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Foto von Simo Karisalo
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Foto von Eva Würdinger

Material Worlds im Tanzquartier: Sonja Jokiniemis »Blab« und Lisa Hinterreithners »and and«

February 12, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Simo Karisalo

Im Wiener Tanzquartier zeigen die finnische Choreographin Sonja Jokiniemi und die österreichische Performerin Lisa Hinterreithner an einem Doppelabend zwei Arbeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der Themenschwerpunkt Material Worlds wird im Tanzquartier von einem Vortrag der Theoretikerin und Künstlerin Martina Ruhsam gerahmt und thematisiert wie David Wampachs ENDO die Beziehung zwischen Körper, Objekt und Material. Jokiniemis Blab widmet sich der sogenannten Ökologie der Dinge. Der aus der Medienwissenschaft stammende Begriff meint, dass wir mit Dingen, Objekten und Technologien in einem Verhältnis stehen. In solchen Ökologien handeln nicht nur menschliche Subjekte, sondern auch Medien oder Objekte.

Das setzt die finnische Choreographin und bildende Künstlerin als »Blab« um: ein vorsprachliches Kommunizieren zwischen PerformerIn und Objekt. In einem installativen Setting treffen drei PerformerInnen in unterschiedlichen Nacktkostümen auf überdimensionale Malereien Jokiniemis, Kunstobjekte, die wie abstrakte Torsi menschlicher Körper wirken und eine Menge Ketten, Seile und Phalli. Gesprochen wird hier nicht – ab und an werden sinnliche Laute ausgestoßen. Diese Vorsprachlichkeit entspricht der Art und Weise, wie die PerformerInnen mit den Objekten interagieren: nämlich mittels Berührung. Als wären sie auf alle Ewigkeit in Sigmunds Freuds oraler Phase gefangen, wird hier geleckt, behaucht, gekostet, gesteckt, verschlungen. Der Mund ist es, der diese mediale Ökologie erforscht.

Jokiniemi geht es dabei um Fragen von Menschlichkeit, Subjekt- und Objektstatus. Haben Dinge eine eigene Sprache? Wie interagieren wir mit unserer Umwelt? Leider lenkt der exzessive Gebrauch von Phalli, insbesondere von den weiblichen Performerinnen in verschiedenster, aber immer sexuell codierter Art und Weise, von solch spannenden Fragen ab. Wenn zwei PerformerInnen dann zu unförmigen Monstern mit überdimensionierten Penissen in der Mundöffnung werden und auf uns zu robben, ist das zwar lustig, aber wenig reflektiert. Die vermeintliche Übermächtigkeit des Phallus wird nur vom tatsächlichen Penis des männlichen Performers gebrochen, der aus einer der Maschen der groben Netzstrumpfhose hervorquillt und einem richtig leidtut.

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Foto von Eva Würdinger

Weiter geht es mit and and der österreichischen Choreographin, Performerin und Dozentin Lisa Hinterreithner. Mit einfachsten Mitteln wie Gummischnüren, großen schwarzen Plastiksäcken und bunten Klebebandstreifen schafft Hinterreithner eine performative Installation, in der wir uns zunächst frei bewegen und uns dann einen Platz suchen können.

Zu den atmosphärischen Klängen, die Mory live produziert, beginnen Hinterreithner und ihre Co-Performerin Linda Samaraweerová dann damit, die am Boden und an allen Wänden platzierten, bunten Klebebandstreifen aufzuheben, um zukleben, an sich selbst oder die Partnerin zu kleben. Als Samaraweerová dann plötzlich ein Wort erscheinen lässt, indem sie die auf der Wand vorbereiteten Klebestreifen neu kombiniert, wird klar, worum es hier geht. Die vielen bunten Streifchen sind Wörter, Sprachen, Bezeichnungen, im wahrsten Sinne des Wortes Labels. Denn ein Label ist nicht nur eine Bezeichnung, eine Kennzeichnung, sondern eben auch ein Etikett, etwas, das man sich auf die Brust kleben kann, um zu verdeutlichen, in welches Lager man gehört.

Hinterreithner setzt sich in ihren Arbeiten meist mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen und Identitätspolitiken auseinander. And and geht aus dem Projekt and aus dem Vorjahr hervor und greift aktuelle Theorien des Feminismus und Ideen des Nation Buildung und der Zugehörigkeit zu Gruppen auf. Hinterreithner und Samaraweerová schnappen sich Labels, kennzeichnen sich mit bestimmten Zugehörigkeiten oder ziehen diese wieder vom eigenen Körper ab. Immer wieder teilen sie sich auch gegenseitig Labels zu. Dann die Diskussion darüber, welche Art von Feministin man denn sei: eine unschuldige? Eine Huren-Feministin? Eine arme oder reiche, eine privilegierte oder doch eine unterdrückte? Wieder wird mit bunten Labels hin und her geworfen, neue Worte und sogar Sätze entstehen: »I am so tired of this tension«. Diese Referenz an die australische Komödiantin und Autorin Hannah Gadsby ist nur eine von vielen – auch Ideen der Wissenschaftlerin und Aktivistin Sarah Schulman oder des Soziologen Didier Eribon fließen ein.

Bedrohlich hängen die riesigen schwarzen Säcke von der Decke und man stellt sich vor, wie sie mit Worthülsen und Labels gefüllt sind, die nur darauf warten, auf die Performerinnen hereinzubrechen. Mit deutlichen Metaphern und einer gehörigen Portion Humor verhandelt Hinterreithner komplexe soziale Zusammenhänge und verpackt das Ganze in eine kluge und durchdachte Choreographie, die untermalt mit Morys wunderbar sphärischen Klängen noch länger nachhallt. Am Schluss gibt’s dann sogar eine kurze, von Hinterreithner gesungene Ode an den Optimismus. Viele, viele Labels und der Drang, sich in Zeiten von Online-Aktivismus und Social-Media-Profilen auszuweisen, um dazuzugehören, führt hier noch lange nicht zur Resignation, sondern viel eher zur hoffnungsvollen Reflektion.

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