sich wohl das Ausmaß der ungenierten Selbstüberschätzung, die selbst kleinere Ausschnitte aus dem Video zeigen, so nicht erträumen können. Mit dem sogenannten Ibizagate erlangt das Ausgangsthema dieses Textes eine zugegeben unvorhergesehene karikaturistische Schärfe, wobei trotz der ersten wohltuenden Schadenfreude die Dimension der ungenierten Korruptionslust erschrecken muss. Zumindest für einen Moment scheint die Logik des Karnevals hier leuchtend als politische Handlungsfähigkeit auf, selbst wenn die Rollen der Narren schon lange nicht mehr klar verteilt sind. Rufe nach einer »Parallelaktion« sind verständlich, obgleich es sich um eine sehr österreichische Geschichte handelt.

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Photo by Spiros Kokkonis

Christos: Breathing in the Teargas

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