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Foto von Eva Würdinger

»Thyestes Brüder! Kapital!«: Nackte Körper und Marx in Favoriten

October 16, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Eva Würdinger

Mit »Thyestes Brüder! Kapital!« präsentiert Theatercombinat eine zeitgenössische Interpretation des antiken Seneca-Stoffes.

Nachdem ich mich für kurze Zeit im 10 Bezirk verirrt habe, finde ich den 80er-Jahre-Gebäudekomplex am Kempelenpark, ehemals im Besitz der Firma Siemens. Bespielt wird das Kasino, die vormalige Kantine der Firma. Ich betrete den ungewöhnlichen Raum und begebe mich mit dem restlichen Publikum auf eine umzäunte, durch ein paar Treppen erhabene Ebene. Während ich mich noch umblicke, ziehen sich plötzlich einige Personen aus. Die fünf entpuppen sich als Akteur*innen und begeben sich in den vor uns liegenden leeren Raum, verteilen sich und beginnen damit, diffus zu stöhnen, was sich langsam zu Schmerzensschreien steigert. Dann wird eine Figur von den anderen eingekreist und mit Farbe beschüttet. Die schmutzig gewordenen Hände wischen sie sich ab und die nun farbige, markierte Figur flieht in eine andere Ecke des Raumes: die Furie ist die erste, die die Stimme erhebt, um zu sprechen. Sie ist es, die den Fluch ausspricht. Aus ihrem Monolog wird bald ein Dialog und die Figuren treten mehr und mehr in Interaktion. Nun öffnet sich die Absperrung am Rande der Treppen und das Publikum kann hinab in den Bühnenraum treten und sich frei bewegen. Später soll sich dann noch ein junger Chor unter Akteur*innen und Publikum mischen.

Nach Senecas Tragödie versucht Tantalos die Götter über einen von ihm begangenen Diebstahl hinwegzutäuschen, indem er ihnen den eigenen Sohn zum Mahl vorsetzt. Tantalos wird in den Hades verbannt, mit ewigen Qualen bestraft und mit einem Fluch belegt, der alle seine Nachkommen betreffen soll. Die Theatercombinat-Interpretation konzentriert sich auf Tantalos‘ Enkel Thyestes und Atreus und kreist um Begriffe wie Schuld und Rache. Der antike Stoff wird ins Heute geholt und verhandelt den menschlichen Körper als Dreh- und Angelpunkt der Tat, was besonders anschaulich wird, wenn die Thyestes-Figur unwissentlich ihren eigenen Sohn in Form eines blutigen Stück Fleisches verzehrt. Gebrochen wird die Tragik dieser Szene durch Erschließung eines neuen Schauplatzes innerhalb des Kasinos: der gierig essende Thyestes hockt in einer Edelstahl-Gastroküche, was sich erst offenbart, als einer der den Bühnenraum begrenzenden Vorhänge geöffnet wird.

Das ist nicht die einzige Szene, die einen Bruch hervorruft. In wunderbar postdramatischer Manier steigt ein junger Akteur in Unterhose auf eine Leiter, um auf der obersten Sprosse stehend aus Marx‘ »Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie« vorzutragen. Er spricht unentwegt und raumausfüllend in ein Mikrofon, wirkt dabei fast wie ein Animateur. Es geht um Produktion und Konsumption, was der springende Punkt für Bosses Choreographie zu sein scheint. Bosse spricht von der heutigen Ökonomie als einem »System der Einverleibung«, quasi ein kannibalisches System. Die Analogie zu den Kategorien der Leiblichkeit in Senecas Stoff liegt nahe. Welche Körper begehen Taten? Welche Leiblichkeit hat Rache? Womit kann vergeben werden? Was muss eingesetzt werden, um Schuld zu tilgen? Die Konzentration auf die Körperlichkeit, die auch stets eine verletzliche ist, wirkt universal und schafft den Sprung ins Heute.

Bosse nutzt den Nicht-Theaterraum mit ihrem Theatercombinat gewohnt kreativ und lässt eine Choreographie entstehen, die Verletzlichkeit als Teil menschlicher Existenz erfahrbar macht. Die leiblich-räumliche Erfahrung als Publikum entspringt nicht allein aus der freien Bewegung, sondern vor allem durch die Platzierung der Figuren im Raum und deren Sprechen. So entwickelt sich eine spatiale Dynamik zwischen den Figuren, die das Publikum miteinschließt. Ohne viel in Bewegung zu sein, wird hier doch sehr viel bewegt. Die Worte kreisen im Raum und hinterlassen tiefe Spuren, nicht nur in den Körpern.

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