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Foto von Marie Haefner
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Johan Hartle: Das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit

October 30, 2019
Text by Paula Thomaka
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Foto von Marie Haefner

Zum Amtsantritt spricht Johan Hartle, neuer Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien, mit Paula Thomaka über das kritische Potenzial der Hochschule, wofür Theorie benötigt wird und warum jede künstlerische Position eine Form von Welthaltung ist.

Die Akademie der bildenden Künste Wien ist seit mehr als 300 Jahren eine der bedeutendsten Bildungseinrichtungen für Künstlerinnen und Künstler. Mit dieser Interviewreihe gibt das PW-Magazine Einblick in die Lehre und das künstlerische Schaffen der Professor*innen.

Sie sind seit dem 1. Oktober 2019 neuer Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt waren Sie kommissarischer Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der Sie zuvor Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie waren. Was charakterisierte Ihre Lehre?

Ich habe immer Seminare gegeben, die eine These enthalten und die immer auch einen besonderen Zugang zu den jeweiligen Themen präsentiert haben. Die Studierenden sollten in das, was mich antreibt, einbezogen werden. Insofern stand meine Lehre in irgendeiner Form in Bezug zu meiner Leidenschaft beziehungsweise meiner eigenen Forschungsarbeit oder hatte mit meinem eigenen Netzwerk zu tun. Ich wollte Zugänge eröffnen. Natürlich sollte den vorgeschlagenen Zugängen auch widersprochen werden. Mir war immer wichtig, die jeweiligen Themen aus einer bestimmten Perspektive heraus zu verhandeln und diese Perspektive anschließend selbst zu prüfen und zu diskutieren.

Wie kann Kunst unterrichtet werden?

Mit der Akademie und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe habe ich zwei Modelle kennengelernt, die einen unterschiedlichen Umgang damit pflegen. Das klassische, historische Modell ist durch eine freie Form der Auseinandersetzung mit einem etablierten Profil, mit etablierten Lehrer*innen gekennzeichnet. Das ist die Idee der künstlerischen Klasse. Es geht dabei um die Einübung eines Verhaltens, eines Gestus, anhand dessen man gegenüber zeitgenössischer Klischees und Herausforderungen des Kunstsystems sowie nicht zuletzt des Marktes umzugehen lernen muss. Jede künstlerische Position ist ja auch eine Form von Welthaltung, die nicht nur technisch oder theoretisch beigebracht werden kann. Sie benötigt eine Auseinandersetzung mit künstlerischen Vorbildern. Gleichwohl halte ich auch den Ansatzpunkt für sehr interessant, eine Lehre thematisch über Kurse und an Hand von handwerklichen und technischen Fertigkeiten sowie Fragestellungen zu entwickeln. Das ist freier und als Lehrform auch etwas synthetischer. Insofern verlangt es den Studierenden aber auch mehr Eigenständigkeit in der Profilbildung ab. Irgendwo zwischen beiden Modellen liegt wahrscheinlich die Wahrheit.

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Foto von Marie Haefner

Sie sind für Forschung, Wissenschaft und Internationales an die Akademie berufen worden und möchten nun das wissenschaftliche Profil stärken. Welche Balance benötigt Kunst zwischen Theorie und Praxis?

Die Akademie hat sich in dem Grenzbereich zwischen Theorie und Praxis profiliert. Der hybride Ph.D. reflektiert auch auf theoretischer Ebene mit, was die künstlerische Praxis leisten kann. Experimentelles und im weitesten Sinne performatives Arbeiten erschließt neue Wissensfelder und kann somit Forschung neu begründen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Künstler*innen lernen, sich zu bestimmten Konditionen eines Feldes zu verhalten. Dafür wird ein gewisses Sozialwissen über Strukturen und habituelle Bedingungen, also eben auch Theorie benötigt. Die theoretische Arbeit ist notwendig und eine Voraussetzung, um ein kritisches Verhalten zu Machtstrukturen und institutionell verfestigten Erwartungshorizonten gewinnen zu können. Zugleich ist die Theorie, wenn sie nicht ganz grau und abstrakt bleibt, immer auch ein Substrat von Erfahrungen, das aus der zeitgenössischen Praxis bezogen wird. Das sind etwa die Spannungslinien von Theorie und Praxis, die mir vor Augen stehen. Natürlich muss den vorgeschlagenen Zugängen auch widersprochen werden.

Was können wir auf struktureller und institutioneller Ebene für Veränderungen erwarten, insbesondere in Bezug auf eine Neupositionierung der Akademie im öffentlichen Raum?

