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»the anger belongs to the gods«, D21 Kunstraum, Leipzig, 2018. Foto: Paula Gehrmann
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Foto von Olga Holzschuh
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Foto von Olga Holzschuh
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Foto von Olga Holzschuh

Olga Holzschuh: »Welcher Konstitution ordnen wir uns unter?«

May 4, 2019
Text by Lena Katharina Reuter
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»the anger belongs to the gods«, D21 Kunstraum, Leipzig, 2018. Foto: Paula Gehrmann

Olga Holzschuh spricht mit PW-Magazine über die Kontrolle des heutigen Menschen in privaten und institutionellen Räumen und die harmonisierende Wirkung von Farben.

Olga Holzschuh thematisiert in ihren Arbeiten verschiedene Formen der Kontrolle und sucht nach den Konstitutionen, denen sich Menschen und Körper unterordnen. Wie wirken sich Kontrollmechanismen auf das individuelle Denken, Fühlen und Handeln im digitalen Zeitalter aus? Wie schmal ist der Grat zwischen Regulierung und Optimierung und welche Rolle können Farben dabei spielen? Die Künstlerin im Gespräch mit Lena Katharina Reuter über Emotionalisierung in der Arbeitswelt, Selbstsorge und lösungssuchendem Zorn. Mit einem fotografischen Essay der Künstlerin.

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Foto von Olga Holzschuh

Du lebst und arbeitest im Rheinland und neben deiner künstlerischen Praxis gehst du einer Lehrtätigkeit an der Universität in Köln nach. Wie wichtig ist dir die Verbindung zwischen künstlerischer Praxis und Theorie?

Theoretische Ansätze sind mir in meiner künstlerischen Arbeit sehr wichtig und ich binde sie auch in meiner Lehre mit ein. Als ich am Institut angefangen habe, musste ich ein Lehrkonzept vorlegen und auch hier war Theorie ein wichtiger Teil. Ich würde mich aber nicht als Theoretikerin sehen, viel mehr als Künstlerin, die mit Theorien arbeitet. Ich verstehe beispielsweise den Umgang mit geisteswissenschaftlicher Theorie als eine künstlerische Strategie, die ich als Basis meiner Arbeit nutze.

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Foto von Olga Holzschuh

Ich sehe dich als Beobachterin von Körpern - Du untersuchst Gesten und Posen sowie die Veränderung menschlicher Berührung im Zusammenhang mit digitaler Technologie und widmest dich dabei bestimmten Körperstellen. Wie ist dieses Interesse entstanden? Welches Potential liegt im menschlichen Körper für dein künstlerisches Schaffen?

Also ich würde eher sagen, dass ich nicht nur eine Beobachterin von Körpern, sondern eine Beobachterin generell bin. Für mich handelt es sich mehr um Phänomene, ich nenne sie auch gerne Settings, die ich beobachte oder Dinge, die mir auffallen, die in den letzten Jahren in meiner Praxis immer an Körpern gebunden waren. Ich finde bestimmte Körperhaltungen und -formationen visuell sehr stark und entdecke ich etwas, gehe ich dieser Faszination nach und versuche das Phänomen dahinter zu entschlüsseln. Es interessiert mich, welcher Konstitution wir uns unterordnen und um welche Art von Metapher es sich handelt. Oft reicht eine kleine Bewegung aus, die mir wie ein wiederkehrendes Muster erneut begegnet. Mein Interesse ist dahin gehend gewandert, wie Nahkörpertechnologien unsere Körper beeinflussen und formen. Es geht mir bei der Untersuchung weniger um eine Kritik der technischen Geräte, die wir tagtäglich nutzen, sondern viel mehr um die Frage, was genau sie mit uns machen und um eine Spekulation der Zukunft im Sinne eines Future Body.

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Foto von Olga Holzschuh

In deiner fotografischen Praxis hast du viel im Genre des Portraits geforscht. Heute zeigen deine Fotografien und Skulpturen fragmentierte Portraits von Körpern. Wie hat sich dieser Blick in deiner Arbeit entwickelt?

Ich habe ab einem bestimmten Punkt in meinem Studium angefangen mich mit Fotografie zu beschäftigen und in dieser Zeit sind auch die meisten Portraits entstanden. Nach meinem Studium habe ich kaum mehr im klassischen Sinne portraitiert, aber habe diesen Blick weiterentwickelt. Damals hat sich das Medium für meine Forschung angeboten, da ich mich mit Parametern von Männlichkeit und Weiblichkeit im Sinne von heteronormativen Darstellungsmustern beschäftigt habe. Und je nach künstlerischem Forschungsstand hat sich das Medium weiterentwickelt und das Portrait thematisch verschoben. Ich habe immer mit inszenierter Fotografie gearbeitet und das kommt jetzt dem ganz nahe, was ich in meinen installativen Arbeiten mache. Die Inszenierung im Fotostudio habe ich auf Räume und Gesten ausgeweitet.

