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Foto von Franzi Kreis
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Foto von Franzi Klein
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Foto von Franzi Kreis
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Foto von Franzi Kreis

Mit aller Langsamkeit der Ekstase entgegen: Sophia Hörmanns »GLOWING current moods«

April 3, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Franzi Kreis

Die Imagetanz-Koproduktion GLOWING current moods widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Ekstase. Die österreichische Tänzerin Sophia Hörmann begibt sich in diesem Solo auf die Suche nach dem Glow-Erlebnis.

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Foto von Franzi Klein

Die Tänzerin steht am rechten Rand der Bühne, noch im Halbdunkel sind ihre Bewegungen schwer auszumachen. Sie scheint sich mit Öl einzureiben, lässt ihre Hände gewissenhaft den ganzen Körper entlang gleiten. Dann blickt sie uns direkt an: Ihr Gesicht erscheint auf der raumhohen Leinwand überdimensional groß, die Augen sind durchdringend und schauen frontal ins Publikum. Auf der Leinwand doppelt sich die einölende Tätigkeit: Hörmanns gesamter Körper glänzt, er ist von triefendem Öl überzogen. Nach diesem Intro erleuchtet der Bühnenraum: Nun ist Hörmanns aufwendiges Kostüm gut sichtbar, es ist eine Art Trikot und erinnert mit den unzähligen Rüschen eindeutig an ein sportliches Eislaufkostüm. Auch das tänzerische Vokabular bleibt an diesem Abend sportlich und wie beim Eislaufen vor allem gleitend. Das Bestechende: Hörmanns Bewegungen sind sehr langsam und bauen eine unglaubliche Spannung auf. Sie dreht ihre Runden wie auf einem Eislaufplatz, die auf den Unterkörper konzentrierten Bewegungen sind dehnend, austestend, langsam aber nicht entspannt.

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Foto von Franzi Kreis

Worauf sich Hörmann hier im brut im Dschungel Wien so gekonnt bewegt, ist kein gewöhnlicher Theaterboden, sondern mit Vaseline eingelassene Plexiglasplatten, die so glatt sind, dass sie das Licht von Scheinwerfern und Leinwand wie ein Spiegel abbilden. Bei genauerem Betrachten fällt die immense Spannung der gesamten Beinmuskulatur auf. Die Tanzbewegungen müssen viel Kraft und Kontrolle kosten, kein einziges Zittern oder Rutschen ist zu sehen. Als die akustische Ebene mit ihrem technoiden Klang dann immer lauter und durchdringender wird, ergibt sich ein elektrifizierendes Spannungsfeld zwischen dieser Kontrolliertheit und dem vorwärtstreibenden Beat der Musik. Hörmann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und genau diese beharrliche Langsamkeit gipfelt in einem ekstatischen Moment. Nach diesem Höhepunkt – dem Glow quasi – ist die Tänzerin in einer ruhigeren Sequenz zu sehen, beim Runterkommen sozusagen. Sie bewegt sich auf den Knien oder liegt seitlich am Rücken, trägt eine mit Perlen und Glitzerfäden geschmückte Maske und drückt in dieser vermeintlich entspannten Haltung doch eine gewisse Unruhe aus. Die Frage steht im Raum, ob ein »ultimatives Glow-Erlebnis«, wie es im Programmheft heißt, überhaupt erreicht werden kann – und was darauffolgt. Wann kommt der nächste Höhepunkt? Wie lange wird es diesmal dauern?

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Foto von Franzi Kreis

Hörmann zeigt in »GLOWING current moods« eine hypersexuell aufgeladene Formsprache, die mehr durch Kontrolle als durch Ekstase besticht und so ein Konzentrat an Souveränität und Macht über den eigenen – wenn auch stark sexualisierten – Tänzerinnenkörper darstellt. Hörmanns knappes Kostüm ist aus hautengem Latex gefertigt, vom Scheitel bis zu den nackten Zehen ist sie von Öl überzogen und verkörpert in Kombination mit der unglaublich kontrollierten Performance eine starke Sexualität, die nicht dem Genuss anderer dient, sondern stets Ausdruck des Selbst bleibt. Der Beititel lässt es anklingen: »current moods« – hier geht es um eine Reflexion über das eigene Verständnis von Ekstase oder vielleicht auch einfach nur sich selbst. Das Einölen des Körpers kann auch ein Ritual der Hautpflege sein, ein intimer Moment, ein Wellness-Ritual. Nicht nur in der ruhigen Szene nach dem dramaturgischen Höhepunkt wirkt die Tänzerin mit sich allein, in der gesamten Choreographie ist ein Mit-sich-selbst-Sein auszumachen. Auch wenn Hörmanns Latexkostüm vor Schweiß trieft und ihren ohnehin schon glänzenden Körper noch mehr durchnässt, fühle ich mich hier nie als Voyeurin, die einer exzessiven Eruption beiwohnt. Es ist Hörmanns beeindruckende Kontrolle über den Körper, die einer meditativen Auseinandersetzung mit dem Selbst gleicht und uns ZuschauerInnen zu ZeugInnen eines ganz eigenen »Glows« macht.

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