Grundsätzlich gilt, dass ich die bereits vorhandenen Expertisen im Haus sehr ernst nehme. Allerdings wünsche ich mir eine Neupositionierung der Akademie im öffentlichen Raum. Das steht in Zusammenhang mit der Frage, was an kritischen Potenzialen, an Interventionen von einer Kunstpraxis, von einer dem Kunstfeld zugeordneten Denkweise zu erwarten ist. Daraus folgen zwei interessante Widersprüche, an denen ich mich abarbeiten möchte. Das Kunstfeld einer Akademie neigt wiederholt dazu, seine eigenen Milieus auszubilden. Diese Partikularkulturen stehen jedoch im Widerspruch zum öffentlichen Auftrag, der sich ja nicht nur an spezifische Milieus richtet. Der andere Widerspruch bezieht sich auf ideologische, politische und repressive Verengungen des politischen Raums. Gerade aus einer Kunstperspektive, also aus der Perspektive derer, die sich experimentell mit Lebensformen beschäftigen, kann und soll dieser politische Raum geöffnet, verlebendigt und kritisiert werden, um Öffentlichkeit im emphatischen Sinne erst möglich zu machen. In diese Konfliktlinien hinein möchte ich gerne Strukturen schaffen.

Könnten Sie das bitte näher erläutern?

Eine der Ideen und Wünsche ist ein aktives Rektorat, das öffentliche, kunstpolitische Debatten sehr viel stärker mit begleiten soll, als das bisher geschehen ist. Allerdings geht es mir dabei nicht so sehr um individuelle Positionen, sondern um eine strukturelle Verankerung von Diskursen. Mein Wunsch ist also eine ausdrückliche Institutionalisierung des Verhältnisses von Kunst und Öffentlichkeit. Die Akademie wird demnach mehr und mehr als eine relevante Akteurin im öffentlichen Raum auftreten, um das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen.

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Ist demnach eine politische Positionierung angestrebt?

Als Vertreter einer öffentlichen Institution geht es mir nicht so sehr darum, die Akademie, das Rektorat, oder mich individuell politisch zu positionieren. Unabhängig davon, dass ich selbst politische Positionen habe, die ich nicht verstecken möchte und die den inneren Diskurs der Akademie auch beleben sollen. Viel bedeutender ist es, den Handlungsraum der Akademie von Neuem zu definieren. Verengungen des politischen Raums für künstlerisches und intellektuelles Handeln müssen beispielsweise durch kunstpolitische Praxen aufgesprengt werden. Politik wäre in jedem Fall immer von der Kunst aus zu denken oder von der intellektuellen Arbeit, die von der Akademie mit Blick auf ihre zentralen Aufgaben zu leisten ist.

Die marxistische Kulturtheorie gehört zu Ihren Forschungsfeldern. Woher stammt Ihr Interesse und woran arbeiten Sie zurzeit?

Ich komme aus einer politischen Kultur, die sehr stark durch die Systemkonkurrenz gekennzeichnet war und sich an dieser abgearbeitet hat. Mich interessiert weiterhin die Frage, inwiefern die Möglichkeit einer strukturellen Veränderung der Gesellschaft und ihrer ökonomischen Machtstrukturen aktuell bleibt, auch nach dem Scheitern des realen Sozialismus. Damit verbinden sich bestimmte philosophische Haltungen, die strukturelle und ökonomische Fragen in den Vordergrund rücken und von dort auch mit kulturellen sowie identitätspolitischen Fragehorizonten abzugleichen sind. Von dort aus denke ich auch die Politik der Institutionen. Die institutionellen Herausforderungen unterscheiden sich jedoch stark von Forschungsherausforderungen. Deswegen hoffe ich, dass es mir gelingt, auch als Autor, gewissermaßen als Forscher an diesen Themen dran zu bleiben. Aktuell stelle ich eine große Bibliothek ungeschriebener Bücher zusammen. Insbesondere schulde ich mir noch die Fertigstellung eines Manuskripts zum Roten Wien.

Wie stehen Sie zur zeitgenössischen Kunstszene in Wien?

Wien besitzt eine unglaublich lebendige, politische und künstlerische Landschaft, die sich stark durch Gegenkulturen im Spannungsfeld des gesamtösterreichischen Szenarios definiert. Die Stadt bietet in verschiedenen »Offspaces« und selbstgestalteten Räumen mehr Nischen als unbezahlbare Städte wie München oder Frankfurt am Main. Ich freue mich besonders, die Möglichkeit zur Nischenbildung auch im Umfeld der Akademie kennenlernen zu können.

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Lau Lukkarila: Making Trouble and the Privilege of Getting There

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