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Foto von Olga Holzschuh

Wenn du eine Ausstellung konzipierst spielt die Farbgestaltung der Wände eine wichtige Rolle. Die Wandfarbe verdeutlicht für mich das installative Element deiner Arbeit, funktioniert als Display und dient der Abgrenzung. Wie triffst du die Farbwahl und auf was beziehen sich die Farben?

Die Farbwahl in meiner Arbeit ist tatsächlich erst seit der Ausstellung, die ich im Rahmen des Kunstpreises 2017, im Kasseler Kunstverein realisiert habe, sehr präsent geworden. Ich habe dort zum ersten Mal ein blaues Farbelement in meine Installation »analysis on distance« integriert. Thematisch untersucht die Arbeit verschiedene Perspektiven und Elemente unserer emotionalen Welt und wie sie im Kontext der Digitalisierung und in einer kapitalistischen Wertegesellschaft verhandelt wird. Für mich stand die Distanz, vor allem die emotionale Distanz, die beispielsweise dann entstehen kann, wenn man jemanden online kennenlernt, im Mittelpunkt. Um auf deine Frage zur Farbwahl zurück zu kommen, mich haben hier die verschiedenen Konnotationen der Farbe Blau interessiert. Was wird mit Blau assoziiert und welche Verknüpfungen können dabei entstehen? Das menschliche Auge nimmt in der Regel blaue Töne als weiter entfernt wahr. In diesem Zusammenhang hat mir eine Bekannte von dem Begriff der blauen Distanz erzählt. Die blaue Distanz beschreibt den Raum zwischen Horizont des Meeres und dem blauen Himmel. Es ist der Moment, wenn die beiden Bereiche verschmelzen und nicht mehr zu erkennen ist, was was ist. Diese Beschreibung fand ich sehr passend zu der Frage, wie wir Intimität und Nähe im digitalen Zeitalter verhandeln. Zumal die Farbe oft in Verbindung gebracht wird mit einer abstrakten Vorstellung von Digitalität und digitaler Welt.

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Foto von Olga Holzschuh

In Wien tauchst du den Raum der Galerie in Pink. Was hat das damit auf sich?

Ich finde es spannend, wie Farben mit Bedeutung belegt sind und wie sie in welchem Kontext und Zweck verwendet werden. So bin ich auch auf die Farbe »Cool Down Pink One« gestoßen. Ich arbeite mich jetzt schon ganz lange an dieser Farbe ab und habe sie neben Wien auch für ein Projekt in Leipzig verwendet. Es ist ein nahezu fleischliches Rosa, das mich gefesselt hat. Denn schon in den letzten Jahren lag meine Farbauswahl in meinen fotografischen Arbeiten, die sich mit Glätte und Ästhetiken von Glätte in Sozialen Medien beschäftigt habe, in dem Spektrum von Pink und Lila. Für Wien ist es spannend, dass genau dieser Rosaton »Cool Down Pink One« in Nervenanstalten und Psychiatrien, als auch in Einzelhaftanstalten in den USA, in der Schweiz und in Deutschland verwendet wird. Der Farbe wird ein psychologischer Effekt nachgesagt, der harmonisierend auf Menschen wirken und Insassen beruhigen soll. Harmonisierend ist für mich nicht der richtige Begriff, ich verstehe die Farbe vielmehr so, dass sie Aggressionen sediert.

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Foto von Olga Holzschuh

Regulierung oder Kontrolle kann auch im Sinne einer Optimierung verstanden werden. Optimierung nicht nur des Körpers, sondern auch von Emotionen. In deiner Ausstellung i wish you were different in der Galerie Koenig2 geht es um Emotionskontrolle im Privaten und Öffentlichen. Über welche Kontrolle sprichst du?

In der Ausstellung in Wien geht es darum, wie Kontrolle im privaten sowie institutionellen Raum in einer neoliberalen Gesellschaft instrumentalisiert wird und wie wirkt sich diese auf unser Denken, Handeln und Fühlen aus. In diesem Zusammenhang habe ich mich mit Eva Illouz beschäftigt, die von einer Rationalisierung von Emotionen im Privaten und einer Emotionalisierung in der Arbeitswelt spricht. Emotionen und Fähigkeiten werden direkt in Leistung und Optimierung übersetzt. Neben den institutionellen Bedingungen thematisiert »i wish you were different« wie wir im Alltag unsere emotionalen Schwierigkeiten und Probleme verhandeln. Wo wenden wir uns hin und welche Mechanismen eignen wir uns an, wenn es uns nicht gut geht? Zahle ich jede Woche 20 € und gehe zu meinem Yogakurs und hoffe dadurch meine Mitte zu finden? Oder verwende ich täglich eine Meditationsapp, um wieder in einen Flow zu kommen und in meinem Job zu funktionieren? Das ist eine Form der Selbstsorge und Selbstbewusstsein, die natürlich sehr gut ist, aber sie richtet sich nicht dahin, wo die Probleme beginnen. Für mich schwingt gleichzeitig mit, dass versucht wird jeder Person bewusst zu machen, dass es ein individuelles, anstatt ein strukturelles Problem ist. Es wird nicht danach geschaut, wo die sozioökonomischen Strukturen kränkeln oder welche hierarchischen Strukturen dafür sorgen. Verständlicherweise wird nach einer schnellen Lösung gegriffen, aber die Ursachen, die uns kontrollieren, scheinen außer Acht gelassen zu sein.

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Foto von Olga Holzschuh

Ich habe deinen Standpunkt im Sinne einer feministischen Kritik am Kapitalismus verstanden und musste an Harriet Taylor Mill denken. Schon vor 150 Jahren schlägt Mill mit einer Perspektive auf Freiheit keine Abgrenzung der Individuen vor. Sie sieht Fortschritt im für- und miteinander Arbeiten und in der Fähigkeit in gegenseitigen Beziehungen zu denken. Sprich Freiheit nicht als Abgrenzung und Distanzierung gegenüber anderen, sondern Freiheit in wechselseitiger Bindung zu verstehen. Warum fällt es so schwer in Bezug auf Arbeit emotionale Bindung als etwas produktives zu sehen?

Ich würde das nicht so sehen, dass es für Emotionen in der Arbeitswelt keinen Platz gibt. Ganz im Gegenteil, es geht viel um deine Emotionen. Wie schon eben erklärt, ist deine ganze Persönlichkeit Teil deiner Arbeitskraft, die mit bewertet wird, und deine Arbeit fließt mit in deine Freizeit ein. Durch die Vermessung und Aufspaltung in die individuellen Fähigkeiten wird jede Person vereinzelt und das Gesellschaftliche in der Gesellschaft geht verloren. Dieses Durchmessen thematisiert Christoph Kucklick unter anderen in seinem Buch »Die granuläre Gesellschaft«. Für ihn ist letztendlich Empathie das Einzige, das Gesellschaft unter diesen Umständen noch schaffen kann.

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Foto von Olga Holzschuh

Der Empathie steht in gewisser Weise der Zorn oder die Wut direkt gegenüber. Deine Performance the anger belongs to the gods endet mit den Worten »The answer is to reconnect with your anger since the expression of anger is not a personal affair anymore«. Wird hier der individuelle Zorn zur öffentlichen Wut?

Mein ursprünglicher Gedanke war eine Selbstbeobachtung von meinen Momenten der Wut in Bezug auf aktuelle politische Gegebenheiten. Beispielsweiser der starke Rechtsruck in Deutschland sowie in den benachbarten Ländern, wie Ungarn, Polen und Österreich. Die Entwicklungen der letzten Jahre nehmen mir oft die Luft. Ich habe mich gefragt, wie ich mit meiner eigenen Wut umgehe und wieso sie so kurzlebig ist, wo geht sie hin und wie schnell wird sie unterbrochen und weggelenkt. Meist reicht schon eine eingeblendete Nachricht auf deinem Display, oder eine Reaktion auf deinen Post bei Instagram und schon landest du bei Katzenvideos (lacht). Bei Peter Sloterdijk ist Wut nicht nur ein Affekt, sondern eine Emotion, die als aktive Energie zu Taten führen kann und etwas Produktives in sich trägt. Diese Beobachtung hat mich interessiert, weil es mir genau um diese Taten geht. Wie kann man es schaffen die Wut in Zorn zu wandeln und wie kann man Zorn aus seiner negativen Konnotation befreien? Die Idee der Performance basiert auf einem utopischen Gedankenspiel, um diese festgefahrene Konnotation in etwas anderes zu verschieben. Wie können wir uns aktiv für etwas einsetzen, mehr Handeln und nach Lösungen suchen? Und nicht nur wütend sein und in dem nächsten Moment uns schnell mit etwas anderem ablenken. Verstehe mich nicht falsch, ich möchte nicht sagen, jeder muss politisch aktiv sein. Sondern ich suche mehr nach Perspektiven, wie man Mechanismen in seine Alltagsstruktur einbinden kann, die eine Aufmerksamkeit schaffen und die in dem eigenen Netzwerk ansetzen. Eine Perspektive auf einen reflektierten Zorn, der nach Lösungen sucht.

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